„Wer kotzt, hat nicht das Leben gefunden, das ihm schmeckt.“ Was in fremden Ohren klingen mag wie eine flache Bulimikerweisheit, trifft für mich den Nagel recht passend auf den Kopf. Nicht immer sind es die ausführlichen Erklärungen, manchmal reichen einfache Worte aus, um das Ausmaß einer seelischen Katastrophe oder das Schicksal eines einzelnen treffend zu beschreiben. Und ich muss es wissen, ich habe Bulimie.

Ich kann nicht versprechen, dass die folgenden Zeilen eine befriedigende Erkenntnis darüber liefern werden, was es heißt, mit einer Essstörung zu leben. Aber ich möchte euch trotzdem eine kleine Geschichte erzählen. Sie handelt von MIA. Ich habe ihr vertraut und sie hat mir alles genommen.

Mein perfektes (V)erbrechen - Bild1

Als ich mich mit 13 Jahren das erste Mal erbrochen habe, war ich siegessicher. Bulimie?

Das passiert nur den Dummen, den Schwachen, den Undisziplinierten. Ich wollte nichts von MIA wissen.

MIA, so nenne ich sie liebevoll, die Bulimie, die Ess-Brech-Sucht, weil es nicht ganz so wissenschaftlich, nicht so abstrakt klingt.

Ich konnte jeden schlechten Tag mit venenverklebenden Nahrungsmitteln aus meinem Gedächtnis radieren. Das Gegessene anschließend wieder herauszuwürgen, machte mein ungezügeltes Verhalten ungeschehen. Krank ist es erst, wenn man die Kontrolle verliert. Ich hingegen habe mich stark gefühlt und schlau. Ich hatte die perfekte Lösung gefunden, sich alles zu erlauben und doch nichts zu bereuen – den begangenen Fehler einfach rückgängig zu machen.
Man sagt immer, andere zu täuschen ist leicht, aber sich selbst, sich selbst kann man nicht belügen. Ich sage, man kann. Und es funktioniert erstaunlich gut, für eine erstaunlich lange Zeit. Heute weiß ich, dass Bulimie nicht einfach passiert. Sie ist ein langer, leise schleichender Prozess, den man erst bemerkt, wenn es zu spät ist.

Bemerkt haben es irgendwann auch meine Eltern. Unmengen an Essen, die regelmäßig den Weg in mein Zimmer fanden, verdächtige Würgegeräusche, Abgeschlagenheit, Gereiztheit, der soziale Rückzug. Sie mussten weder Sherlock noch Watson sein, um zumindest zu erahnen, dass mein Verhalten nicht einzig und allein auf präpubertäre Faktoren zurückzuführen war.
Als sie mich darauf ansprachen, wollte ich alles leugnen. Ich wollte ihnen versichern, dass es mir gut geht. Dass ich alles unter Kontrolle habe. Aber zum ersten Mal wurde mir schmerzhaft bewusst, dass ich sie längst verloren hatte. Die Kontrolle, das ausschlaggebende Kriterium. Ich war krank.
Meine Eltern waren überfordert und wütend über das, was sie nicht nachvollziehen konnten. In Ihren Augen war es nur Dummheit und Unvernunft. In ihren Augen hatte ich keinen Grund, keinerlei Berechtigung für eine solche Pseudo-Spinnerei. Ich hatte eine erfüllte Kindheit, eine treusorgende Familie. Keine markerschütternden Einschnitte, die auch nur einem pädagogisch unfähigen Hobby-Psychologen hätten Genugtuung verschaffen können.
Vielleicht haben meine Eltern Recht. Vielleicht ist es undankbar, wo es doch Menschen gibt, die so viel mehr an legitimen Begründungen vorzuweisen haben, um sich einer psychischen Krankheit als würdig zu erweisen. Aber ich habe schon lange damit aufgehört, nach den Gründen zu suchen. Gründe für diese innere Leere, für das Gefühl, niemals genug, niemals perfekt zu sein.
Selbstzweifel und Zerrissenheit waren die Fährte, die MIA aufgenommen hat wie ein ausgehungerter Wolf. Und ich war ihr gefundenes Fressen.

Bulimie ist kein Zeitvertreib, den man billigend in Kauf nimmt, um dünn zu sein. Sie ist mein Ventil. MIA ist da, wenn es sonst keiner ist. MIA hört zu, wenn es sonst keiner tut. Sie ist die Freundin, die mir die Haare hält, wenn ich mich würgend über die Toilette beuge. Zugegeben, eine falsche und manipulative Freundin. Aber trotz allem die einzige, die mich wirklich kennt, mein Schatten, mein zweites Ich. Mein kleines Geheimnis.

Immer wenn ich dieses Geheimnis teilen will, mich erklären und den Menschen begreiflich machen will, stoße ich auf Unverständnis und Abwertung. Die Thematik ist zu absurd, zu abartig und keiner von ihnen ist bereit, sich ihrer gemeinsam mit mir anzunehmen. Keiner will etwas mit diesen absurden Problemen zu tun haben. Ab und an hebt vielleicht eine Supermarktkassiererin argwöhnisch die Braue, während ich Unmengen an Einkäufen vom Band in meine Tasche räume. Aber auch sie wird keine Fragen stellen, auch sie will nichts von meinem verkorksten Leben wissen.
Alkohol und Drogen – das ist greifbar, verständlich, nachvollziehbar. Aber eine Sucht nach Essen? Essen ist zu banal, zu alltäglich, um Gegenstand einer Sucht zu sein.
Für Außenstehende stellt sich der Weg aus einer Abhängigkeit recht einfach dar. Wer ihr entfliehen möchte, muss dem Übel ein Leben lang abschwören. Es wird kein Glas Rotwein mehr für den Alkoholiker geben und auch keine gelegentliche Spaßpille für den Drogenkranken. Aber wie zur Hölle soll ich es schaffen, meine Sucht zu bekämpfen? Wie soll ich auf etwas verzichten, das für mein Leben, ja für jedes Leben, von so essentieller Bedeutung ist? Es ist, als müsste ich die Luft zum Atmen meiden.

Es ist…unmöglich.

Oft habe ich Angst nach Hause zu kommen und mit MIA allein zu sein, weil ich weiß, dass sie Gedanken wie diese als willkommenen Vorwand für ihre Spielchen nutzen wird. Sie wird mir sagen, dass sie die einzige ist, die mich versteht, die mich nicht verurteilt und mir Trost spendet. Und bevor ich mich dagegen wehren kann, wird sie längst angefangen haben, wahllos und Unmengen an kalorischen Versuchungen in mich hineinzustopfen.
Anschließend ist es nicht die Angst vor dem Zunehmen, die mich ins Badezimmer treibt. Es ist nicht nur das Essen, das ich aus mir herauswürge, es sind die Schuldgefühle, Selbstverachtung und die Gewissheit, wieder einmal versagt zu haben. Wieder einmal war ich nicht stark genug, wieder einmal habe ich die Kontrolle über mich selbst verloren. Es ist ein nicht enden wollender schlechter Film. Ich bin zu einer Marionette geworden, zu einem Zuschauer meines eigenen Lebens. Ich habe keine Entscheidungen mehr zu treffen, MIA tut das jetzt. Alles, was mir bleibt, ist die innere Leere, und einzig das brennende Ziehen in meinem Magen erinnert mich daran, dass ich lebendig bin.

Ich weiß noch, wie sie damals sanft an meine Tür geklopft hat, mir Trost versprochen und mein Vertrauen erschlichen hat. Viel zu spät habe ich gemerkt, dass sie keine Bereicherung, sondern die Hölle auf Erden ist. Seitdem habe ich jeden verdammten Tag gekämpft, aber MIA ist stärker. Ich will ihr nicht mehr zuhören, ich will sie verleugnen, mir die Hände über die Ohren pressen wie ein Verrückter, der Stimmen hört, in der Hoffnung, sie würden verstummen. Aber sie weiß längst, wie sie meinen Willen brechen kann. Sie hat das Ruder übernommen, teilt Befehle aus und scheucht mich herum, wie einen geprügelten Hund.
Für Außenstehende muss es furchtbar lächerlich, geradezu wahnsinnig klingen. Aber für mich ist es die Realität. Es ist mein Leben und ich bin es leid. Ich bin es leid zu kämpfen und einen hoffnungslosen Feldzug gegen mich selbst zu führen. Es gibt niemanden sonst, dem ich die Schuld geben kann.
Denn MIA bin ich. Sie wohnt in mir und hat längst das größere Zimmer bezogen.

Vielleicht ist es feige, einfach aufzugeben. Aber ich weiß, dass ich diese Schlacht verloren habe. Alles, was ich tun kann, ist den Feind mit in den Abgrund zu reißen. Oder sanft in einen endlosen Schlaf zu wiegen. Ich drehe das Tablettendöschen in meiner Hand hin und her, und es klingt fast wie das leise Ticken einer Uhr. Meiner Uhr. Mit zittrigen Händen würge ich den Inhalt herunter und muss widerwillig schmunzeln – das also ist meine Henkersmahlzeit.

Es ist seltsam. Ich schließe die Augen und spüre nichts mehr von all dem Schmerz, keinen Zweifel, kein Bedauern. Die Tränen, die sich behutsam ihren Weg über meine Wangen bahnen, sind keine Tränen der Trauer. Es sind Tränen der Hoffnung.
Denn in einem bin ich mir ganz sicher: Engel leiden nicht an Bulimie.
E.H.


7 Responses so far.


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