Es klingt nach dem Traumjob eines jeden Mitarbeiters: überdurchschnittlich hohe Bezahlung, kostenloses Essen und Fitnessräume zur freien Verfügung. Doch was dahinter steckt, fällt vielen Arbeitnehmern oft erst zu spät auf. Arbeiten rund um die Uhr. Und das am besten sieben Tage die Woche.

Seit der Jahrtausendwende hat sich in der Arbeitswelt einiges verändert: da es nicht mehr so einfach ist, junge und engagierte Mitarbeiter in ein Unternehmen zu locken, versucht man sich von anderen abzuheben und als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren. Angelehnt an große Technologie-Firmen aus den USA wie Google, Facebook und Evernote, bietet man ein Rundum-Sorglos-Paket und das Firmengelände gleicht einem Freizeitpark.

Ein Mix aus Ferienanlage und Campus

Fitnessstudios werden eingerichtet, Kicker und Flipper in Spielzimmern aufgestellt. Man serviert kein unappetitliches Kantinenessen, sondern lässt mehrmals pro Woche einen hippen Koch antanzen, der vegane Burger, grüne Smoothies oder Poke Bowls zubereitet. Seine Kinder kann man im firmeneigenen Kindergarten unterbringen und zu Hause putzt alle zwei Wochen eine von der Firma bezahlte Putzfrau die eigenen vier Wände.

Man muss nicht einmal mehr das Firmengelände verlassen, um zum Arzt, Friseur oder in die Reinigung zu gehen – alles befindet sich vor Ort auf dem Campus. Und muss man doch einmal raus, kann man sich für einige Zeit kostenlos ein Firmenauto ausleihen – falls man nicht selbst schon eines besitzt.

Mehrmals pro Woche besteht die Möglichkeit, sich von einem Physiotherapeuten massieren zu lassen oder man entspannt in extra eingerichteten Meditationsräumen. In jedem Raum stehen kostenlose Getränke, Obst und Kaffee. Es duftet nach Freizeit, jedoch nicht nach Arbeit.

Der Gedanke dahinter

Jede Firma verfolgt damit nur ein Ziel: der Mitarbeiter soll sich so wohl fühlen, dass er gar nicht mehr nach Hause möchte. Wie kann da schon die kleine dunkle Mietwohnung unterm Dach mithalten? Selbst Familienväter/-mütter ziehen es vor, noch am späten Abend Besprechungen mit Kollegen abzuhalten anstatt sich zu Hause mit den Kindern herumzuärgern.

Arbeiten rund um die Uhr

Der Arbeitsplatz wirkt wie eine Art Falle: zuerst ködert man Mitarbeiter mit netten Annehmlichkeiten und am Ende sitzen sie fest. Oftmals mehr als 60 Stunden pro Woche.

Viele überlesen das Kleingedruckte auf ihrem Vertrag: man unterschreibt dafür, dass sich die Arbeit wie Freizeit anfühlt, vergisst darüber hinweg aber, dass die freie Zeit auch Arbeit ist.

Die Idee der Firma dahinter ist folgende: wenn ein Mitarbeiter jeden Tag umsonst zu Mittag isst, kostet das der Firma nur ein paar Euro. Geht er nach der Arbeit noch schnell ins Fitnessstudio, kostet das der Firma auch noch einmal einen kleinen Betrag. Schaut er jedoch anschließend kurz im Büro vorbei oder bespricht auf dem Stepper die neusten Projektentwicklungen mit seinen Kollegen, rechnet sich das für das Unternehmen schnell.

Ersatzfamilie oder Sekte?

Einmal pro Woche setzen sich die Chefs mit ihren Mitarbeitern zusammen. Es gibt Tee und Kuchen und es können Fragen gestellt werden. Alle duzen sich, sogar die hohen Manager. Das schafft Nähe und gibt einem das Gefühl Teil einer großen Familie zu sein. Doch man merkt schnell, dass alle Gespräche immer in eine Richtung gehen: zurück zur Arbeit, zurück zu den aktuellen Projekten. Wie läuft es? Was kann man noch verbessern?

Die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem verschwimmen. Aufgrund der vielen Zeit, die man auf der Arbeit verbringt, werden die Kollegen zu guten Freunden. Soziale Kontakte außerhalb des Firmengeländes bestehen kaum noch. Jeder ist derart vernetzt – das tägliche Leben dermaßen abhängig vom Unternehmen, dass man gar nicht mehr weg will.

Einzelne Arbeitsgruppen formen sich zu einer Art Sekte, mit dem Chef als Guru. Man macht das, was er sagt und versucht ihm alles Recht zu machen. Notfalls verbringt man mehr Zeit in der Arbeit, um die perfekte Präsentation zu gestalten. Fängt ein Mitarbeiter dann aber an, öfter pünktlich Schluss zu machen und sich auch außerhalb der Firma Freunde zu suchen, hat er schnell ein Problem.

Und fliegt im schlimmsten Fall aus der Sekte, äh Firma!

 

Ein Artikel von Isabell Cäsar

 

Quellen:
https://www.wuv.de/digital/ex_manager_packt_ueber_arbeitgeber_facebook_aus
https://www.businessinsider.de/the-show-von-filip-syta-google-sex-und-drogen-2016-2
http://www.spiegel.de/karriere/wie-firmen-die-grenze-zwischen-arbeit-und-freizeit-verwischen-a-934248.html
http://www.spiegel.de/karriere/jobs-im-silicon-valley-arbeiten-bei-google-facebook-evernote-a-965811.html

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