Australien. Seit einigen Jahren der Reisetrend, vor allem für Jugendliche nach dem Schulabschluss. Die Abenteuerlust ist groß, je weiter weg, desto besser. Mit Vorstellungen von Kängurus, Traumstränden, endlosen Straßen ins Outback und dem Opera House stürzen sie sich in die neugewonnene Freiheit –und zwar alle mit dem gleichen Gedanken: Ein Jahr, das mich und mein Leben verändern wird.
Recht haben sie aus meiner Sicht zweifellos alle. Doch in seltenen Fällen werden neue Freundschaften zu Familie, ein Lebensgefühl zu einer neuen Persönlichkeit und ein vorübergehendes Reiseziel zu einem zu Hause.Australien Bild 2

Oftmals ist die Planung und dementsprechend auch die Vorfreude das schönste an einer Reise. Doch auf dem Weg zum Flughafen konnte ich letztendlich nur einen einzigen Gedanken fassen –Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Alles ist perfekt geplant. Ein organisierter Job an der dünner angesiedelten und doch wunderschönen Westküste Australiens und zahlreiche Anlaufstellen. Und doch erscheint es in diesem Moment eher sinnfrei, einundzwanzig Stunden lang alleine an das andere Ende der Welt zu fliegen. Nach zwölf Stunden Flug, von denen ich ungefähr drei Stunden mit Heulen zugebracht habe, einem zweistündigen Aufenthalt in Singapur, unzähligen gedanklichen Abläufen von Worst-Case-Szenarien und weiteren sieben Stunden Flug, ist nun keine Zeit mehr sich immer wieder zu fragen, was man sich nur dabei gedacht hat, denn – Das Abenteuer beginnt.

Zu Beginn eine feste Arbeitsstelle zu haben und somit das Thema „work“ vor „travel“ zu stellen hat sich definitiv als vorteilhaft erwiesen. Die damit einhergehende finanzielle Sicherheit beruhigt im Hinblick auf die bevorstehende Reise, denn die Gehälter erscheinen vergleichsweise zu deutschen Verhältnissen im ersten Moment unverhältnismäßig hoch. Bei genauerer Betrachtung sind diese in Anbetracht der Lebenshaltungskosten auch bitter nötig. Die berufliche Schnelllebigkeit schien mir jedoch ebenso vorhanden wie auch in Deutschland. Sechs Kündigungen in kurzen drei Monaten Arbeitszeit konnte ich, vor allem aufgrund der vorhandenen, sehr guten Ausbildung der betroffenen Mitarbeiter, nicht begreifen. Deutliche Unterschiede konnte ich bei einem Blick auf die Arbeitszeiten erkennen. Einigen schien es unvorstellbar bis achtzehn Uhr im Büro zu sitzen, auf dem Weg nach Hause im Berufsverkehr so laut wie möglich andere Autofahrer zu beschimpfen und letztendlich um zwanzig Uhr, mit den Gedanken bereits im morgigen Arbeitstag, auf dem Sofa bei einer Fernsehserie einzuschlafen. Unsere globalisierte Arbeitswelt schien nur in Teilen durchgedrungen zu sein, denn vor allem in den kleinen Städten entlang der Westküste besteht nach meinen Eindrücken ab 17:00 nur noch eine sehr geringe Chance eine arbeitende Person anzutreffen.

Vermutlich sind diese Sichtweisen auf unterschiedliche Zielsetzungen und Werte zurückzuführen. In Deutschland stehen oftmals Wohlstand, beruflicher Erfolg und Besitz im Vordergrund, was für meine australischen Mitbewohner nur zweitrangig zu sein schien. Geld ist ein Mittel zum Zweck und zwar der Zweck das zu besitzen, was zum Leben benötigt wird und die Möglichkeit auf gewisse Extras. Diese sind jedoch in den seltensten Fällen materieller Herkunft, sondern beginnen schon bei der Möglichkeit an abgelegenen Stränden und spontanen Abenteuern das Leben zu genießen. Dass die Wirtschaft größtenteils in asiatischer Hand liegt, war nach einer Shopping Tour oder einem Besuch der städtischen Sehenswürdigkeiten nur schwer zu übersehen.

Australien Bild 6Viel mehr zählt die Naturverbundenheit und die dadurch entstehende Lebensfreude. Beihilfe dazu leisten natürlich zwei entscheidende Faktoren: Das dauerhaft schöne Wetter und die landschaftlichen Gegebenheiten. Unvergleichlich sind die kleinen Weinbaugebiete und weißen Sandstrände der Westküste, die  Metropolen Melbourne und Sydney, sowie die kleinen Surfer –und Hippie Städte entlang der Ostküste. Stundenlange Autofahrten auf einer geraden Straße mit nichts als rotem Sand und trockenen Büschen. Unzählige Strandtage mit Blick auf türkisblaues, klares Wasser. Ein Glas Wein in Sydney mit Blick auf das Opera House, welches bei Nacht atemberaubend beleuchtet ist. All‘ diese unvergesslichen Momente, die ich vorher nie in derartiger Begeisterung und Wertschätzung hätte erleben können.

Und wie genießt man diese Faszinationen am besten? Natürlich in einer Gemeinschaft. Freundschaften zu schließen stellte sich für mich als einfachste aller Hürden heraus. Sieben meiner zwölf Autopannen, Einkaufstouren im Supermarkt oder auch defekte Ampeln, die nach geschlagenen zwanzig Minuten immer noch nicht grün werden wollen, stellten sich als perfekte Möglichkeiten für neue Bekanntschaften heraus. Schnell hatte ich mir einen großen Freundeskreis geschaffen, denn was in Deutschland oft unangebracht, verstörend oder übertrieben erscheinen mag, fällt in Australien unter Freundlichkeit und eine völlig selbstverständliche Art und Weise der Kommunikation. Eine über ein neues T-Shirt verschüttete Tasse Kaffee treibt den ein oder anderen Deutschen gern mal in die Nähe eines Nervenzusammenbruchs, ist in Australien jedoch prinzipiell „totally fine mate!“. Schnell passte ich mich an diese Umgangsweise an und habe erkannt, wie angenehm und effektiv ein solches Miteinander sein kann. Alle australischen Einwohner die ich kennengelernt habe sind stolz auf ihre Herkunft und dementsprechend jeder Zeit bereit über Ihre Heimat zu reden, anderen ihre Heimat zu zeigen und einmal im Jahr am 26. Januar den „Australia Day“ zu feiern, auch wenn die meisten von ihnen gar nicht wissen, was eigentlich genau gefeiert wird. Eben diese Eigenschaften machten die australischen Einwohner für mich so unglaublich sympathisch.

Jedoch erschien mir der Grad zwischen Gelassenheit und Gleichgültigkeit gefährlich schmal. Aus meiner Erfahrung ist das internationale Interesse sehr gering, das Interesse an Europa besteht aus einer Maß Bier auf dem Oktoberfest und nur in wenigen Fällen wird der Schritt getan und eine Reise außerhalb der eigenen Heimat unternommen. Denn warum reisen, wenn das eigene Land so unglaublich viel zu bieten hat?

Wo Sonne ist, ist jedoch bekanntlich auch Schatten. Trotz des freundschaftlichen und hilfsbereiten Miteinanders bleiben Armut und Kriminalität nicht aus. Ich habe selbst miterleben müssen, wie eine Existenzgrundlage durch Raub und Diebstahl zerstört wurde. Erschreckend war es einen Umzugswagen mitsamt Kleidung, Möbeln, Telefon und Brieftasche nicht mehr in der Einfahrt vorzufinden. Nachdenklich machte es, am selben Tag einen aus der Tasche gefallenen 10 Dollar Schein im Sprint hinterhergetragen zu bekommen. Die Armutsgrenze ist hoch, was vor allem in den Großstädten deutlich wird. Unter jeder Brücke oder Überdachung sind unzählige Obdachlose aufzufinden ohne jegliche Unterstützung, denn der Genuss eines deutschen Wohlfahrtsstaates wird dort niemandem zu Teil und die Politikverdrossenheit scheint zu präsent, um aktiv etwas daran ändern zu wollen.

Gefahren bestehen nicht nur im gesellschaftlichen Bereich, sondern vor allem in der Natur und Tierwelt. Australien beherbergt neun der zehn giftigsten und gefährlichsten Arten der Welt. Diese Tatsache hat hier und da schon einmal zur Verflüchtigung meiner lange antrainierten Gelassenheit geführt. Vor allem, weil das, was uns umbringen kann, oftmals zu klein ist um es überhaupt zu sehen. Diverse Bekanntschaften mit kleinen, im schlimmsten Fall roten, Spinnen, wie ich aus eigener Erfahrung garantieren kann, sollte man daher meiden. Falls es dafür schon zu spät sein sollte: Renn um dein Leben.

Australien Bild 5All diese Aspekte brachten mich bereits nach wenigen Monaten zu der Frage, auf die ich lange keine Antwort finden konnte: Was genau ist es, dass mich an diesem Ort so begeistert? Das vermeintliche Auslandsjahr entwickelt sich schnell zu weit mehr als nur einer vorübergehenden Reise. All’ die gesammelten Erfahrungen bekommen im Moment des Abschieds eine andere Bedeutung. In dem Moment, der deutlich werden lässt, dass dieser Ort mit allen positiven und negativen Seiten mehr als ein Lebensabschnitt gewesen ist. Er unterscheidet sich in jeder Hinsicht von den bisherigen Gewohnheiten und Standards, jedoch keineswegs im negativen Sinne. Denn oftmals bedeuten die entscheidenden Bekanntschaften und eine differenzierte Sicht auf die Dinge mehr als ein bequemes, besser strukturiertes und sicheres System. Ein zu Hause zeichnet sich nur im seltensten Fall durch den Herkunfts –oder Geburtsort aus. Viel mehr ist es die Verbundenheit mit den Menschen, den Prioritäten und vor allem dem Lebensgefühl, welches unsere Persönlichkeit und Denkweise in einem derart kurzen Zeitraum so maßgeblich verändern kann. Diese Veränderung mag manchen positiv, anderen negativ erscheinen, doch entscheidend ist letztendlich die eigene Erkenntnis: Es ist das Gefühl von Glück, welches mich an diesen Ort bindet.

Johanna Pfeifer

Categories: Allgemein, Kultur, Lifestyle, Reisen

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