Wenn „Warum eigentlich noch weitermachen?“ zu einer zentralen Frage im eigenen Leben wird, kommt das einer Kriegserklärung gleich. Bei diesem Krieg ist man beides, Soldat und Zivilist, der Verteidiger, der Angreifer, der Feind und das Opfer. Das Schlachtfeld ist der eigene Kopf. Wie bei einem echten Krieg, geht es um Sieg oder Niederlage. Und auch in diesem Fall steht das für Leben oder Tod.
Carolin A. Bild 2Das Mädchen steht vor dem Spiegel. Misstrauisch beäugt sie sich von vorn und von hinten, von der linken Seite und von der rechten, dreht sich wie eine Ballerina um sich selbst, um sich von allen Seiten betrachten zu können. Ihr gefällt nicht was sie sieht. Ihre Eltern sehen den gesunden Körper einer Dreizehnjährigen, sie sieht nur Fett. „Ich bin zu dick“, denkt sie, „Ich muss abnehmen.“
Der Puls des Mädchens rast, als sie die Schachtel aufs Kassenband legt. Freundlich grüßt sie die Kassiererin, diese schaut nur kurz auf, grüßt zurück, nennt den Preis und nimmt das Geld entgegen. Eilig stopft das Mädchen die Schachtel in ihre Tasche und verlässt den Laden, ein triumphierendes Lächeln auf dem Gesicht. Die Kassiererin wird das Mädchen in den nächsten Monaten öfter sehen. Immer wieder wird sie kommen, eine oder zwei Schachteln der Diättabletten auf das Band legen, freundlich lächeln und wieder gehen. Sie weiß nicht, dass das Mädchen erst 15 ist.
Das Mädchen betrachtet sein Spiegelbild. Nimmt ihre Armbanduhr ab, die sie jeden Tag trägt, legt sie neben das Waschbecken. Mit geübten Handgriffen bindet sie sich die Haare zurück. Beugt sich über die Toilette. Das Mädchen wäscht sich das Gesicht, putzt sich die Zähne, lächelt seinem Spiegelbild zu. „Es wird alles gut“, verspricht sie ihm, „Es wird alles gut, wenn ich erst dünn bin.“ Die Eltern des Mädchens bemerken bald, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmt. Sie schicken sie zur Therapie. Die Bulimie verlässt das Mädchen recht schnell, zurück bleibt eine nicht klassifizierbare Essstörung. Sie ist 16 Jahre alt. Die erste große Liebe scheint zu helfen, die Therapeutin ist zuversichtlich, ihre Patientin bald entlassen zu können. Doch die junge Liebe zerbricht und das Mädchen zurück in die Arme ihrer Krankheit fallen.

Der erste Schnitt ist noch Schmerz, der zweite schon Erlösung

Ein neuer Tag bricht an, die ersten Strahlen drängen sich durch die Wolken und trotzdem ist alles grau. Das Weckerklingeln schmerzt in ihren Ohren und ihr Körper scheint ihr wie mechanisch zu gehorchen, als sie aufsteht und sich anzieht. Er ist lediglich ein Roboter, der Befehle ausführt. Sie ist müde. Wie jeden Tag. Immer nur müde, egal ob sie zehn Stunden schläft oder vier. Beides kommt vor, manchmal legt sie sich direkt nach der Schule ins Bett und steht vor dem nächsten Morgen nicht mehr auf, an anderen Tagen halten ihre Gedanken sie lange wach. Auf dem Weg zum Bus zündet sie sich eine Zigarette an, inhaliert tief. Sie raucht zu viel und das weiß sie auch. Ganz früher, da war sie strikt gegen das Rauchen, mittlerweile kann sie ohne mit der Wimper zu zucken eine ganze Schachtel alleine vernichten. Und das tut sie oft. In der Schule ist sie mit ihren Gedanken mal anwesend, mal wieder ganz weit fort. Mal motiviert und interessiert, an anderen Tagen kritzelt sie nur verträumt Wortfetzen auf ihre Heftränder.  Ihre Noten halten sich erstaunlich gut dafür, dass sie sich kaum konzentrieren kann. Wieder zuhause nimmt sie eine Schmerztablette, legt sich ins Bett. Sie hat fast jeden Tag Kopfschmerzen. Eigentlich müsste sie lernen, Hausaufgaben machen. „Aber wozu?“, denkt sie sich. „Ich versage ohnehin“. Wie ein Blutegel saugt sich dieser Gedanke in ihrem Gehirn fest. Er und viele andere seiner Art kommen immer wieder, schleichen sich auf leisen, hinterhältigen Pfoten an, wenn sie gerade einschlafen will und nur selten kommt sie gegen die Stimmen an. „Du wärst glücklicher, wenn du nicht so fett wärst“, flüstern sie. „Geh weg, seid still!“, denkt das Mädchen und sie merkt, wie dennoch ihre Mauer bricht, und sie die Stimmen wieder an sich heranlässt. „Du wirst deinen Abschluss nicht schaffen, wenn du so weitermachst. Du solltest dich bestrafen“, sticheln sie weiter. „Und überhaupt, du bist ja gar nicht krank, schau dich doch an, wie du frisst. Du willst nur Aufmerksamkeit“
„Geht weg!“, denkt das Mädchen wieder. Die Tränen stehen ihr in den Augen, denn insgeheim weiß sie, dass die Stimmen Recht haben. Und es sind ja nicht einmal fremde Stimmen. Es ist ihre eigene in tausend Variationen. Es ist ihre Schuld, dass sie nicht so gut in der Schule ist, wie sie möchte und es ist ihre Schuld, dass sie immer noch nicht dünner geworden ist, obwohl sie sich seit vier Jahren vorgenommen hat, abzunehmen, aber sie hat keine Disziplin, sie ist schwach, ein Niemand, wertlos…

Carolin A. Bild 1Tränenschleier nehmen ihr die Sicht, als sie die kleine Kiste hervorholt, die sie unter ihrem Bett versteckt hat. Wie mechanisch greift sie nach den Klingen, die sie aus ihrem Spitzer herausgeschraubt hat. Sie dreht sie eine Weile zwischen den Fingern, sieht wie das Licht an der glatten Oberfläche bricht, bevor sie sie an ihre Haut setzt. Der erste Schnitt ist noch Schmerz, der zweite bereits Erlösung. Immer wieder gleitet die Klinge über ihre Haut, bis das Brennen auf ihren Schenkeln, den Druck in ihrem Brustkorb abgelöst hat. Sie drückt ein Taschentuch auf ihr Bein, zieht ihre Hose wieder an, atmet ein paar Mal tief ein und aus und setzt sich zurück an den Schreibtisch, beginnt mit den Hausaufgaben. Diese beschäftigen sie, bis es Zeit ist, zu Bett zu gehen.
Die Selbstverletzung wird nahezu ein Teil ihres Alltags. Am Anfang hat sie noch mit Freunden darüber gesprochen, es aber bald aufgegeben, nur noch am Rande erwähnt, wenn sie danach fragten. Es hilft ihr zu sehr, als dass sie riskieren möchte, dass es ihr jemand auszutreiben versucht. Aber es wird auch mehr und mehr zum Zwang. Das merkt sie erst, als sie dem Wunsch, sich zu verletzen, nicht mehr so leicht nachgeben will. Früher zückte sie die Klinge, sobald ihre Stimmen sie dazu ermunterten und nun erkennen sie ihren Widerstand nicht an. Ihr kommen die Tränen, sie will sich nicht schneiden, es tut weh, aber sie weiß, dass sie muss, es ist ihre Strafe.
Dieses Mädchen bin ich. Und ich kämpfe immer noch. Vorerst bin ich siegreich aus der Schlacht hervorgegangen, aber der Krieg ist noch nicht vorbei. Die Dämonen in meinem Kopf sind nach wie vor da und sie werden es noch sehr lange sein. Aber ich kann sie im Zaum halten. Da wo Narben waren sind heute Tätowierungen. Und so lange ich immer noch jeden Tag ein Morgen sehe, weiß ich, dass sie nie wieder solche Macht über mich haben werden.

CarolinA

Categories: Allgemein, Lifestyle

3 Responses so far.


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