Stell dir vor, du wirst von der Gesellschaft ausgeschlossen und jede Person will jeglichen Kontakt mit dir, egal ob Privat oder in der Öffentlichkeit vermeiden. Du darfst im Wirtshaus nicht mit anderen Leuten zusammen essen oder abends gemütlich etwas trinken, sondern musst einsam an einem abgelegenen Tisch sitzen und den Abend allein verbringen. Die beste Chance eine Frau oder einen Mann zu finden, der mit dir sein Leben verbringen will, hast du auch nicht und Hilfe von anderen Personen kannst du, egal in welcher Situation du dich befindest sowieso nicht erwarten. Niemand, wirklich niemand hat vor in deine Nähe zu kommen oder dich gar zu berühren, denn niemand würde sich mit einer unehrenhaften Person zeigen wollen. Genauso erging es einer Person im 18. Jahrhundert und zwar dem Henker oder auch Scharfrichter oder Nachrichter genannt.

Er musste mit seiner Familie außerhalb der Stadtmauern leben. Zudem war es für Menschen seines Berufes nicht leicht überhaupt einen Partner zu finden um eine Familie zu gründen. Wer will denn auch ein Leben in der „Verbannung“ führen?! Aus diesem Grund waren Henker meist mit den Töchtern anderer Henker verheiratet. Diese galten in der damaligen Gesellschaft ebenfalls als unehrenhaft und so entstand eine Art Kreislauf, aus dem regelrechte Scharfrichterdynastien hervorgingen. Ihre Töchter hatten keine Chance einen von der Gesellschaft angesehenen Mann zu ehelichen und heirateten so wiederum einen Scharfrichter. Die Söhne traten in die Fußstapfen ihrer Väter, da es auch für sie unmöglich war, in ein ehrenhaftes Handwerk aufgenommen zu werden und wurden ebenfalls Scharfrichter.

Bild im Text (Stadtplan Hinrichtungsstätte Galgenberg)

Ausschnitt eines Amberger Stadtplans mit eingezeichnetem Richtplatz

 

Wollten sie in einem Wirtshaus die Gesellschaft anderer Menschen aufsuchen, mussten sie beim Betreten des Hauses laut ihren Namen und ihren Beruf rufen, um allen anderen Gästen sofort kenntlich zu machen, mit wem sie lieber nicht auf Bruderschaft trinken sollten. Zudem konnte es auch sein, dass sie ihren eigenen Krug mitbringen mussten. Damit die Bevölkerung schon auf den ersten Blick erkannte wer er war, musste er spezielle Kleidung tragen, diese konnte vermutlich von Ort zu Ort variieren. Hielt man sich nicht von ihnen fern, sondern berührte sie, tanzte mit ihnen, trank und speiste zusammen mit ihnen, konnte man selbst unehrenhaft und so von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Eine Stadt konnte nur Todesstrafen verhängen wenn sie die Hochgerichtsbarkeit besaß. Wegen der Bezeichnung Hochgerichtsbarkeit wurde auch der Galgen immer erhöht aufgestellt. Zudem durfte er meist nicht innerhalb der Stadt oder in der Nähe einer Kirche stehen. Selbst bei dem Aufstellen des Galgens wurde man unehrenhaft, deshalb durfte er niemals von einzelnen Handwerkern aufgestellt werden, sondern immer von einer ganzen Zunft. Eine gesamte Zunft konnte nicht unehrenhaft werden, da sonst die Gefahr bestand später zu wenig arbeitende Handwerker zur Verfügung stehen zu haben.

Er war aber keiner der schlecht verdiente, im Gegenteil, für die Ausübung seines Berufes musste er über ein großes Fachwissen zum Beispiel über die Anatomie des menschlichen Körpers verfügen, dies wurde natürlich entsprechend honoriert. Er war dafür zuständig, Menschen für ihre unrechten Taten wie zum Beispiel Mord, Raub, Ketzerei, Brandstiftung oder anderer Straftaten zu bestrafen. So führte er die Bestrafungen durch, zu denen der Übeltäter durch das Gericht verurteilt wurde. Dieses unterhielt einen Scharfrichter um sich selbst von den Taten, die sie veranlasst hatten zu distanzieren und somit ehrenhaft zu bleiben. Er sollte also die „Drecksarbeit“ der Gerechtigkeit erledigen.

Zu seinen Aufgaben zählte in vielen Fällen zuerst die Folter oder auch „peinliches Verhör“ genannt. Dieses sollte den Verurteilten Geständnisse entlocken. Danach wurden die Verdächtigten meistens zum Tode verurteilt. Die Art und Weise der Hinrichtung hing von der Straftat ab. Brandstifter, Hexen, Zauberer und Ketzer wurden verbrannt. Totschläger und Räuber wurden enthauptet. Verräter gevierteilt. Mörder und Giftmischer gerädert. Einbrecher und Rückfalldiebe erhängt. Kindsmörderinnen ertränkt, oder falls nicht genügend Wasser zur Verfügung stand, lebendig begraben oder gepfählt. Doch wer glaubt, dass für den Scharfrichter nach einiger Zeit eine gewisse Routine eintrat, der irrt sich.

Hinrichtungen fanden bis zum 19. Jahrhundert in der Öffentlichkeit statt und sollten einen abschreckenden Charakter haben um den Bürgern zu zeigen was mit Verbrechern passiert. Andererseits hatten sie aber auch einen spektakulären Charakter von dem die Bevölkerung magisch angezogen wurde. Schüler und Studenten bekamen an Tagen, an denen Hinrichtungen vollzogen wurden, oft sogar schulfrei. Ein Beispiel für die Schaulustigkeit der Bevölkerung ist Klaus Flügges, der in Helgoland in einer Stunde, 75 Menschen (vermutlich Seeräuber) je sechs auf einmal köpfte. Ein anderes Mal köpfte er in Hamburg 40 Mann auf die gleiche Weise. Danach wurde es ihm verboten, weil diese Art und Weise zu schnell wäre und die Zuschauer so zu wenig sähen. Die Stimmung des zusehenden Volkes war maßgebend für eine Hinrichtung. Es sollte kein Mitleid für den Delinquenten empfinden und keinen Hass gegenüber dem Henker. Sie sollten in ihm viel mehr einen Rächer sehen.

Passierte ihm jedoch ein Fehler beim Vollzug der Todesstrafe (auch „butzen“ genannt), brauchte er zum Beispiel mehr als nur einen Schlag um den Kopf des Verbrechers abzuschlagen, konnte das schlimme Folgen für ihn haben. So geschah es 1501, dass der Wiener Scharfrichter bei einer Exekution mehr als einen Schwertstreich brauchte, um den Kopf des Verurteilten vom Rumpf zu trennen. Die wütende Menge ging auf ihn los, erschlug ihn, schleppte seine Leiche durch die ganze Stadt und begrub ihn auf einer Weide. Es existieren jedoch auch Überlieferungen, in denen von bis zu sechs Fehlschlägen die Rede ist. Um zu verhindern, dass das Volk seinen Zorn an dem Scharfrichter entlud, verfasste Johann zu Schwarzenbeck 1507 die Bambergerische Halsgerichtsordnung, diese ordnete an, dass vor jeder Exekution Friede auszurufen war. So sollten bewaffnete Kräfte die ungeschickten Scharfrichter vor der Wut des Volkes schützen, denn es rächte sich sofort an Ort und Stelle an dem Henker. Zum Beispiel durch Steinigung oder Totschlag, bevor jemand dazwischen gehen und ihm helfen konnte.

Die meisten Henker waren nicht von Natur aus blutrünstig oder quälten die Delinquenten gerne, sondern wollten vermeiden, dass sie einen langen und schmerzvollen Tod erleiden mussten. So gab es ein paar „Nettigkeiten“ die sie für den zum Tode verurteilten noch tun konnten. Sollten sie zum Beispiel auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt werden, erwürgten einige Scharfrichter still und leise den Todeskandidaten, bevor er einen grausamen Tod erleiden musste, ohne dass das Volk etwas mitbekam. Es war auch möglich, dass sie ihm, gut versteckt unter dem Hemd, ein Pulversäckchen um den Hals hingen. Berührten die Flammen das Säckchen, entstand eine Stichflamme die dem zu Tode geweihten zumindest ohnmächtig werden ließ, bevor er verbrannte. Wurde jemand zum Rädern verurteilt, hatte der Scharfrichter die Möglichkeit, den ersten Schlag mit dem Rad genau auf das Herz oder den Hals zurichten, um ihn die weiteren Schmerzen nicht ertragen lassen zu müssen.

Rechts auf dem Bild ist der Scharfrichter Franz Xaver Reichhart kurz vor einer Hinrichtung im Innenhof der Amberger Frohnfeste zu sehen. Franz Xaver Reichhart war der Onkel des Scharfrichters der Geschwister Scholl, Johann Reichhart.

Normalerweise galt für die Delinquenten vor ihrer Hinrichtung Alkoholverbot, sie sollten bei vollem Bewusstsein sein, wenn sie ihre Strafe antraten. Die Henker waren dafür verantwortlich, dass dieses Verbot auch durchgesetzt wurde. Oftmals brachen sie aber diese Regel, um den Verurteilten etwas Gutes zu tun und um ihnen den Tag ihrer Hinrichtung und ihre Hinrichtung selbst etwas „erträglicher“ zu gestalten.

Jeder Henker musste große Kenntnisse über die Anatomie des menschlichen Körpers besitzen. Dieses zur damaligen Zeit überdurchschnittlich qualifizierte Wissen, erwarb er durch den Vollzug von Hinrichtungen und durch das Foltern. Es war wichtig für ihn zu wissen, was man einem Körper antun kann bevor dieser stirbt. Der Verdächtige durfte ja auf keinen Fall vor seiner wahrscheinlich eintretenden Hinrichtung sterben. Auch mussten seine Wunden, die bei der Folter entstanden, bis zu seiner Hinrichtung wieder einigermaßen verheilen und versorgt werden. Diese Aufgabe wurde ebenfalls dem Scharfrichter zu teil.

Aufgrund dieses Wissens und seiner verschiedenen Heiltätigkeiten, wurde er zu einem begehrten und viel besuchten Arzt. Viele Bürger suchten heimlich sein Haus auf, um sich ihre körperlichen Beschwerden ansehen und besten Falls auch heilen zu lassen. Mehr konnte er aber durch den teils heimlichen, teils öffentlichen Verkauf von Talismanen und Heilmitteln gegen Schäden und Unheil aller Art verdienen. Beliebt waren hier bei den Bürgern vor allem: Galgenholz, Galgenstricke, Menschenblut, Gliedmaßen (Fingern usw.) von Hingerichteten und Alraunwurzeln, die unter dem Galgen wuchsen. Alraunen sagte man, eine fruchtbare Wirkung nach, da sie angeblich aus dem Samen eines Erhängten wuchsen. Wurde also ein Verbrecher gehängt konnte es sein, dass er kurz bevor er starb noch einen Samenerguss bekam. Dieser Samen tropfte auf die Erde unter dem Galgen und es wuchsen Alraunen aus ihm, welche der Henker verkaufte.

Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Napoleon Bonaparte der „Code civil“ in Deutschland eingeführt wurde, profitierte der Scharfrichter, sowie seine Familie davon. Denn ein wichtiger Teil des „Code civil“ ist vor allem der Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz, dem Schutz und der Freiheit des Individuums und des Eigentums und der strikten Trennung von Kirche und Staat. Durch diese Einführung versuchte man auch die Scharfrichter aus ihrer Verbannung zu holen und besser in die Gesellschaft zu integrieren. Auch ihre Kinder profitierten von den Änderungen. Durch das fortschrittliche medizinische Wissen ihrer Väter und durch die Änderung des Gesetzes war es ihnen möglich Medizin zu studieren und nicht selten wurden aus ihnen bekannte Ärzte. Erst 1900 wurde der „Code civil“, dort wo er in Deutschland noch galt, durch das BGB abgelöst.

Das Leben eines Henkers war also keinesfalls so wie es in den meisten Filmen dargestellt wird. Durch die vielen Aufgaben die sie in ihren Beruf ausüben mussten, wie die Folter in dunklen Kellern, das Hinrichten von Menschen und somit der Umgang mit dem Tod, machten ihn zu einer unheimlichen Gestalt, mit der man keinen Kontakt wollte oder haben durfte. So führten er und seine Familie ein einsames Leben außerhalb der angesehen Gesellschaft.

 

 Autor: Laura-Marie Kapperer

 

Quellen:

Richard van Dülmen, Theater des Schreckens. Gerichtspraxis und Strafrituale in der frühen Neuzeit, C.H. Beck, 1985

Tankred Koch, Geschichte der Henker. Scharfrichter –Schicksale aus acht Jahrhunderten, Manfred Pawlack Verlag, 1988

Bildquellen:

StadtAAm Fotobestand 102-033-007

StadtAAm Stadtplan 32

 

 

 

 

 

 

Categories: Allgemein, Kultur

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