Tätowierungen sind Mode, genauer gesagt: Körper-Mode. Doch woher kam die Liebe zu den Tattoos? Nur ein Massenphänomen ausgelöst von Fußballern, Musikern und Stars? Kam daher der Trend sich Tattoos stechen zu lassen und den neuen Körperschmuck zu präsentieren? Oder steckt noch viel mehr dahinter?

Die Wilden im goldenen Zeitalter

Die Blütezeit der Tätowierungen begann mit dem Zeitalter der Piraten und Entdeckungsreisenden, vor allem in Europa. Es begann mit den Matrosen, die sich zum Andenken an ihre Reise ihren Körper mit indigen, tribalen Motiven verzieren ließen. Doch erst durch den nackten, farbigen Körper des Polynesien Omai, den James Cook 1774 nach London mitbrachte, wurden die europäischen Tätowierungen schließlich wiederbelebt, nachdem sie im christlichen Mittelalter verboten wurden. So wurden die „bunten und wilden“ Körper der nach Europa verschleppten Insulaner bestaunt und bewundert. Eine wahre „Tätowierungsflut“ setzte ein. Während die Tätowierung der „Wilden“ als erotisch und den Körper verschönernd empfunden wurden, galten sie in der industriellen Revolution als Protest der unterdrückten und ausgebeuteten Bevölkerung, die sich mittels dem Hautbild einen kleinen Teil ihrer Identität bewahren wollten.

 

Neue Modeerscheinung der Oberschicht im 19. Jahrhundert

Später galten Tattoos auch als Zeichen für eine schönere und freiere Welt, weswegen sie auch zu einem Modetrend der vornehmen Gesellschaft wurden. Männliche, doch vor allem weibliche Angehörige fast aller europäischer Fürstenhäuser waren tätowiert. So auch Lady Jennie Churchill (auch Lady Randolph Churchill), die Mutter von Sir Winston Churchill. Sie trug auf ihrem Arm eine sich in den Schwanz beißende Schlange, als Symbol der Ewigkeit.
Auch wenn Tätowierungen bei der vornehmen Gesellschaft beliebt waren, stellte dennoch den größten Teil der tätowierten Bevölkerung nach wie vor die unterste soziale Schicht. Zu ihnen zählten besonders die Seeleute und Hafenarbeiter, die Soldaten und die Nichtsesshaften. Frauen-Tattoos fanden sich in größerem Umfang vor allem bei den Prostituierten. Die Gründe für Tätowierungen waren, in den verschiedenen Bevölkerungsschichten, vielfältig. Sie spiegelten Lebenssituationen, seelische Stimmungen und das soziale Milieu wieder. Doch kleineren Tätowierungen wurden kaum Beachtung geschenkt, im Gegensatz zu Männern und Frauen, deren ganzer Körper mit Hautbildern geschmückt waren. Deshalb traten solche ganzkörper Tätowierten meist als Schausteller auf. Dies begann aber erst Ende des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit waren es jedoch nicht mehr die „Original-Wilden“, sondern Europäer, die ihren Zuschauern die abenteuerlichsten Geschichten auftischten. Wie Verschleppung durch Indianer, Heirat, Zwangs-Tätowierungen oder Ähnliches.
Doch so schnell die Tätowierungen auch in „besseren Kreisen“ als Trend galten, so schnell war diese Popularität auch wieder vorbei und geriet in Verruf und Vergessenheit. Besonders, da Tattoos ein bewusst gewählter Ausdruck waren, um sich von der Gesellschaft abzugrenzen. Fortan wurde nur noch in der Unterschicht und der „Unterwelt“ tätowiert.

 

Die Rebellen des 20. Jahrhunderts

Trotz der Verbote, diffamierende Äußerungen und Ächtungen, galten Tattoos in den Fremdenlegionen und Hafenstädten weiterhin als Tradition. Was Vielen ein Dorn im Auge war, denn laut vorherrschender Meinung galt in Europa eine tätowierte Person nämlich als rebellisch und suspekt, als Verbrecher. In der Nachkriegszeit spielten geordnete Verhältnisse, Wiederaufbau und Arbeit eine große Rolle. Daher waren jene, die ein Tattoo trugen, automatisch faule, arbeitsscheue, kriminelle, perverse, minderwertige „Kerle“.
Auch in Gefängnissen lebten Tätowierungen weiterhin fort und ließen sich nicht durch strenge Verbote oder Androhungen schwerer Disziplinarstrafen vertreiben. Gerade in den fünfziger und sechziger Jahren wurden Tattoos unter Häftlingen zu einem Ausdruck des Protests gegen Entmenschlichung. Tätowierungen galten als Zeichen des Nicht-Aufgebens, des Nicht-Besiegt – oder des Nicht Gebrochenwerdens. Auch die abgesessene Zeit der Häftlinge wurde dokumentiert. Ebenso das Delikt, die Art der Strafe und die Rangordnung wurden deutlich sichtbar auf die Fingerknöchel tätowiert.

 

Die Ausbreitung in verschiedenen Subkulturen

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhundert war der Hautstich unter europäischen Jugendlichen sehr beliebt geworden, nicht zuletzt infolge der Jugendprotestbewegungen, die versuchten, sich von der Welt der Erwachsenen abzuheben. Für Erwachsene in der bürgerlichen Gesellschaft, waren Tätowierungen ein negatives Zeichen, doch für Jugendliche eine Revolte gegen die „spießige“ Welt ihrer Eltern und Großeltern.
Anhänger dieser Gegenkultur, die Hippies, machten Tattoos zu einem Massenphänomen der Jugendbewegung. Die 60er waren das Jahrzehnt von „Love, Peace und Hapiness“, LSD und sphärischer Musik. Mit den Tätowierungen drückte die Hippie-Bewegung ihre Verbundenheit untereinander aus und grenzte sich von der Mainstream-Gesellschaft ab. Häufige Motive waren das Peace-Symbol, die Worte „Love“, „Friends“ oder ein Marihuanablatt. Bereits durch diese, für den Frieden demonstrierende Jugendbewegung und ihre Tätowierungen, fühlten sich die „Normalen“ provoziert.

Eine Variation der szenentypischen Mode und den Tattoos der Punks der heutigen Zeit. (Bildquelle: https://favim.com/image/434347/)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine beständigere, heftigere Provokation stellten die Punks der 70er Jahre dar. Rau, wild, obszön und gegen alles, was mit der Gesellschaft und ihren Normen zusammenhing. Ein Teil ihrer Rebillion war die szenentypische Mode mit ihren Tätowierungen. Mit klassichen Motiven, wie Totenschädel mit gekreuzten Knochen, Ratten oder Namen von Bands, entwickelten die Punks ihre eigene Tattoomode. Sie nutzten sie als permantente Ausdrucksform nicht gesellschaftlicher Individuen, denen die bürgerliche Gesellschaft keine Hoffnung für die Zukunft gab.
Eine weitere Tätowierte Gruppe, die als halb kriminell galten, waren die „Rocker“ und „Biker“. Neben der Musik und ihrem Bike verstanden sie die Tattoos auf Armen, Beinen und Oberkörper als verbindendes Glied. Beliebte Motive waren Rockstars, Horrortattoos und das Todestattoo und selbstverständlich die Harley. Der Ruf der Biker war langezeit ein Ausgangspunkt für das schlechte Image der Tattoos.

Eine ebenfalls nicht zu unterschätzende Bewegung, die Tätowierungen neben ihrer Kleidung und Frisur als Gruppen- und Zugehörigkeitszeichen einsetzten, sind die „Skinheads“. Ihre Hautbilder stellten meist Hakenkreuze, Runen, Totenschädel und verschiedene Orden und Schriftzüge des Dritten Reiches dar. Diese ließen sie demonstrativ auf Unterarmen, Handrücken oder auf dem Hals anbringen.
Auch in ausgegrenzten Kreisen der Sadomasochismus-, Lesben- und Schwulenszene lebte der Hautstich weiter. Die Anhänger hatten Tattoos aufgrund ihrer erotischen, körperbetonenden Wirkung für sich entdeckt. Sie wurden allerdings nur im Verborgenen gestochen und nicht öffentlich demonstriert, denn diese Entwicklung brachte mit sich, dass tätowierte Personen fortan nicht mehr nur als kriminell, sondern auch als pervese, sexuell abartige Individuen angesehen wurden.

Dennoch entwickelte sich Ende der siebziger Jahre eine wahre Tätowiermode. Jugendbewegungen, wie die „Raver“ oder „Skateboarder“ haben durch die Hautbilder nicht ihre Zugehörigkeit demonstriert, sondern ihr modisches Äußeres aufgewertet.

Tattoo eines Profiskateboarders von Ben Kaye. Eines von vielen Motiven, mit welchen diese Bewegung ihr äußeres Erscheinungsbild aufwerten wollte. (Bildquelle: https://www.worldtattoogallery.com/post/100018637/skate-or-die-tattoo-by-ben-kaye)

Die neue Körperkunst der Gegenwart

Das Tattoofieber hat nunmehr Menschen in allen Gesellschaftsschichten und Altersstufen gepackt. Der Frauenanteil hat sich vervielfacht, sodass heute jeder zweite Kunde in einem Tattoostudio weiblich ist. Tätowierungen sind heute nicht mehr nur eine Erscheinung der Kriminellen oder bestimmter Bewegungen – trotzdem werden Menschen mit mehreren oder auffälligeren Tattoos oft noch nur aufgrund ihres Äußeren beurteilt. Im Laufe der letzen Jahre hat sich also die Klientel drastig verändert, die Funktion eines Tattoos ist jedoch mehr oder weniger gleichgeblieben. Es war und ist ein soziales Zeichen der inter- und intrapersonellen Wirkung. Tätowierungen sind seit jeher Symbole einer Lebensform, Symbole für die Suche nach der eigenen Identität. Entscheidend für die wachsende Popularität der Tattoos war auch die Tatsache, dass sich weibliche Tätowierer einen neuen Status schufen und sich nun als Künstler bezeichnen und professionell agieren.

 

Massentrend oder doch eine Kunstform?

Heutzutage sind Tattoos meistens ziemlich konventionell: in der Regel handelt es sich um realistische Motive, wie Pflanzen, Tiere, Schriften und Ornamente. Auf einem Blatt Papier scheinen solche Motive belanglos, aber durch die heutige Technik der Tätowierer und mit den Bewegungen der Muskeln und der Struktur der Haut, wirken Tattoos geheimnisvoll, sogar unheimlich. Doch aufgrund der heute präsenten Medien glauben viele, dass Tattoos durch Fußballer, Stars und Prominez beliebt und berühmt geworden wären, und so zum Mainstream wurden. Sind Tattoos wirklich Mainstream, ein Massentrend?

Nein! Denn die Szene am Anfang des 21. Jahrhunderts ist geprägt durch eine Vielzahl von Tattoo-KünstlerInnen und Tattoo-Ikonen und Meistern des Hautstiches. So fand schließlich die erste große Ausstellung – „Bodyart – Marks of Identity“ – in einem internationalen Kunstmuseum statt, dem American Museum of Natural History in New York. Damit wurde die Professionalität der Tattoo-Künstler öffentlich anerkannt und es stand ein für allemal fest, wofür bereits die Urväter der Tattooszene eintraten: Tattoos können Kunst sein!

Autorin: Sinah Schulz

 

 

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