Und plötzlich ist da Alzheimer.

Wenn meine Generation – wir Jungen, die wir das ganze Leben noch vor uns haben – an das letzte Drittel unseres Lebens denkt, dann bestimmt nicht daran, dass wir vielleicht einmal wieder so abhängig von Anderen sein könnten, wie wir es zuletzt als Kleinkind waren. Und damit zum hilflosen Pflegefall werden.
Doch dass dies durchaus für einige von uns Zukunft sein könnte, zeigen immer wieder aufs Neue die Zahlen und Fakten des jährlichen Weltalzheimer-Berichts.

Alzheimer bzw. Demenz – was bedeutet das eigentlich genau?
Alzheimer, eine Form der Demenz, ist eine Gehirn-Erkrankung, welche vom zunehmenden Verlust der Gedächtnisleistung geprägt ist. Im Verlauf dieser Krankheit verlieren die Betroffenen ihre geistigen Fähigkeiten – vom Sprachvermögen, dem Verlust der kognitiven Fähigkeiten bis hin zu jeglicher Orientierung. In Deutschland allein leben zur Zeit rund 1,4 Millionen Menschen mit einer Demenz; für das Jahr 2050 geht die Deutsche Alzheimergesellschaft sogar von rund 3 Millionen Betroffenen aus.

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Quelle: Pixabay.com

Der Opa ist seit einigen Jahren nun einer davon.
Damals, als es anfing…naja, da dachten wir uns als Angehörige noch, dass man ab einem bestimmten Alter doch auch mal etwas vergesslicher sein darf als noch mit 25.
Der Opa ist immer vergesslicher geworden, hat ständig seine Sachen verlegt. Tag ein, Tag aus, war er nur noch auf der Suche nach der Geldbörse, der Brille, dem Schlüssel, der Brieftasche. Und natürlich war daran nicht der Opa selbst schuld – nein, hinter seinem Rücken wurden ihm böswillig die Gegenstände versteckt! Für alles wurden Ausreden erfunden.
Und dann, so kritisch und selbstbewusst der Opa früher einmal war, hat er diverse Male auch wildfremde Menschen mit nach Hause gebracht, die ihn nur ansprechen und sich als Bekannte ausgeben mussten. Denen „lieh“ er auch Geld, immerhin waren sie ja „alte Freunde“. Hinterher hat sich der Opa dann gewundert, wo das ganze Geld abgeblieben ist, und wo, Verflixtnocheinmal!, er denn so viel Geld ausgegeben hatte.
Dass er dabei auch sehr ärgerlich geworden ist, können wir aus der heutigen Sicht sehr gut verstehen. Wer weiß, vielleicht hat es ihm geholfen, mit der eigenen Unsicherheit besser zu recht zu kommen.
Wir als Familie, als indirekt Betroffene, waren trotz der vielen Anzeichen lange Zeit regelrecht blind für die Erkrankung. Von Bekannten haben wir öfter einmal davon gehört, dass dieser oder jener Angehörige an Alzheimer erkrankt ist; und trotzdem, der Opa hat seine Erkrankung gut zu verstecken gewusst.
Und dann kommt der Tag, an dem er vor dir steht, und verzweifelt erzählt, dass er sein Schlafzimmer nicht mehr finden kann, und es wird klar, da stimmt etwas nicht mehr. Der Opa selbst, der sieht das noch lange nicht ein. Kann nicht verstehen, wieso er jetzt auf einmal so viele Untersuchungen beim Arzt hat. Und überhaupt: „Was ist nur los mit der Familie!? Nur weil er mal vergessen hat, das Wasser im Bad auszudrehen!“
Es ist eine schwierige und für alle sehr belastende Zeit.

Heute lebt der Opa in einer „beschützenden Einrichtung“.
Aufgrund der konstanten Verschlechterung seines Zustandes, ist die häusliche Pflege eines Tages nicht mehr durchführbar gewesen. Wenn der Opa nachts den Herd aufdreht und sich anschließend wieder ins Bett legt, dann macht das angst!
Alzheimer-Patienten werden oft zu echten Nachteulen. Tagsüber wird viel geschlafen, nachts kommt dann die Unruhe. Der Bewegungsdrang ist enorm, gerne wird nachts „spazieren gegangen“. Wie gefährlich das ist, brauche ich hier nicht extra erwähnen.
Die „geschlossene“ Etage seines jetzigen Pflegeheims ist nur über einen besonders getarnten Aufzug zu erreichen, was die meisten Bewohner aber schon herausgefunden haben. So passiert es häufig, dass schon eine ganze Traube an Bewohnern vor den Aufzugtüren wartet, und man sie mit Mühe und Not aus dem Aufzug fern hält.
Verschwinden tun sie nämlich gerne, die Alzheimer-Patienten. Auch der Opa erzählt uns oft, wenn wir ihn besuchen, „dass es schön mit uns war, er jetzt aber bald nach Hause fahren muss, ehe es draußen dunkel wird.“
Besuch auf der Etage wird immer freudig empfangen, wohl, weil er für die meisten Patienten so selten ist. Wenn man dann mit dem Opa ein bisschen herum geht, dann folgt auf Schritt und Tritt ein Grüppchen an anderen Patienten. Bleibt man abrupt stehen, bleiben sie auch stehen, wird man schneller, werden auch die anderen schneller. Zeigt man dem Opa etwas am Himmel, starren noch mindestens 5 andere fasziniert nach oben.
Sind wir, seine Familie zu Besuch, so liebt es der Opa, Bilder und Neuigkeiten von seinen Verwandten zu sehen und zu hören. Das sind für uns immer dieselben Geschichten, und doch, für den Opa jedes mal wieder etwas Neues. Und wie erstaunt der Opa ist, wie groß und erwachsen seine Enkel nun schon sind! Die Vergangenheit ist noch sehr präsent in Opas Kopf. Wenn man den Opa fragt, wie alt denn er nun ist, meint er meistens, er müsste so um die 60 Jahre alt sein – tatsächlich ist er ganze 30 Jahre älter.

Kommt aber kein Angehöriger, und passiert somit nichts „Spannendes“, erinnert das Leben der Patienten an Szenen aus „The Walking Dead“. Solange kein Besucher in Ihrer Nähe ist, stehen und sitzen die Patienten einfach herum, und sind geistig völlig in Ihrer eigenen Welt gefangen. Gespräche oder Interaktionen untereinander gibt es nicht. Die Mauern dieser Welt können höchstens die Verwandten ein wenig einreißen, untereinander schaffen die Erkrankten das nicht mehr. Kommt nun aber ein Besucher, gerät Leben in die Menge.
Das Problem ist nur, wie wenig Besuch die meisten Bewohner bekommen.
Wie wichtig dies doch für die Erkrankten ist, merkt man immer dann, wenn man den Opa in kurzen Abständen von ein, zwei Tagen besucht. Jeden Tag ist er ein Stückchen aufgeweckter und geistig präsenter. Er verblüfft mit Bemerkungen zu Dingen, an die er sich vom letzten Besuch erinnert. Scherzt herum, ist gut gelaunt.

Soll uns das ganze nun Angst vor dem Alter machen? Nein!
Ein Wundermittel gegen den Ausbruch dieser Demenzform gibt es bis heute leider immer noch nicht, doch die Wissenschaft forscht mit Hochdruck daran, mehr über Alzheimer zu erfahren. Zudem gibt es gut belegte Studien, die zeigen, dass Bewegung, Ernährung und geistiges Training das Alzheimer-Risiko senken. Prävention ist hier das A und O.
Und wer weiß, vielleicht wird ja bald ein Heilmittel entdeckt.

Valerie Lode

 

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