„Hallihallo meine Lieben und willkommen zu meinem neuen Video!“, quietscht eine perfekt gestylte Blondine mit Zahnpasta-Lächeln in die Kamera. Im Hintergrund ein weißes Ikea Regal, in dem unter anderem feinsäuberlich mehrere Lippenbalsame aufgereiht sind. Die Marke deutlich erkennbar. Fröhlich plaudernd fängt die junge Frau an ihre „10 liebsten Beauty, Lifestyle und Fashionartikel“ vorzustellen. Eins haben sie alle gemeinsam: Sie sind ja „soooo toll!“
Wer sich nun fragt, ob HESE24 neben Gemüsehobel und Speckweghosen für Oma jetzt auch noch Produkte für Teenager verkauft, der irrt. Hier handelt es sich nicht etwa um eine Teleshoppingtante, sondern um deutschlands erfolgreichste YouTuberin.

Bibi badet vergnügt in Glitzerschleim

YouTube begann als Sharingplattform für lustige Videos und auch die Karriere bekannter YouTuber fing zunächst mit einfachen Amateurvideos an. Doch mit zunehmendem Erfolg stieg auch die Professionalität der Videos und so wurden die Menschen mitsamt ihren Kanälen zu Marken und YouTube zu einem gigantischen Geschäft. So zählt etwa der YouTube-Kanal der oben erwähnten Bianca Heinicke, BibisBeuatyPalace, über 4 Millionen Abonnenten.

Doch was sehen die Fans in den circa zweimal wöchentlich erscheinenden Videos eigentlich? Neben einigen merkwürdigen Videos, in denen Bibi zum Beispiel in einem Planschbecken mit Glitzerschleim badet oder sich komplett eingipsen lässt, gibt es auch jede Menge Videos, in denen sie ihren Fans Produkte wie Schmuck, Kleidung und Kosmetik vorstellt. Dies alles geschieht in intimer Atmosphäre und lässt die Dauerwerbesendung in Form von Erfahrungsberichten authentischer wirken.

Afilliate Marketing ist eines der gängigen Mittel der YouTuber

Alle Produkte, die Bibi „nur empfehlen kann“, weil sie ja echt „super mega toll“ sind, hat sie gleich in der Infobox verlinkt. Welch toller Service: jetzt müssen ihre Zuschauer nur noch auf den Link klicken und können sich gleich ohne langes Suchen mit Bibis Lieblingsartikeln eindecken. Doch was Bibi nicht erwähnt: mit jedem Artikel, der über diesen Link gekauft wird, verdient sie Geld.

Bianca Heinicke mit der „bisschen teureren“ Michael Kors Uhr

Dieses Prinzip nennt sich Afilliate Marketing und ist eines der gängigsten Mittel der YouTuber, um Geld mit ihren Videos zu verdienen. Amazon beispielsweise bietet den Teilnehmern seines Partnerprogramms die Möglichkeit, dass sie für jedes Produkt, das über den von ihnen geteilten Link gekauft wurde, einen festgelegten Prozentsatz der Preise erhalten. Bei den beliebten YouTube-Produktarten Kosmetik und Schmuck sind das 7 bzw. 10%. Wenn Bibi also eine 250 Euro teure Michael Kors Uhr – die wie sie sagt „zwar bisschen teurer“, aber dafür auch „wunder, wunderschön“ ist – empfiehlt, dann verdient sie an jeder Uhr, die über diesen Amazon-Link verkauft wird, 25 Euro. Angenommen nur 0,1% der 955.900 Menschen, die das Video gesehen haben, kaufen die Uhr auch über diesen Link: dann verdient Bianca Heinicke damit 23.897,50 Euro. Nicht wenig für eine Minute Schwärmen.

Auch Product-Placement ist sehr beliebt bei den Videomachern. Bei den vorgestellten Artikeln handelt es sich selten um ihre wirklichen „Lieblingsprodukte“, wie sie so gerne behaupten, sondern um Artikel, die sie von den Firmen kostenlos zugesandt bekommen, um sie in ihren Produktbesprechungen anzupreisen.

Werbung von Stars ist zwar nichts Neues, doch gibt es bei der Werbung der YouTube-Stars einen entscheidenden Unterschied zur Werbung von Bastian Schweinsteiger für Chips oder Lena Meyer-Landrut für Haarfarbe. Bei diesen Fällen ist es eindeutig, dass es sich um Werbung handelt. Die YouTuber kennzeichnen ihre Werbung meist aber nur sehr unscheinbar mit den kleinen Hinweisen „Affiliate Links“ und „Unterstützt durch Produktplatzierung – P“. Diese stehen meistens ganz unten in der Infobox der Videos. Die Grenzen zwischen Werbung und Inhalten verschwimmen also und es ist für die meist sehr jungen Zuschauer schwer erkennbar, dass es sich hierbei nicht wirklich um Empfehlungen ihrer Idole handelt, sondern einfach nur um billige Werbung.

Oberstes Gebot: Authentizität

Zudem vertrauen die Fans den YouTubern einfach viel zu sehr um zu erkennen, dass Ihre Stars eigentlich nichts Anderes machen als sie mit Dauerwerbesendungen zu beschallen. Das Schlagwort für dieses Vertrauen lautet Authentizität. Diese ist das oberste Gebot eines jeden YouTube-Stars. Ohne Authentizität erhalten sie kein Vertrauen der Zuschauer und ohne dieses keine Klicks. Erlangt wird diese durch eine wohnliche Atmosphäre bei den Videos, bewusstes Drinnenlassen der Outtakes und eine kindliche Sprache und Begeisterung. Dass diese mit voranschreitendem Alter der YouTuber allerdings immer lächerlicher wirkt, scheint den größtenteils minderjährigen Fans nicht aufzufallen, denn eine US-Umfrage bewies: Teenager identifizieren sich heute mehr mit YouTubern als mit Celebrities. Die Fans sind dadurch sehr leicht beeinflussbar und anfällig für die Werbung ihrer Stars.

Die YouTuber mit Shopping-TV zu vergleichen ist jedoch nicht ganz richtig. Und zwar nicht richtig gegenüber der Teleshoppings-Sender. Im Gegensatz zu den YouTubern verstecken diese ihre Verkaufsabsichten nicht und machen offensichtlich Werbung. Die YouTuber dagegen nutzen das Vertrauen ihrer Fans maßlos für ihre Zwecke aus. Für Gewinnmaximierung durch unseriöse und intransparente Werbung.
In diesem Sinne: „Tschüüüüss! Bis zum nächsten Video!“

Pauline Kielbassa

Categories: Allgemein, Lifestyle, Medien

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