Manchmal stecke ich mich an. Ich rede nicht von Krankheiten oder so, ich war seit Monaten nicht mehr richtig krank. Aber bei Filmen bin ich verdammt anfällig!
Manchmal reicht es, wenn nur ein paar unscharfe Bewegtbilder aus den 60er Jahren an mir vorbei rauschen. Dann bin ich in Gedanken fort aus meinem Zimmer, fort aus meiner WG, fort aus der Zeit, in die ich hineingeboren wurde und direkt dort, wo diese lässigen Freigeister, eingehüllt in Rauchschwaden, unter der heißen kalifornischen Sonne bedeutungsvolle Diskussionen über das Sein führen.

Wäre die Szene nicht mit einem dieser Surfmusik-Klassiker unterlegt, man würde sie reden hören, über die neuen Songs von den Doors, den Byrds, oder den Stones, über den großen Dean Moriarty aus Kerouacks „On The Road“, über die „Reifeprüfung“, über die Meldungen von schweren Bombardierungen im Vietnam, den letzten Trip, oder den nächsten.

Ein paar Fragen schwirren mir dann durch den Kopf. Warum besteht der Alltag dieser vielen Menschen in meinem Alter augenscheinlich aus nichts Weiterem, als sich zu sonnen, zusammenzukommen, zu baden, zu lesen und zu kiffen.
Ist es nicht unfair, dass die Bob Dylan haben und wir Ed Sheeran? Wie viele Tage bleiben mir noch, bevor das neue Chris Brown Album rauskommt, könnte unge vielleicht heute seinen neuen Longboard-Vlog hochgeladen haben, den er schon so lange angekündigt hat – sollte ich mich nicht heute auch noch eine, vielleicht eineinhalb Runden um die Theresienwiese quälen, oder wäre ein leckeres Low Carb Omelette da ein passabler Kompromiss?

Und dann muss ich lachen, weil ich von meinem Bett aus an meinem Stuhl im Antik-Stil vorbeischauend, die alte Analog-Kamera meiner Eltern erspähe, die ihren Platz neben dem vielbenutzten Schallplattenspieler meines Opas gefunden hat.
Mir schleicht sich da gleich eine beliebte Phrase meines Vaters ins Bewusstsein. Meistens geht ihr eine ungläubige Rückfrage á la „macht ihr das heutzutage ernsthaft so?“ voraus. Dann atmet er aus, was ein bisschen nach Aufgeben klingt, und dann sagt er mit viel Ironie und ein bisschen Ernst „…früher war alles besser.“
Vinyl und Kopfhörer_vor -Vom Vintage Verweht-Vom Vintage verweht – Dendemann
In letzter Zeit fällt das auf – es gibt Digital-Kameras in Retro-Optik, das Comeback der Vinyl mit dem dazugehörigen Schallplattenspieler im Klamotten-Laden, reißerisches Zigarettengerauche in neuen ZDFneo-Talkshows, Vintage-Schreibtischlampen, Nostalgie-Fahrräder und, nicht zu vergessen, den Muster-Hipster.

Woher kommt dieser scheinbar neuartige Trend, sich nach Moden und Spielereien, aber auch nach Idealen und Lebensweisen nicht erlebter Zeiten „zurück“ zu sehnen?
Ist das nur in meiner Wahrnehmung so, oder gehört das einfach dazu, wenn man in der (auch häufig viel zu schnell stigmatisierten) Generation Instagram aufwächst, mit ihrem Drang nach Individualität, Selbstverwirklichung, öffentlicher Bestätigung und ihrer Angst vor Langeweile und der Nichterfüllung des Reißbrett-Lebensplanes.

Wenn man sich unsere Elterngeneration anschaut, dann ist ihr dieses „Zurücksehnen“ fremdartiger als uns heute. Zugegeben, Zurücksehnen hieß damals sich in Kriegszeiten hineinversetzen zu wollen. Dass das nicht erstrebenswert war, dafür hat die Generation meiner Großeltern mit Sicherheit gesorgt. Vielleicht haben sich unsere Eltern dann eher woanders hingeträumt, zu den echten Kerlen des Wilden Westens, zu den Rittern, dem alten Rom, oder sonst wo hin.
Das Glorifizieren vergangener Epochen ist auf jeden Fall keine Erfindung des 21. Jahrhunderts und auch keine Reaktion auf die Unüberschaubarkeit einer zu komplex gewordenen Welt.

Und dennoch ist es wieder en vogue sich mit diesen Dingen zu umgeben, sich einen kleinen Ruhepol zu verschaffen und hin und wieder der Schallplatte beim Drehen zuzuschauen, und auch zu lauschen, um für einen Moment der schieren Wucht der eigenen Musikbibliothek zu entgehen, die von gestern auf heute um 30 Millionen Songs gewachsen ist.
The Trees Were Taller When You Were Young – Roxy Music
Aber zurück zum Gemeinplatz meines Vaters. Ehrlich gesagt – und das passiert in diesem Fall auch meistens – könnte ich ihn getrost überhören und ihn in seinen Gedanken ins Fotoalbumbasteln anno 1979 entlassen. Denn, um das nicht künstlich in das Fazit ganz unten zu packen (das du vielleicht sowieso nicht mehr lesen wirst, weil alles, was nach Aufsatz oder Buch aussieht sich seine Aufmerksamkeit schwer verdienen muss – ich kenne das ja selbst), das hier ist eher ein klassischer Fall von Verklärung.

Es gehört wohl zum Älterwerden dazu, es mit der Vergangenheit nicht mehr ganz genau zu nehmen. Wenn ich mich also in 50 Jahren an meinen Interrail-Trip 2013 zurückerinnern werde, wird aus der anstrengenden Reise wohl längst ein Abenteuer, aus der alptraumhaften Nacht auf einer Parkbank in Paris eine wichtige Enthaltsamkeitserfahrung, die sechsstündige Hostelsuche auf eine halbe Stunde geschrumpft und aus dem Geldbeutelklau eine Dramödie geworden sein.

Das wird wohl alles automatisch passieren, sozusagen aus Selbstschutz. Es wäre einfach nicht gesund, wenn die Reise in meinem Gedächtnis unter Frustration, Anstrengung und Wut abgespeichert wäre. Das Älterwerden ist dann sozusagen der sehr langsam arbeitende Verschönerungsfilter – im Normalfall wird daraus Nostalgie, im Pechfall eher Gegenwartsflucht.

Klein

Das alles könnte ich mir also im Stillen denken – leider ist diese Erkenntnis allein kein Schutzschild, mit dem wir unsere Generationseigenheiten gegenüber früheren rechtfertigen könnten, denn im Einzelfall, und manchmal landet mein Vater da ein Glückstreffer, lohnt es sich darüber nachzudenken, ob die Phrase nicht doch mehr Gegenwarts-Relevanz beinhaltet, als das uns vielleicht lieb wäre.
Ein Beispiel
Bleiben wir bei der Musik – als gutes Exempel mit hohem Zurücksehnfaktor.
Ich vergleiche, was das angeht, sehr gerne früher und heute, David Guetta mit David Bowie, One Republic mit Pink Floyd, Maroon 5 mit Oasis. Was den relativen Erfolg angeht, liegen die Paare gar nicht so weit auseinander – wenn es aber um Nachhaltigkeit, Experimentierfreudigkeit, Progressivität oder dergleichen geht, kurz, um den Wert für das große Wort Musikgeschichte, dann ist bei mir der Sieger immer schnell ausgemacht.
Dennoch gab es noch nie eine derartige Fülle und Vielfalt an großartigen Bands zu entdecken und das Anhören eines neuen Albums könnte man problemlos in die Morgenroutine eingliedern, wenn man das nur wollte.
Meine Einstellung zu der These, dass Musik früher besser, gehaltvoller, oder identitätsstiftender war als heute, wechsle ich also im Grunde so oft wie meine Socken.

Die Musik dient hier jedoch nur als Platzhalter, denn dieses Abwägen und Vergegenwärtigen lohnt sich nicht nur für Menschen, die vergeblich die Charts nach ihren Lieblingsbands durchsuchen, es ist übertragbar auf viel wichtigere Aspekte, wie Werte, Haltung, Bildung, Ideale, das eigene Selbstbild, oder die Lebensgestaltung
Jedem Prediger des Werteverfalls, könnte man für jeden hinterhergetrauerten Wert mindestens einen entgegenwerfen, den wir unseren Eltern voraushaben. Letztendlich gibt es aber wohl kaum etwas, über das sich ausgiebiger diskutieren lässt und dann doch leichter zu widerlegen ist, als Aussagen über die Eigenheiten einer gesamten Generation.

Manchmal wirkt die Frage, für was die unsere steht, bzw. wie sie in der Nachbetrachtung, abschneiden wird, fast schon wie ein echtes Problem, das man nur aktiv zu lösen versuchen müsste um die Enkel, die eines Tages auf unserem Schoß sitzen und um Geschichten aus der guten alten Zeit betteln werden, nicht zu enttäuschen.
Dabei ist unser Zutun wahrscheinlich gar nicht notwendig, denn wenn dieser Tag gekommen ist, wird uns bereits die schleichende Alterskrankheit Nostalgie fest im Griff haben und wir werden schmunzeln können, über unsere Ängste und Grübeleien von heute und hoffentlich auch über manch verschwendete Stunde am Smartphone.

Lukas Mareth
Categories: Allgemein, Lifestyle

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