Von Liebesgedichten, dem Versuch das Unaussprechliche auf originelle Weise in Worte zu packen, einer Abiturrede, die geschrieben aber nie gehalten wurde, einem Plädoyer für Einzigartigkeit, der Darlegung der Konsequenzen einer verhängnisvollen Schuh- oder Berufswahl, einem Zwiegespräch zwischen Schiller und Goethe im Himmel und einem brechend vollem Raum, in dem jeder Anwesende „Fuck that shit!“ schreit.

Hier hätte ein Bild angezeigt werden sollen.
© pixabay/NikolayFrolochkin

München, fünf nach acht. Die Musik verstummt, das Mikrofon wird aus der Halterung gelöst, die Begrüßung erklingt. Es ist der zweite Sonntag im Monat, die erleuchteten Gesichter blicken erwartungsvoll nach vorne und der Applaus brandet auf.

In den 1980ern in den Vereinigten Staaten entstanden, erfreut sich der Poetry-Slam in Deutschland und insbesondere in München einer großen Beliebtheit. Poetry-Slams sind keine Lesungen. Poetry-Slams sind längst aus einer Nische in die öffentliche Wahrnehmung getretene Wettbewerbe, bei denen Slam-Poeten mit ihren Texten um die Gunst des Publikums kämpfen. Dabei gibt es keine inhaltlichen oder formalen Bedingungen, die die Texte erfüllen müssen. Es ist den teilnehmenden Poeten frei überlassen, ob sie Erzählungen, Lyrik, Spoken Word, Rap, oder Comedy-Nummern vortragen und ob ihr Text sarkastisch, ernst, in Versen oder Reimen geschrieben ist. Eine besondere Bedeutung kommt der Darbietung des Textes auf der Bühne, der Performance, zu, die die Worte zu einem Poetry-Slam-Auftritt vervollständigt. Ob rhythmisiert gesprochen, zaghaft intoniert oder mit interaktiven Sprechchören aus dem Publikum verbunden – die zu bespielende Bandbreite der Lautstärke und der körperlichen Präsenz bietet zahllose performative Möglichkeiten und trägt maßgeblich zum Erfolg eines Auftritts bei.

Die Regeln eines Poetry-Slams sind simpel: die Poeten dürfen nur selbstverfasste Texte vortragen, sie haben sich an die vorgegebene zeitliche Begrenzung zu halten und dürfen weder Instrumente, Verkleidungen noch anderweitige Requisiten mit auf die Bühne nehmen.

Hier sollte eigentlich ein Bild »Poetry« ergebenden Scrabble-Steinen zu sehen sein.

© Jacqueline Bronger

Da der Poetry-Slam vorrangig ein Wettbewerb ist, werden die Auftritte der Poeten in den meisten Fällen durch die Applausintensität bewertet, welche sowohl die Lautstärke, die Dauer als auch die Johl- und Pfeiffhäufigkeit umfassen kann. Die verantwortungsvolle Aufgabe, den Sieger anhand des tosenden Applauses zu bestimmen, erfordert ein gutes Gehör und wird von den Moderatoren des Slams übernommen.

Jeder Abend gestaltet sich individuell, kein Auftritt gleicht dem anderen. Ebenso wie kein Poetry-Slam dem anderen gleicht.

 

Der Legendärste: der Original Substanz Poetry Slam

Am zweiten Sonntag jedes Monats geht es im Substanz ab 20 Uhr hoch her. Der Club, in dem der Original Substanz Poetry Slam seit über 23 Jahren traditionell stattfindet, liegt in der Isarvorstadt und ist das Epizentrum des Poetry-Slams in München. Der Einlass beginnt um 19 Uhr, es empfiehlt sich jedoch mindestens eine halbe Stunde früher in der Ruppertstraße zu erscheinen, um so weit vorn in der Warteschlange zu stehen, dass man für das Eintrittsgeld von 7 Euro hineingelassen wird. Einmal im Club angekommen stehen die meisten der Zuschauer direkt vor der Bühne und bilden während des Slams eine menschliche Gasse, durch die die Slam-Poeten auf- und abtreten können.

Die eingeladenen Gäste setzen sich aus vier lokalen und vier auswärtigen Poeten zusammen, die in zwei Vorrundenhälften gegeneinander antreten. Maximal zehn Minuten dürfen die Poeten mit einem oder mehreren ihrer Texte füllen. Anschließend müssen die Zuschauer drei Stichworte in den Raum rufen, die den Auftritt möglichst treffend zusammenfassen. Die Bewertung der Auftritte im Substanz erfolgt nach dem Applaus des Publikums. Um die Finalisten zu bestimmen, ruft der langjährige Moderator Ko Bylansky die vier Poeten der jeweiligen Vorrundenhälfte auf die Bühne, weckt die Erinnerung an die Auftritte durch das Verlesen der drei gewählten Stichworte und fordert die Zuschauer auf, ihren Favoriten unter den vier Poeten ins Finale zu klatschen. Der im finalen Duell gekürte Sieger erhält neben der Ehre, im Substanz triumphiert zu haben, meist eine ausgewählte Flasche mit hochprozentigem Inhalt.

Der sprachliche als auch performative Standard des Wortgefechts ist beeindruckend; sogar internationale Slam-Größen sowie bekannte Slam-Teams sind schon im Substanz aufgetreten und haben den Anwesenden einen inspirierenden und unterhaltsamen Abend beschert.

 

Der Schnellste: die Kiezmeisterschaft im Stragula

Die Kiezmeisterschaft findet seit 2004 jeden Monat am dritten Samstag im Münchener Westend in der Gaststätte Stragula statt. Die Bühne steht allen Vortragswilligen, ob Laien oder kampferprobten Slammern, offen; wer sich bis 20 Uhr in die offene Liste einträgt, nimmt am Dichterwettstreit teil und darf dem Publikum seinen Text präsentieren. Somit ist die Anzahl der Auftretenden nicht fixiert, sondern kann von einer einstelligen Poetenzahl bis zu über 20 Auftritten variieren. In welcher Reihenfolge die Poeten auftreten, entscheidet der Zufall; der Name des jeweils nächsten Poeten wird aus einer Lostrommel gezogen.

Während der Eintritt den normalen Besucher 5 Euro kostet, zahlen Vortragende nichts und bekommen zwei Getränkemarken für den Durst vor dem Auftritt in die Hand gedrückt.

Die Kiezmeisterschaft gilt als der schnellste Poetry-Slam Münchens, weil jedem Teilnehmer vergleichsweise kurze fünf Minuten auf der Bühne zur Verfügung stehen. Sollte ein Poet dieses Zeitfenster überschreiten, wird ihm das Mikrofon notfalls entwendet und der Auftritt beendet. Die Gestaltung dieser fünf Minuten steht jedem offen, zu beachten ist jedoch die für die Kiezmeisterschaft spezifische Regelung, dass nur ein einziger Text vorgetragen werden darf.

Zitat in englischer Sprache

»Der springende Punkt sind nicht die Punkte, sondern die Poesie.« ‒ Allan Wolf | Foto: © Jacqueline Bronger

Anders als im Substanz werden die Finalisten bei der Kiezmeisterschaft nicht über den Applaus, sondern mithilfe einer Jury ermittelt. Fünf willkürlich ausgewählte Personen aus dem Publikum, die vor Beginn des Slams angesprochen, kurz gebrieft und mit einem umklappbaren Punkte-Block ausgestattet wurden, bewerten die Auftritte nach eigenem Ermessen mit einer Punktzahl zwischen 1,0 und 10,0 Punkten – mit der Präzision einer Nachkommastelle. Dabei steht die Höchstwertung von 10,0 Punkten für einen Auftritt, der den von den Moderatoren gerne zitierten „kollektiven Orgasmus“ im Publikum auslöst. Nach jedem Auftritt wird die Jury darum gebeten, ihre Blöcke mit ihrer Bewertung zeitgleich in die Höhe zu heben. Die jeweils niedrigste und höchste Wertung wird gestrichen, die restlichen zu einer Gesamtpunktzahl summiert. Die drei Vorrundenbesten ziehen mit einem zweiten Text in das Finale ein, aus dem derjenige Poet als Sieger hervorgeht, der anschließend den stärksten Applaus bekommt. Dem Gewinner winken 50 Euro und ein Eintrag in die Hall of Fame der Kiezmeisterschaft im Internet.

Die anderen: Poetry-Slams in München

Die Abende im Substanz und im Stragula sind nur zwei von vielen Münchener Poetry-Slams wie dem Isarslam im Ampere oder dem Schrannenslam in Dachau. Alle Poetry-Slams im Großraum München werden auf Instagram bei @munichslam angekündigt. Für Email-Nutzer liegt bei den Slams eine Newsletter-Liste aus, in die man sich eintragen kann, um über bevorstehende Veranstaltungen informiert zu werden.

München, zweieinhalb Stunden später. Der vergangene Abend lässt sich grob in diesen Worten zusammenfassen: Stimmen, Menschen, Texte und vom Klatschen schmerzende Handflächen.

 

S. Düwel

 

Quellen:
https://kiezmeisterschaft.de/
https://www.instagram.com/munichslam/
https://www.substanz-club.de/

Leave a Reply