GewaltNehmen wir mal an, jeder von uns hat in seinem Leben schon einmal gelogen, einen anderen gedemütigt oder mit Absicht eine Ameise zertreten. Dass dies bösartige Taten sind, wollen wir uns jedoch nicht eingestehen. Auch wenn diese Taten nicht bewusst und mit reichlichen Überlegungen durchgeführt werden, steht aber zumindest hier schon fest, dass in jedem Menschen das Potenzial steckt, andere zu beschränken, ihnen zu schaden, oder wehzutun. Die meisten Menschen sind sogar zu weitaus mehr fähig, als sie sich selbst vorstellen können.

Jeder ist grundsätzlich dazu in der Lage, Gewalt anzuwenden. Jedoch ist nicht jeder dazu fähig, schwere Gewaltverbrechen zu planen und auszuführen. Denn bei den meisten werden aggressive Impulse, durch die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die Fähigkeit zum Mitgefühl und durch Akzeptanz moralischer Grundsätze, in Schranken gehalten. Wie schnell es aber geht, dass ein psychisch gesunder Mensch anderen Menschen Schaden zufügt, kann man in einigen psychologischen Experimenten beobachten.

 

Milgram-Experiment

Das Milgram-Experiment, das von Stanley Milgram entwickelt wurde, wurde erstmals 1961 in New Haven durchgeführt. Es wurde dazu entwickelt, die Bereitschaft durchschnittlicher Personen zu testen, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Die Milgram Experimenteigentliche Versuchsperson, die in diesem Experiment als Lehrer agierte, musste dem vermeindlichen Schüler Fragen in Bezug auf die Zusammensetzung von Wortgruppen stellen. Bei jedem Fehler seitens des Schülers, der ein Schauspieler war und somit beabsichtigt falsche Antworten gab, musste ihm der Lehrer einen elektrischen Schlag versetzen. Die Intensität des elektrischen Schlages sollte nach jedem Fehler erhöht werden. Dies geschah unter Aufsicht eines Versuchsleiters, ebenfalls ein Schauspieler.

Lehrer und Schüler befanden sich in unterschiedlichen Räumen. Sie konnten sich also nicht sehen, sondern nur hören. In Wirklichkeit erlebte der Schauspieler keine elektrischen Schläge, sondern reagierte nach einem vorher bestimmten Schema, abhängig von der eingestellten Spannung. Hierbei handelte es sich um Schmerzensschreie, die Bitte den Versuch abzubrechen, dann Schreie, die das Blut in den Adern gefrieren lässt, und zum Schluss nur Stille. Mehr als die Hälfte der Versuchspersonen brachen erst bei 450 Volt ab, wobei der Schüler schon bei 330 Volt keinen Ton mehr von sich gegeben hat.

Eine große Rolle spielte hierbei wohl auch die Autorität des Versuchsleiters. Doch haben diese Menschen, zwar unter Anweisung aber nach ihrer freien Entscheidung, anderen Schmerzen zugefügt. Da stellt sich die Frage, was sie dazu veranlasst hat, den Versuch nicht abzubrechen. Etwa etwas Böses in ihnen?

Das Milgram-Experiment zeigt uns, dass psychisch gesunde Menschen sehr wohl etwas Böses in sich tragen und in der Lage sind, anderen Menschen Schaden zuzufügen. Dies lässt sich auch in einem Versuch mit College-Studenten zeigen, dem Standford-Gefängnis-Experiment.

 

Standford-Gefängnis-Experiment

1971 brachte Philip Zimbardo, heute emeritierter Professor der Standford Universität, in dem berühmten und umstrittenen Stanford-Gefängnis-Experiment ein Dutzend College-Studenten in einer simulierten Gefängnissituation zusammen und teilte ihnen zufällig die Rollen der Wärter oder Insassen zu. Er bildete also zwei Gruppen. Die Wärter bekamen die Aufgabe, ohne körperliche Gewalt dafür zu sorgen, dass keiner der Insassen floh. Dafür durften sie bei diesen Langeweile, Angst und Hilflosigkeit erzeugen. Obwohl das Experiment für zwei Wochen angesetzt war, wurde es am sechsten Tag abgebrochen. Denn die Gewalt der Wärter eskalierte so stark.

Die Dehumanisierung der Insassen wurde verstärkt durch sackähnliche Kleidung, die so kurz war, dass man ihre Geschlechtsteile sah, sobald sie sich bückten. Denn Unterwäsche war nicht erlaubt. Außerdem trugen sie eine Mütze aus Nylon, die eine Glatze nachahmen sollte. Und zu guter Letzt waren sie in dem simulierten Gefängnis nur eine Nummer. All dies führte dazu, dass die Wärter sie nicht mehr als Individuen wahrnahmen und später sogar nicht mehr als Menschen. Sie beschimpften und erniedrigten sie, sperrten sie stundenlang in einen Kleiderschrank, verweigerten ihnen Mahlzeiten und verlangten von ihnen obszöne Taten. Aus den gewöhnlichen College-Studenten wurden Opfer und Täter.

Dadurch dass die Wärter ihre Insassen nicht mehr als Menschen wahrnahmen, reduzierte das die Hemmschwelle, ihnen massiven Schaden zuzufügen.

Viele der College-Studenten konnten sich vor dem Experiment kaum vorstellen, die Rolle des Wärters einzunehmen, geschweige denn in der Lage zu sein solche Grausamkeiten durchzuführen.

Durch das Experiment wurden auch Umstände aufgezeigt, die dazu führen können, das Böse in uns zu fördern. Dazu zählen unter anderem sozialer Druck, Abgeschiedenheit, Langeweile, mangelnde Überwachung, keine persönliche Verantwortung, fehlende klare Leitlinien und Vorurteile.

Wir sehen also, dass in jedem Menschen neben den guten Anteilen auch ein gewalttätiges Potenzial und somit etwas Böses steckt. Wie sehr wir dies ausleben, hängt von uns allein ab. Und wenn wir bei der Reflektion unserer bösen Taten ehrlich sind, können wir diese auch erkennen und zukünftig eventuell vermeiden. Also stellt sich nun die Frage: Wie viel Böses steckt in dir?

 

V.H.

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