Wie fast täglich fragt mich der rüstige Rentner Herr S. nach der besten Zugverbindung in seine Heimatstadt Bamberg. Kurz daraufhin versucht er unauffällig, in seinem Rollstuhl das Altenheim zu verlassen und rollt mit beachtlichem Tempo Richtung der naheliegenden U-Bahn Station. Wie immer fällt mir sein „Fluchtversuch“ auf und ich muss ihn mit einer Notlüge („Leider fährt erst morgen wieder ein Zug nach Bamberg“) von seinem kleinen Ausflug abhalten.

AltenheimIIDoch wie geht man am besten mit Demenzkranken um? Ist so eine Notlüge wirklich die beste Wahl um sie vor möglichen Gefahren abzuhalten?
In meiner Zeit als Praktikant im Altenheim stellt man sich vor allem Anfangs diese Fragen regelmäßig da ich, glücklicherweise, diese Krankheit familiär kaum mitbekommen habe. Nach anfänglicher Unsicherheit, als die nette Frau E. auch nach mehrfachen Nachfragen noch immer 5000€ abheben möchte, da sie jegliche Relation zum Geld verloren hat und eigentlich nur 50€ möchte, gewöhnt man sich relativ schnell an solche skurrilen aber sehr bald alltäglichen Kleinigkeiten.
Doch ist reine Gewöhnungssache der Schlüssel zum Erfolg beim Umgang mit Demenzkranken? Sicher ist die Erfahrung ein wichtiger Bestandteil um damit möglichst gut mit umzugehen. Zuallererst muss man immer daran denken, dass alle auftretenden Verhaltensveränderungen vom Kranken nicht willentlich gesteuert werden, sondern immer Folge einer organischen Störung im Gehirn sind. Somit will der Patient niemanden willentlich nerven oder ärgern. Die wichtigsten Tipps laut meiner Erfahrung sind:

-Vermeidet plötzliche Veränderungen in der täglichen Routine. Ein gutes Beispiel dafür ist Herr O., ein Bewohner des Altenheims der sich jeden Mittag, und das schon seit über 40 Jahren, täglich kurz nach dem Mittagessen sein Bier bestellt und somit seinen glücklichen Alltag aufrecht halten kann.
-Überfordere den Patienten nicht.
-Versucht aber auch nicht, ihn übermäßig zu kontrollieren.
-Versucht ruhig und geduldig zu bleiben. Das ist natürlich manchmal leichter gesagt als getan, da früher oder später immer Reibungspunkte entstehen. Wie bei Frau T., die ihren Fernseher immer dermaßen laut hatte, dass der gesamte 2. Stock dauerhaft ARD und ZDF mithören musste.
-Bewahrt den Respekt vor dem Kranken.Bewohner eines Altenheims in Muenchen, Bayern

Und zu guter Letzt: Behaltet euren Humor. Demenzkranke sind sicherlich des Öfteren unfreiwillig witzig aber vor allem, wenn man die jeweilige Person besser kennenlernt, entdeckt man, dass diese Menschen auch noch einen wunderbaren Humor haben.

Zudem sollte man es durchaus positiv sehen wenn die Demenzkranken dich durchaus mal nerven. Es gab auch einige Personen, die sich ihrem Schicksal völlig ergeben haben und tag täglich nur auf ihrem Stuhl sitzen und auf die Mahlzeiten warten.
Andere versuchen auch noch im hohen Alter aktiv und auf dem neuesten Stand zu sein. Wie Herr W., bei dem ich etliche Stunden verbracht habe um ihn seinen neuesten W-Lan Router, Laptop sowie seine Playstation zu installieren.

Wie man an den unterschiedlichen Geschichten sieht, reagiert jeder Mensch ganz anders auf diese Krankheit. Individualität ist ein ganz wichtiger Bestandteil im richtigen Umgang mit den Patienten.

Als Pointe könnte man nun das allseits beliebte „und wenn er nicht gestorben ist…“ benutzen, dies wäre aber hier möglicherweise falsch angebracht. So hoffe ich trotzdem, dass Herr S. seine Hartnäckigkeit noch immer innehat und er nach wie vor täglich seinen Weg nach Bamberg angeht. Vielleicht geht eines Tages sein Wunsch in Erfüllung und er sieht die Stadt noch ein letztes Mal.

David Huber
Categories: Allgemein, Lifestyle

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