Linda Carty sitzt in ihrer Zelle. Einer Todeszelle in Texas, USA. Sie wartet, versucht ruhig zu bleiben, der Tag könnte ihr letzter sein. 2002 wurde Sie in einem Prozess ohne klare Beweise oder einen vernünftigen Rechtsbeistand zum Tode verurteilt. Ihr wird vorgeworfen eine junge Mutter mit ihrem Kind entführt, und die Frau anschließend getötet zu haben. Manches spricht für, manches gegen sie. Trotz ihres Versuchs der Wiederaufnahme des Verfahrens kann Sie jederzeit einen Termin für ihre Hinrichtung bekommen. Eine Situation die man sich kaum vorstellen kann, kaum vorstellen will.

 

In der Schwebe

Immer noch 16 Bundesstaaten in den USA und zahlreiche andere Nationen vollstrecken die Todesstrafe, obwohl doch so vieles dagegen spricht. Das Perverse an der Todesstrafe die Willkür, mit der sie oftmals durchgeführt wird. Viele Verurteilte warten seit Jahrzehnten in der Todeszelle auf einen Termin für ihre Hinrichtung, jeden einzelnen Tag mit dem Gefühl bald getötet zu werden, während andere nur wenige Monate nach dem Urteil sterben. Einen Menschen, egal was er getan hat, so zu behandeln, ist für sich ein schweres Verbrechen, das als psychische Folter bezeichnet wird. Es geht aber durchaus noch schlimmer. In einigen Fällen waren Verurteilte nur noch wenige Minuten vor der Hinrichtung, ihre letzte Mahlzeit und in den meisten Fällen die Verabschiedung von der Familie bereits hinter sich. Manche waren schon auf den Stuhl geschnallt, auf dem die Giftspritze verabreicht wird, als die vorläufige Begnadigung oder Aufschiebung angeordnet wurde. Dieses Tauziehen zwischen Leben und Tod, Recht und Unrecht ist eines Rechtsstaates unwürdig, ganz besonders einem, der als die Führungsmacht der westlichen Welt gilt. Diese Art von unmenschlichem Verhalten ist ein Armutszeugnis für die USA, einer Nation, die einst so erbittert für den Schutz der persönlichen Rechte und der Freiheit eintrat.

Galgen_BSDas mitunter größte Problem an der Todesstrafe ist die Frage nach der Schuld. Es gibt Fälle, in denen ist die Beweislage so glasklar, dass ohne jeden Zweifel der Schuldige ermittelt werden kann. Das ist jedoch die Ausnahme. Und ab diesem Zeitpunkt wird es schwierig. Welcher Polizist, welcher Richter, welcher Geschworene kann sie zweifelsfrei klären, die große Frage nach dem Schuldigen. Niemand kann das, so auch im Fall von Linda Carty. Immer wieder werden Beweise übersehen, gar manipuliert oder Zeugen geben falsche Tatsachen wieder. Auch kommt es vor, dass die staatlich finanzierten Rechtsanwälte von ärmeren Menschen dem Fall zu wenig Aufmerksamkeit widmen, wohingegen Angeklagte mit hochbezahlten Verteidigern sich „Gerechtigkeit“ kaufen können. Zwischen 1900 und 1985 wurden allein in den USA 350 Menschen hingerichtet, deren Unschuld posthum bewiesen wurde, die Dunkelziffer aller zu Unrecht verurteilten ist deutlich höher. Unschuldige Menschen, die mit ihren Familien Unvorstellbares durchmachen müssen, um am Ende in einem Akt der Barbarei getötet zu werden. Und so etwas geschieht nahezu täglich, überall auf der Welt. „Wie viel kaltblütiger kann ein Mord sein? Ihr plant das Jahre im Voraus.“ – Ein unbekannter Häftling vor seiner Hinrichtung.

 

Auge um Auge

Grundsätzlich kann natürlich so gut wie jeder den Wunsch nach Rache, den Wunsch nach Genugtuung, auf emotionaler Ebene verstehen, ebenso den Gedanken, dass es Verbrechen gibt, mit denen sich Menschen ihr Recht auf das Leben verwirkt haben. Trotzdem sollte man meinen, dass wir im 21. Jahrhundert die dunklen Zeiten von Rachegefühlen und Blutdurst hinter uns gelassen haben. Wie Mahatma Gandhi einst so treffend sagte: „Aug um Aug und die ganze Welt ist blind.“ Natürlich ist es für die Angehörigen von Opfern immer schwer zu ertragen, dass die Täter, die einen geliebten Menschen für immer aus der Welt gerissen haben weiterleben dürfen. Sie dürfen weiter atmen, lachen, essen und ihre Familien sehen. Dennoch ist diese Sichtweise sehr eindimensional, das große Ganze muss betrachtet werden. Es ist nachgewiesen, dass die Todesstrafe keine abschreckende Wirkung hat auf jemanden, der die Absicht hat zu töten. In vielen Fällen sagen sogar die Täter, dass ihr schnelles und frühes Sterben eine Erlösung für Sie ist. Dass es so viel angenehmer als ein ganzes Leben hinter Gittern ist. So muss man zugeben, das bei objektiver Betrachtung ein langes Leben im Gefängnis wohl die größere Strafe ist als ein schnelles Ende. Doch vor allem muss man sich klar darüber werden, dass sich der Staat hier auf eine Ebene mit dem Täter begibt und so am Ende des Tages nicht viel besser als der Mörder selbst ist. Denn ein Staat muss immer besser sein als die Menschen, die in ihm leben. Er muss Entscheidungen nach rationalen und nicht nach emotionalen Grundsätzen treffen. Alles andere ist barbarisch, unzeitgemäß und hat in einer modernen und aufgeklärten Welt nichts verloren, ohne Wenn und Aber. Oder um es mit den Worten des Diplomaten und Friedensnobelpreisträgers Koffi Annan auszudrücken: „Wie kann ein Staat, der die gesamte Gesellschaft repräsentiert und die Aufgabe hat, die Gesellschaft zu schützen, sich selbst auf die gleiche Stufe stellen wie ein Mörder?“

 

Ungewissheit

Linda Carty sitzt noch immer im Todestrakt, sie wartet immer noch auf einen Termin für ihre Hinrichtung. Ihre Tochter kann Sie kaum noch besuchen kommen, da Sie viel arbeiten muss und vier Autostunden von ihrer Mutter entfernt wohnt. Ob sie nun schuldig ist oder nicht – abschließend lässt sich das nicht klären. Und genau deshalb ist es grundlegend falsch, dass Linda Carty seit über einem Jahrzehnt jeden Morgen mit dem Gefühl der Ungewissheit, dem Tod im Nacken aufsteht. Und so geht es weiter – Mord um Mord.

 

VB

 

 

 

Quellen:

Tim Reckmann / pixelio.de

Christian Simon / pixelio.de

https://www.netflix.com/watch/70289088?trackId=200257859

https://de.wikipedia.org/wiki/Todesstrafe_in_den_Vereinigten_Staaten Stand 14.03.16

 

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