Ja, so kann es einem gehen, wenn man gemütlich aus der Schule in die nächstgrößere Metropole tingelt, um sich dort einen schönen Tag zu machen. Man hat es ja als Schüler oder Schülerin nicht schon schwer genug, wird dann aber tatsächlich auch noch Statist in einer Fernsehsendung. Und genau das ist mir passiert. Plötzlich fand ich mich selbst, als ungewollte Statistin, in der VOX-Nachmittagssendung „Shopping Queen wieder“.
Vorwiegend der weibliche Teil, der oben genannten Gruppe der Schüler, aber auch ganz viele Frauen und Mädchen jeder Altersklasse sitzen montags bis freitags um punkt 16 Uhr vor dem Fernseher. Dann ertönt die bekannte Melodie und ein rosafarbener Schriftzug auf cremefarbenem Hintergrund, der mit goldenen Applikationen verziert ist, flimmert über den Bildschirm. Es ist 16 Uhr in Deutschland. „Shopping-Queen“-Zeit.
Als Statist erfährt man wirklich Einiges hinter den Kulissen. Und was, das erfahrt ihr jetzt.

1. Mehr Schein als Sein: Die Aktualität
Die aktuellen Folgen Shopping Queen werden bereits vor der Ausstrahlung gedreht. Auch wenn der Kommentator den Anfang der Folge fast immer mit einer Variation von: „Willkommen zu Shopping Queen in X, HEUTE an Tag Y geht Z shoppen.“ Das heißt also, „Shopping Queen“ erhebt zwar indirekt den Anspruch der Aktualität, aber sollte man sich spontan während einer Sendung in ein Kleidungsstück verlieben, kann dieses bereits schon aus dem Sortiment genommen worden sein. Nebenbei, es ist doch auch komisch, wenn es bei „Shopping Queen“ regnet, aber das aktuelle Wetter in der Stadt schönster Sonnenschein ist. Fällt aber nur auf, wenn das zufällig die Stadt vor der eigenen Haustür ist.

2. Mehr Schein als Sein: die vier Wänden der Kandidaten oder Kandidatinnen
Wirft man einen Blick auf die Anmeldeseite für die Sendung auf www.vox.de, dann fällt Folgendes auf: Man muss beispielsweise angeben, wie groß die Wohnung ist, wie viele Zimmer man dort hat und wie viele Personen dort leben, … Die Kameraleute, wissen also genau, was sie filmen müssen, um die Sendung in der Wohnung möglichst hautnah und heimisch zu gestalten. Klar, sie wissen ja auch schon fast alles aus dem Formular. Und wieder mal die entscheidende Frage: Wo ist die Spontanität? Anzunehmen ist auch noch, dass bevor in der Wohnung gefilmt wird, erstmals ein Rundgang des Produnktionsteams stattfindet, um zu entscheiden, wie, wo und wann was gefilmt werden soll.

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Einkaufsmeile: Erich Westendarp, pixelio.de

3. Mehr Schein als Sein: Die Geschäfte
Die Sendung gibt vor eine spontane Shoppingtour zu sein. Ist euch dann auch schon mal aufgefallen, dass es bereits Kandidatinnen oder Kandidaten gab, die nach drei Geschäften immer noch kein einziges Kleidungsstück gekauft hatten? Die Erklärung ist folgende: Die Shoppenden bekommen vorgegeben, welche Läden sie nacheinander zu besuchen haben und das vom Produktionsteam hinter der Kamera. Für die Geschäfte gilt, je mehr sie zahlen, desto wahrscheinlicher werden sie in der Sendung auch wirklich angesteuert, kommt eben darauf an, wie schnell die Kandidatin ihr komplettes Outfit zusammen hat. Natürlich ist es ratsam, wenn man sich als Geschäft präsentieren möchte, sofort einen Verkäufer oder eine Verkäuferin für die Shopping-Queen-Anwärterin, den oder die Kandidaten parat zu haben. Daneben ist auch ein generelles Musikverbot in den Geschäften zu nennen, von dem mir eine Verkäuferin berichtete

4. Mehr Schein als Sein: Die Shopping-Zeit
Neben der angeblichen Spontanität, kommt noch ein Zeitlimit hinzu. Je nach Sendungsmotto und nach der Anzahl der Einzukleidenden, beträgt es zwischen vier und sechs Stunden. Wenn die Kandidaten dann so gestresst auf der Suche nach Kleidern sind, ist es doch verwunderlich, dass manche Situationen erneut gedreht werden müssen oder? Muss eine Szene das erste Mal erneut gedreht werden, weil jemand blöde in die Kamera winkt oder dann das zweite Mal, weil sich jemand beschwert und auf sein Recht beruft, nicht im Fernsehen gezeigt werden zu wollen, ja dann kann das mit den vier Stunden schon wahnsinnig eng werden. Die Tageszeiten sind dabei unrealistisch dargestellt. An einem Sommertag beispielsweise ist es nach vier Stunden noch nicht dunkel. Nur bei Shopping Queen ist das so.

5. Mehr Schein als Sein: Die zufälligerweise anwesenden Personen (Die Statisten und die Shoppingbegleitung)
Wie bereits oben erwähnt, „ShoppingQueen“ und Spontanität sind zwei unterschiedliche Welten. Auch hier gibt es Statisten. Und zwar teilweise sehr unzuverlässige. Meistens fragen die Verkäufer irgendwelche Stammkunden oder anwesende Kunden, ob es sie stören würde, im Fernsehen zu sein. Allerdings gibt es auch die Statisten von der Sorte „Unpünktlich“. Ergo eine hysterische, bettelnde Visagistin steht auf einer gut belaufenen Einkaufsstraße und fragt verzweifelt, ob sich nicht jemand umsonst schminken lassen würde, weil sonst der Salon so leer aussieht. Was passiert? Man lässt sich erweichen und wird dann angemalt, während auf dem anderen Stuhl der Kandidatin der Sekt gereicht wird. Und was ist mit den Statisten? Wirklich, der undankbarste Job überhaupt. Man denkt, man kommt ins Fernsehen und groß raus oder hat sich eben nur erweichen lassen seine Menschlichkeit zu zeigen und sich deshalb anmalen lassen. Man kriegt ein wirklich gutes Profi-Make up, das stimmt wirklich, aber in meinem Fall, bei über 30 Grad Celsius Außentemperatur… ist es ungefähr so schnell geschmolzen wie der Frozen Joghurt, den ich mir zwischendurch gegönnt habe. Ganz schlimm ist es dann noch, wenn man gleich als Statist für mehrere Shops eingeplant wird. Das kommt vor, ist aber nicht immer so.Und was ist mit den Shopping-Begleitern? Ach stimmt ja, die armen Leute, die bei Einzelkandidaten, sich ebenfalls die Füße wundlaufen dürfen, wenn das Produktionsteam das möchte und sich dabei noch die bissigen Kommentare einer oder eines schlechtgelaunten Aufnahmeleiters oder -leiterin antun dürfen. Diese beiden Gruppen, ohne die Shopping Queen nicht möglich wäre. Tja, die haben Pech, die dürfen den Designer nicht treffen. Nicht mal hinter der Kamera. Dabei hätte man sich dann wirklich eine Belohnung verdient.

6. Mehr Schein als Sein: Der Designer
Was im Fernsehen immer so perfekt auf die Situation zugeschnitten wirkt, wird in Wahrheit, danach eingefügt. Wichtig ist nur, nach den letzten Handgriffen, also dem endgültigen Aussehen von Haaren und Make up, ein Close-up zu drehen. Wenn das Make up professionell gemacht wird, also es keine Kandidatin von der Sorte „Ich schminke mich kurz vor Ende schnell selbst“ ist, dann sieht komischerweise das auch immer gut aus. Keine Make up Flecken, keine schwarzen Reste von der Wimperntusche unter den Augen, … Allerdings auch die „Selbstschminkenden“ sehen meistens auch nicht schlecht aus. Wäre zu vermuten, dass dort auch ein Visagist oder jemand aus dem Maskenteam des Fernsehens, ohne wirkliches Zeitlimit, sein Unwesen treibt. Denn das will Guido Maria Kretschmer so. Kommentiert wird alles dann in Berlin, denn dort lebt der Modeschöpfer.. Wirklich zu Gesicht bekommen die Kandidaten oder Kandidatinnen den Designer erst am letzten Drehtag. Und zwar in seinem Showroom. Ist wohl zu vermuten, dass dieser auch nur ein Studio von RTL ist, in dem ein paar Kleidchen von ihm ausgestellt werden. Aber à pros pros Designer. Ich denke, uns ist allen schon aufgefallen, auch wenn wir zufällig über diese Sendung gestolpert sind, wie gemein und teilweise sogar unverschämt seine Kommentare sind. Wahrscheinlich schreibt er sie nicht einmal selbst. Auf der einen Seite ist das natürlich lustig für die Zuschauer, aber für die Kandidaten, die sich hinterher dem Hohn und Spott ausgeliefert sehen, sicher nicht.

Und was lernt man aus der ganzen Sache? Man sollte sich gut überlegen, welche Sendungen man sich ansieht. Man könnte immer ein mies gelauntes Produktionsteam und eine oder mehrere überforderte Kandidatin oder Kandidaten, die mit schlimmen Verträgen geknebelt werden, damit unterstützen. Man sollte auch überdenken, dass durch so einen Statistenauftritt vielleicht ein gratis Make up und ein Zeitverlust raus springt, mehr aber auch nicht, weil man im TV wahrscheinlich sowieso nur verschwommen zu erkennen ist. Das betrifft allerdings nicht nur „Shopping Queen“, den „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany‘ s Next Topmodel“ sind nur zwei weitere Beispiele in denen einem mehr Schein vorgegaukelt wird. Und wer jetzt aus der ganzen Sache immer noch nichts gelernt hat, dem bleibt wohl nur übrig am nächsten Tag um 16 Uhr wieder „Shopping Queen“ anzuschalten.

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Krone: Rike, pixelio.de

F. W.

Categories: Allgemein, Lifestyle

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