Organtransplantationen sind seit über 50 Jahren eine der wichtigsten Maßnahmen der Medizin. Ob Leber, Lunge, Knochenmark, Niere oder Herz; Ärzte sind heutzutage im Stande beinahe alles am menschlichen Körper zu ersetzten. Kaum vorstellbar, dass diese oft lebensrettenden Maßnahmen erst seit wenigen Jahrzehnten legal und erst seit 1997 in Deutschland gesetzlich geregelt sind. Viele Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Transplantation auseinandergesetzt haben und Teil der großen Durchbrüche und Erfolge in diesem Gebiet waren, mussten für ihre Arbeit viel Kritik der Öffentlichkeit und so mancher Moralapostel und selbsternannten Weltverbesserern einstecken – bevor ihre Methoden erfolgreich waren und als sinnvoll und lebensrettend anerkannt wurden.

Der Italiener Dr. Sergio Canavero ist Chirurg und forscht seit Jahren an dem Thema Kopftransplantation. Er ist der Meinung, dass es möglich ist den Kopf des Patienten auf den Körper eines Spenders zu transplantieren. Er ist der Meinung, dass es möglich ist Menschen, die querschnittsgelähmt sind oder an Muskeldystrophie leiden, einen funktionsfähigen Körper zu schenken – Menschen wie Valery Spiridonov.

Valery Spiridonov leidet an einer unheilbare Muskelschwund-Krankheit, die ihn sein Leben lang an den Rollstuhl fesselt – es sei denn, die Kopftransplantation ist erfolgreich.

Valery Spiridonov ist 30 Jahre alt. Er
lebt in Russland und arbeitet als Informatiker. Allerdings ist dieser Mann schwer krank, denn er leidet an einer unheilbaren Muskelschwund-Krankheit und sitzt schon sein ganzes Leben lang im Rollstuhl. Kein Knochenmark, keine Medizin, kein Arzt und keine Operation der Welt kann ihn von seinen Leiden befreien und ihm ein Leben als gesunden Menschen gewährleisten. Zumindest bis jetzt nicht. Eine erfolgreiche Kopftransplantation könnte für ihn bedeuten, dass er Chancen auf ein normales Leben hat.

In der für Ende 2017 angesetzten Operation, die bis zu 36 Stunden dauert und circa 150 Ärzte und Krankenschwestern benötigt, werden zuerst beide Körper auf -15 Grad herunter gekühlt, bevor dann beide Köpf e vom jeweiligen Körper getrennt werden. 60 Minuten bleiben den Ärzten, um Spiridonovs Kopf auf den Spenderkörper zu setzten und alle lebenswichtigen Organe, Nerven und Blutbahnen miteinander zu verbinden. Danach folgt eine Hauttransplantation am Hals. Circa sechs Wochen nach der Operation (soweit diese gelungen ist) wird Spiridonov aus einem künstlichen Koma erweckt.

In der Theorie kann jeder dieser Schritte ausgeführt werden und viele werden sogar regelmäßig praktiziert, aber das größte und eigentlich fast unüberwindbare Problem ist die

Wirbelsäule. Nie zuvor war das Verbinden eine Wirbelsäule erfolgreich. Viele Ärzte und Forscher sind der Meinung, wenn die Wirbelsäule einmal durchtrennt ist, ist es unmöglich diese wieder funktionsfähig zu machen.

Skizze eines Experten über die Durchführung einer Kopftransplantation

Auch ein chinesischer Arzt namens Ren Xiaoping ist in diese Sache involviert und er hat viele Kopftransplantationen an Mäusen und Affen durchgeführt, die ausnahmslos gescheitert sind. Demnach schätzen viele Experten die Chancen eines Erfolges einer solchen Operation am Menschen als sehr gering ein, auch wenn Dr. Canavero sehr von einem Erfolg überzeugt ist.

Mal abgesehen von den vielen medizinischen Problemen und dem sehr wahrscheinlichen Misserfolg einer solchen Transplantation, diskutieren viele Leute im Internet über deren moralische Aspekte. Ist es ethisch vertretbar einem Menschen einen neuen Körper zu geben? Ist es religiös gesehen nicht gegen das Gesetzt der Natur, gegen das Gesetz Gottes?

Schon Nieren-, Herz- oder Hauttransplantationen können oft zu schweren psychischen Folgen führen. Wie würde es sich auf den Patienten auswirken, wenn er mit einem komplett neuen Körper leben müsste? Haben wir überhaupt das Recht über einen schwerkranken Menschen zu urteilen, wenn er den Wunsch nach einem uns selbstverständlichem Leben hegt?

Macht es einen Menschen nicht unsterblich, wenn eine Kopftransplantation erfolgreich wäre? Könnte man Stephan Hawkings geniales Gehirn für immer weiter leben lassen? Viele Meinungen sprechen sich gegen das Durchführen einer Kopftransplantation aus, allein wegen dem abstrusen Gedanken einer Person gegenüberzustehen, deren Körper nicht der Person gehört, dem der Kopf gehört. Und überhaupt: Steht man dann der Person des Kopfes, oder der Person des Körpers gegenüber?

Überschreitet die Medizin bei diesem Versuch nicht eine gewisse Grenze?

Allerdings zeigt die Geschichte, dass die Reaktionen auf andere Organtransplantationen ähnlich waren, bevor diese durchgeführt und erfolgreich waren. Der Gedanke einer Transplantation wurde früher öffentlich an den Pranger gestellt, kritisiert und die Forscher mussten oft im Geheimen und abgeschottet von der Öffentlichkeit arbeiten.

Heutzutage ist jeder dankbar, dass ihm im schlimmsten Fall eine solche Transplantation das Leben retten könnte.

Ist eine Kopftransplantation also etwas anderes, als eine Transplantation, nach der ein anderes Herz das Blut durch deine Adern pumpt, eine fremde Leber in deinem Bauch sitzt, oder eine anonyme Lunge den Sauerstoff durch deine Brust jagt? Jeder bildet sich eine eigene Meinung darüber; manche sind zutiefst abgeneigt von dem Gedanken einer Kopftransplantation, andere sind offen für neue, radikale medizinischen Projekten und wahrscheinlich wird es noch eine Weile dauern, bis wir eine Antwort auf all diese Fragen finden.

Vielleicht sollten wir uns bis dahin merken, dass nicht alles ethisch ist, was getan wird, nur die Geschichte lehrt uns, dass getan werden wird, was getan werden kann.

von Laura Lehmann

Categories: Allgemein

Leave a Reply