IMG_0253Wenn man die letzten Jahrzehnte vergleicht, stellt man schnell fest, dass die Zahl der Reisenden deutlich gestiegen ist. Die Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen 2014 ergab, dass von 100 Bundesbürgern mindestens 57 Bundesbürger eine fünftägige Reise unternommen haben. Vor fünf Jahren waren es nur 50. Dabei plant jeder fünfte dieser Bürger den Urlaub im eigenen Land, jeder dritte in einem europäischen Land und jeder zehnte in einem Fernreiseland. Beliebte Reiseländer sind bei uns Deutschen Spanien, sowie Italien und die Türkei. Bei den innerdeutschen Zielen handelt es sich um die Ostsee, sowie die Berge. Interessant ist hierbei die Tatsache, dass 33 Prozent der Gesamtheit der Befragten zwar wissen, dass sie Urlaub machen werden, das Reiseziel jedoch noch nicht festgelegt haben. Wir warten hierbei die besten Angebote ab.

Dass immer mehr Bürger verreisen, könnte die verschiedensten Gründe haben. Ist es vielleicht, weil wir vergleichsweise relativ viel Geld verdienen und Deutschland auf Platz 6 der reichsten Länder der Welt ist? Haben wir so viel Geld übrig, um zu reisen, obwohl wir fast täglich darüber klagen, wir würden zu wenig Geld verdienen? Geben wir dann all unser gespartes aus, um einmal im Jahr aus unserem tristen Alltag zu entfliehen? Oder ist es der kalte und langandauernde Herbst und Winter, der uns verschreckt und uns nach südlichen Ländern sehnen lässt.

Eine Theorie, die durchaus bedenkenswert ist, ist die, dass wir mehr reisen, weil wir immer früher selbstständiger werden. Besonders die junge Generation zwischen 20 und 30 Jahren. Deutsche verlassen durchschnittlich früh ihr Elternhaus und bauen sich ihr eigenes Leben auf. Während die Spanier, Griechen und Italiener erst mit 30 Jahren ihr Nest verlassen, suchen sich wir Deutschen im Durchschnitt bereits mit 23,8 Jahren unsere eigene Wohnung. Wir lernen also relativ früh auf uns alleine gestellt zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Dies ist für das Reisen, jedoch besonders für das Backpacking, wofür sich immer mehr entscheiden, eine wichtige Grundvoraussetzung.IMG_0116
Dazu kommt, dass Deutschland nach Umfragen der BBC das beliebteste Land von 25 zur auswahlstehenden Ländern ist. Deutsche gelten als wohlhabend, höflich, organisiert und freundlich und sind gerngesehene Gäste in den Touristengebieten der Welt.

Reisen bedeutet für viele auch eine Auszeit. Eine Atempause. Den Stress und die depressiven Verstimmungen zurückzulassen, denn die Liste der Volkskrankheiten wird immer länger. Von Bluthochdruck, über Burn out und Stoffwechselstörungen sind sich die meisten sicher, es treffe etwas auf sie zu. Die Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen liegen im Durchschnitt bei 23 Tagen im Jahr. Die Ursachen? Stress, Bewegungsmangel und Überarbeitung.
Die Lösung vieler? Reisen. Ist es für viele bereits eine Medizin und eine Möglichkeit der Heilung zu reisen und den Kopf wieder frei zu bekommen? Können wir das eventuell gar nicht mehr zu Hause in den eigenen vier Wänden? Es ist sicherlich eine sehr wirksame Therapie.

IMG_0483Doch was ist es wirklich, was uns Deutsche antreibt kilometerweit in fremde Länder zu pilgern und neue Kulturen kennen zu lernen? Unser letztes gespartes dafür auszugeben, etwas Neues zu entdecken oder einfach nur am Strand zu liegen und die Sonne des Südens zu genießen. Warum freuen wir uns so sehr auf den Moment, indem wir wissen, wir haben unseren Urlaub gebucht und es geht so weit weg, dass wir unserer Zeitzone entfliehen?

Auch in meinem Bekanntenkreis ist das Reisefieber ausgebrochen. Es vergeht kaum ein Treffen mit Freunden, indem es nicht darum geht, welche außergewöhnlichen Orte und Traumziele doch noch zu bereisen sind. Hier merkt man jedoch schnell, dass es nicht die Menge an Urlaubstagen ist, die zum Verreisen animiert und auch nicht das Wissen, dass wir in anderen Ländern durchaus beliebt sind. Es geht vielmehr um die Mentalität, die viele meiner Freunde an anderen Kulturen schätzen. Die Offenheit, Wärme und Freundlichkeit, die in Deutschland manchmal im Alltag verloren geht. Das Miteinander sein und der Genuss des Lebens, der im trägen, routinierten Tagesablauf schnell untergeht. Sie reisen mit dem Rucksack, alleine, in Gruppen oder planen Auslandsaufenthalte für mehrere Monate, um ihre Erfahrungen zu sammeln. Sie halten die Momente auf Fotos und Videos fest und verbreiten sie auf Instagram, Facebook und Twitter, um zu zeigen, dass sie da sind, wo jetzt jeder andere gerne wäre. Sie reisen, weil sie wissen, dass sie jetzt die Zeit dafür haben und sich im Klaren sind, sie würden es nie in die Tat umsetzten, wenn sie es aufschieben würden. Später kämen dann die Karriere, die Familie und ein geregeltes Leben. Die Prioritäten sind in dieser Generation klar gesetzt.

IMG_0255Sicherlich gibt es noch viele andere Theorien und Möglichkeiten, die es wert sind angesprochen und diskutiert zu werden, warum wir Deutschen gerne reisen. Tatsache ist jedoch, dass bereits 32 Prozent von uns Ende 2015 einen Urlaub geplant haben, den wir innerhalb der nächsten 12 Monate genießen werden. Neun Prozent der Befragten haben bereits zwei Urlaube geplant. Abschließend kann man sagen, dass es sicherlich nicht nur einen Grund für das wachsende Reiseverhalten gibt, der auf alle zutrifft. Jeder hat seinen eigenen Anlass, der ihn zum Reisen bewegt und in die verschiedensten Richtungen treibt.

Hanna Schipplock
Categories: Allgemein, Reisen

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