Die Möglichkeit, Kinder in Kindergärten, -krippen und -tagesstätten zu bringen, ist mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Aber wenn bei einem Streik des öffentlichen Diensts der Kindergarten schließt, werden Stimmen laut, die sagen: „Wieso streiken die? Die spielen doch nur den ganzen Tag mit den Kindern, trinken Kaffee und sonnen sich im Gras.“ Aber wie bei vielen Vorurteilen auch, stimmen diese denn überhaupt?

Wie stellt ihr euch eine Erzieherin vor? Wahrscheinlich eine Frau in Birkenstock-Schuhen, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und die kaum Stress durch ihren Job hat. Und dann kann man auch noch den ganzen Tag mit Kindern spielen. In Wahrheit ist dieser Beruf sehr stressig geworden und Erzieher/innen machen noch viel mehr, als nur mit Kindern spielen. Es gibt Faktoren, die dafür sorgen, dass die meisten Erzieher/innen schon mit 50 körperlich und seelisch erschöpft sind. Stress haben sie durch die vielen Kinder. Durch den Fachkräftemangel fehlen viele Erzieher/in und deshalb müssen die vorhandenen Erzieher/innen auf mehr Kinder gleichzeitig aufpassen. Lärmbelastung, die ebenfalls durch die Kinder entsteht, dann die körperliche Belastung, durch z.B. kleine Stühle oder auch den Lärm der spielenden Kinder. Und wusstet ihr auch, dass die Ausbildung zum/zur Erzieher/in fünf Jahre dauert und man nur im letzten Ausbildungsjahr dafür bezahlt wird? Und wo wir schon bei Geld sind, unterbezahlt ist der Beruf natürlich auch noch. Nachfolgend findet ihr einen Bericht eines Arbeitstages einer typischen Erzieherin. Ihr Name ist Maya, 26 und sie arbeitet in einem Kindergarten mit drei Gruppen, der von 7:00 Uhr – 16:00 Uhr geöffnet ist.

Hier seht ihr Maya, Erzieherin in einem Kindergarten

7:00 – 8:30 Uhr: „Bringzeit“

Jeden Morgen werden von 7:00 Uhr bis um 8:30 Uhr die Kinder von den Eltern gebracht. Ich freue mich jeden Tag darauf, die Kinder wiederzusehen. Nur auf die unsinnigen Kommentare und Gespräche der Eltern könnte ich verzichten.

Mutter A: „Sie werden ja wieder einen Tag damit verbringen, den Kindern beim Spielen zuzusehen und dabei Kaffee trinken. Und heute soll ja super Wetter sein. Da können Sie sich ja draußen in die Sonne legen. Ihren Job als Kindergärtnerin hätte ich auch gerne.“ Als ob wir wirklich dafür Zeit hätten. Es mag ja so aussehen, dass wir uns draußen nur unterhalten und Kaffee trinken. Aber das ist dann auch der einzige Moment, in dem wir „nur“ auf die Kinder aufpassen. Und nur dann können uns die Eltern sehen. Was wir drinnen machen, sieht niemand. Und das Beste an Sätzen wie diesen, ist die Bezeichnung „Kindergärtner/in“. Das ist nicht mehr unsere offizielle Berufsbezeichnung. 1967 wurde diese in „Erzieher/innen“ umbenannt. Der Begriff lässt sich auf die Assoziation zurückführen, dass die Erzieher/in sich um die Kinder so individuell kümmert, wie ein Gärtner um seine unterschiedlichen Pflanzen. Sie brauchen viel oder wenig Sonne, unterschiedlichen Dünger und unterschiedlich viel Wasser. Und genauso verhält es sich mit den Kindern. Jedes Kind hat unterschiedlichen Betreuungsbedarf. Ein Vergleich dazu wäre der Beruf „Flugbegleiter/in“ und die Bezeichnung „Saftschubse.“  Bei diesem Satz kann der Begriff auch mit „Basteltante“ ausgewechselt werden. Aber ich bin nicht die Tante. Mit der Bezeichnung nehmen uns die Eltern unsere Autorität. Ich bin eine Respektsperson im Kindergarten und wenn wir „Tante“ oder ähnliches genannt werden, kann das Kind den Eindruck erhalten, es muss ja nicht auf uns hören, denn wir sind ja nur „die Tanten“.

Und dann sind da auch noch die ganzen Bitten der Eltern.

Mutter B: „Mir ist gestern aufgefallen, dass mein Kind nicht richtig angezogen war. Die Jacke war nicht richtig zugeknöpft und die Schuhe waren nicht richtig gebunden.“ Und das ist nicht mal die einzige Bitte. Doch wenn wir bei jedem Kind das machen würden, wären wir alle damit beschäftigt die Kinder anzuziehen, anstatt dass sie hier lernen es selbständig zu tun. Und das ist definitiv nicht mein Job. Meine Aufgabe ist es in dem Moment, dem Kind beizubringen sich selbst anzuziehen. Und dass lernt das Kind ja am besten, wenn ich das für ihn oder sie mache. Jedenfalls aus der Sicht der Eltern.

Andere bitten darum, dass wir ihren Kindern schon das Lesen und Rechnen, vielleicht auch schon Englisch oder andere Fremdsprachen beibringen. Allerdings sind die meisten Kinder dadurch überfordert, da sie noch nicht so weit in ihrer Entwicklung sind, dies zu lernen. Wir Erzieher sind dafür ausgebildet, zu erkennen, wie weit das Kind schon entwickelt ist. Und dann können wir entscheiden, ob das Kind dadurch nicht überfordert wird. Allerdings müssen sich die Eltern darum kümmern, dass das Kind solche Fähigkeiten außerhalb des Kindergartens lernt. Denn dafür ist unser Kindergarten nicht ausgestattet und das pädagogische Fachpersonal nicht qualifiziert.

8:30 Uhr: Morgenkreis

Wenn alle Kinder angekommen sind, beginnt jede Gruppe mit dem Morgenkreis. Dort wird der heutige Alltag besprochen, welcher Wochentag ist, welches Wetter wir heute haben, etwaige Besonderheiten, wie z. B. Geburtstage und dann kommen wir zum heutigen Programm. Da bald Ostern ist, werden wir heute ein Osternest basteln. Den Kindern wird erklärt, wofür die Osternester gebraucht werden.

8:35 – 11:45 Uhr: Pädagogische Kernzeit

Während dieser Zeit bastele ich mit den Kindern, die die Osternester machen wollen. Andere spielen mit den restlichen Erzieherinnen Tischspiele, in der Bau- oder Puppenecke, machen Brotzeit oder spielen in der Turnhalle. Und ja, wir spielen. Aber während die Kinder spielen, lernen sie, z. B. das Zählen oder Farben. Und während die Kinder spielen, werden alle Entwicklungsfortschritte oder -defizite dokumentiert. Und das jeden Tag, für alle Kinder. Jedes Kind hat sein eigenes Bildungsbuch, indem die eigene Bildungsgeschichte dokumentiert wird. Und das hat viel Schreibarbeit zur Folge. Vor allem seit die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf mehr geworden sind, als die Kinder, die weniger benötigen. Früher brauchten zwei Kinder Förderbedarf, mittlerweile sind es zwei Kinder, die keinen Förderbedarf brauchen. Das kommt daher, dass die Kinder am Nachmittag zu wenig Zeit zur Erholung haben. Der Bedarf an pädagogischen Personal ist höher, als der Stellenmarkt für Erzieher/innen hergibt. Wir sind auch Lehrer, Psychologen, Manager, Vorbild, Entwicklungsbeobachter, Seelenklempner, Berater und in manchen Fällen auch Ersatzfamilie. Soviel dazu, dass unser Beruf so einfach ist, dass ihn jeder machen kann.

Um 11 Uhr versammeln wir alle Kinder wieder in der Gruppe und machen einen Stuhlkreis, indem wir mit den Kindern ein Fingerspiel zum Thema Osterhase machen.

11:45 – 12:00 Uhr: Abholzeit für Halbtagskinder

Nun werden die ersten Kinder abgeholt. Für die Kinder geht es dann meistens mit einem toughen Programm weiter. Anstatt wie früher ein Hobby, haben sie jetzt sieben. Durch die vielen Nachmittagsaktivitäten sind die Kinder auch wieder überfordert. Wir haben dann das Nachsehen, da wir den Kindern die fehlende Zeit der Entspannung spüren. Ich merke schon, ich wiederhole mich.

11:45 – 12:30 Uhr: Mittagessen für die Ganztagskinder

In dieser Zeit gibt es Mittagessen für die Kinder, die später abgeholt werden. Nach dem Essen werden die Zähne geputzt. Während 12:00 Uhr und 13:00 Uhr ist der Kindergarten geschlossen, da es gewünscht ist, dass das Essen in Ruhe und ohne Zeitdruck eingenommen werden kann und die Zähne geputzt werden können. 3 – 4-jährige machen von um 12:45 – 13:45 Uhr Mittagsschlaf. Und natürlich schlafen wir mit den Kindern. Wir sollen ja währenddessen nicht auf die Kinder aufpassen oder ähnliches.

Ab 13 Uhr: Abholzeit der Ganztagskinder

Ab 13 Uhr werden alle Kinder nach und nach abgeholt. Bis alle Kinder abgeholt wurden, ist Freispielzeit. Während dieser Zeit spielen die Kinder wieder im Garten oder in der Bau- oder Puppenecke.

Endlich Feierabend:

Um 16 Uhr ist dann Feierabend für uns alle. Dann hat der Kindergarten offiziell geschlossen. Wir gehen allerdings erst, wenn alle Kinder abgeholt wurden. Das heißt, kommt ein Elternteil zu spät, heißt es warten, bis ein Elternteil kommt und das Kind abgeholt wird.

Aber nach diesem Arbeitstag habe ich mir eine Tasse Kaffee verdient!

 

Annica Schulz

Categories: Allgemein, Beruf

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