In der Kreativ-Branche gibt es so gut wie nichts, was man nicht darstellen kann. Ob mit audiovisuellen Mitteln, kubistischen Formen oder extravaganten Textilien – Kunst und Mode können miteinander verflochten werden und entwickeln gemeinsam eine unerwartet harmonische Aussagekraft. Auch wenn die beiden Bereiche sehr verschieden sein können, wer die richtige Methode kennt, kann erstaunliches kreieren

 

Die Fashion Show als Leinwand für eine beeindruckende Botschaft

Die Mode selbst ist eine ganz eigene Form der Kunst. Beschäftigt man sich mit den Fashion Shows vergangener Jahrzehnte, fällt einem gleich der starke Bezug zum politischen und kulturellen Zeitgeschehen auf. So ist beispielsweise beim Betrachten der Laufstege der 1980er Jahre das vorherrschende „Just-for-Fun“-Zeitgefühl stark erkennbar. Diese Strömung festigte sich vor allem bei den jüngeren Menschen aufgrund des „kalten Krieges“. Man wollte nicht mehr im tristen Funktionalismus leben, die Zeit des Form Follows Function war vorbei. Ebenfalls entdeckt man viele Einflüsse dieser Tendenzen in den farbenfrohen Objekten der, von Ettore Sottsass gegründeten Memphis Group, welche mit ihren Objekten den Funktionalismus komplett aufbrachen.

Ein Künstler macht Mode

Mit Kunst ist nicht gleichzeitig Mode gemeint, obwohl in beiden Bereichen ein unglaublich feines Gespür für Details und den aktuellen Zeitgeist von Nöten ist. Modebranche und Kunstszene gehen Hand in Hand und haben mehr gemeinsam, als man im ersten Augenblick denkt.

Hussein Chalayan ist Künstler und Modedesigner, genau wie seine Arbeit sowohl Kunst als auch Mode ist. In beiden Kreisen hoch geschätzt, entwirft er Kollektionen, die sich nicht stur an bestimmte Trends halten. Er erschafft mit seinen Kleidern nicht nur Mode, sondern erarbeitet zudem eine Form der Performance-Art, um eine Botschaft zu vermitteln. Jedes Detail hat seine eigene Wichtigkeit und dient dazu, den Zuschauer auf einzigartige Weise zum Nachdenken anzuregen.

Die vermoderte Kollektion

Dass Chalayan anders denkt als viele seiner Kollegen aus der Modebranche, wurde schon gleich zu Beginn seiner Karriere klar. So entwarf er als Abschlussarbeit für das „Central Saint Martins College“ eine Kollektion von Kleidern aus verschiedenen weißen Stoffen und vergrub diese mehrere Wochen vor der Präsentation unter der Erde. Erst zwei Tage vor der offiziellen Graduate-Show grub er seine Kollektion wieder aus und schickte seine, durch Lehm und Nässe verrotteten, Stücke auf den Laufsteg. Chalayans Intention dahinter war, so auf Themen wie Vergänglichkeit und Sterblichkeit hinzuweisen. Es sind unkonventionelle Methoden wie diese, die seine Mode zu etwas Besonderem machen. Aber nicht nur allein das sorgte in den letzten Jahren für Begeisterung. Auch die Fashion Shows, die Chalayan inszeniert, sind alles andere als eine reine Präsentation.

Stoffrollen in Schneiderfabrik

Die haptischen Farbpaletten des Schneiders

Das weiße Wohnzimmer ist ein Catwalk

Hussein Chalayan erregte mit seiner Kollektion namens „Afterwords“ viel Aufmerksamkeit, sowohl in der Kunstszene, als auch in der Modebranche. Die komplette Show wurde bis ins kleinste Detail durchdacht und erinnerte viel mehr an Performance-Art.

Als Catwalk diente eine Art Wohnzimmer. Ein klarer Raum, minimalistisch gehalten, in dem verschiedene Möbel standen. Fünf Personen verschiedener Generationen eröffneten sitzend die Show. Als sie sich dann erhoben, entfalteten sie gleichzeitig ihre Kleider und gingen choreografiert von der Bühne. Fünf weiß gekleidete Männer sammelten daraufhin die Stühle ein. Bereits zu diesem Zeitpunkt bekam man den Eindruck, dass diese Eröffnungsszene mehr zu bedeuten hatte. Anschließend begann die Modenschau und ein Model nach dem Anderen präsentierte in gewohnter Manier Chalayans Herbst/Winter Kollektion. Klare und dunkle Linien, bis hin zu hellen und verspielten Raffungen schlenderten zu bulgarischem Folklore Gesang durch das weiße Wohnzimmer.

Das Finale enthüllt die Botschaft

Das eigentliche Highlight bot sich einem am Ende der Show. Vier in grau gekleidete Models betraten das Wohnzimmer und fingen plötzlich an, die Stoffe von den Sofas abzuziehen. Was sich dem Zuschauer nun offenbarte war beeindruckend. Die Models begannen die Bezüge anzuziehen. Es entstanden so, vor aller Augen, aus Sofabezügen neue Kleider. Die nun nackten Stühle wurden zu Koffern zusammengeklappt und neben die Models gestellt. Zuletzt war nur noch ein runder Tisch mit einem Loch in der Mitte übrig. Ein weiteres Model betrat das Wohnzimmer, entfernte eine Scheibe aus der Mitte des Tisches und stieg hinein. Wie eine Ziehharmonika zog sie den Tisch nach oben, verwandelte ihn dadurch in einen Rock und stellte sich zu den anderen.

Chalayan projizierte mit seiner Form des Designs politische Themen in die Fashion Show: Durch die Verwandlung der statischen Möbel in Kleidungsstücke „To-Go“, thematisierte er die Situation von Flüchtlingen. Sein Gedanke hierbei war, dass man zu jeder Zeit bereit sein muss, einen Ort schnellstmöglich zu verlassen, kein festes Zuhause mehr zu haben, kein Wohnzimmer, keine Garderobe oder Möbel mehr zu besitzen. Die vier Personen gleich zu Beginn der Show, stellten eine Familie dar, die binnen kürzester Zeit ihre Behausung verlassen musste.

Koffer mit Decke auf dunkler Straße

Das Nötigste einsammeln und gehen

Kunst und Mode gehen Hand in Hand

Hinter Chalayans Arbeit steckt ein künstlerisches und auch technisches Konzept. Es sind die Einflüsse aus den verschiedenen Bereichen der Kunst, weshalb seine Visionen funktionieren.

Auch wenn Kunst und Mode getrennt behandelt werden, gehören beide Bereiche dennoch zusammen, etwa wenn ein Lebensgefühl vermittelt werden soll, wie in den 1980er Jahren. In Form von Schulterpolstern, Neon und Puffärmeln oder mit knallbunten Plastiken und Möbeln transportierte sich eine klare Botschaft: „toll anzusehen aber ohne Nutzen“.

Ob man nun die beiden Bereiche wie Hussein Chalayan kombinieren möchte, um seine Gedanken zum Ausdruck zu bringen, bleibt natürlich jedem Künstler selbst überlassen.

Die komplette Fashion Show „Afterwords“ kann man sich hier ansehen:
https://www.youtube.com/watch?v=hgG_vsIpXW4

Von Lisa Sprenger

 

Quellen:

http://www.faz.net/aktuell/stil/mode-design/mode/designer-abc/hussein-chalayan-portrait-designer-abc-der-faz-1464926.html

https://www.youtube.com/watch?v=hgG_vsIpXW4

https://www.pexels.com/de/

Categories: Allgemein, Kultur, Lifestyle, Mode

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