Über die Tücken, die das Schreiben eines Romans mit sich bringt

Ein Buch zu schreiben bedeutet viel Arbeit und noch mehr Disziplin. Das hat vermutlich jeder schon einmal feststellen müssen, der sich selbst daran gewagt hat. Jeder hat seine eigenen Methoden und geht dabei anders vor. Drei Autorinnen haben Rede und Antwort gestanden und einige Fragen zu ihrem persönlichen Schreibprozess beantwortet.


Jeder, der schon einmal (erfolgreich oder eben auch nicht erfolgreich) versucht hat, einen ganzen Roman zu schreiben, weiß, wieviel Motivation dazu gehört, den Roman tatsächlich von der ersten Idee bis zum fertigen Buch zuende zu schreiben. Ideen hat man unter Umständen viele, aber wie geht man dann am besten vor? Schreibt man einfach drauf los? Oder ist ein systematisches Herangehen sinnvoller? Drei englische und amerikanische Autorinnen haben sich den Fragen gestellt und ihre Vorgehensweise beim Schreiben verraten.
Anna Day ist Autorin des Jugendbuches ›Fandom‹, das im November letzten Jahres bei Carlsen unter dem Titel ›Fanatic‹ erschienen ist. Shanna Hughes ist Autorin, die aktuell mit ihrem Debütroman ›Under The Dark Clouds‹ von ihrer Agentin Kelly Peterson vertreten wird. Und Rachael Allens Jugendbuch ›A Taxonomy of Love‹ ist dieses Jahr im Januar auf Englisch erschienen.

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1. Welche Vorbereitungen triffst du, bevor du mit dem Schreiben eines neuen Romans beginnst? Planst du Charaktere und die Welt, bevor du startest, und wie genau plottest du deine Geschichte? Oder schreibst du einfach drauf los und schaust, wohin dich deine Charaktere führen?

Anna Day: Ich neige dazu, sehr sorgfältig zu planen. Ich glaube, das tue ich, weil ich ziemlich komplexe Plots schreibe, und es wäre wohl nicht möglich, einfach drauf loszuschreiben und zu schauen, wohin mich die Charaktere führen, denn viele Handlungsstränge müssen am Ende zusammenführen. Ich starte mit einem Plan für den Plot und dann baue ich daraus Szenen. Der Plot verändert sich oft während des Schreibens, aber so habe ich zumindest einen Leitfaden!

Shanna Hughes: Eine neue Geschichte kann mit allem anfangen – einer Zeile, einem Bild, einem Charakter; es ist für jedes Buch, das ich schreibe, unterschiedlich. Abhängig vom Genre, das ich schreibe, habe ich eine Idee für die Welt, allerdings ist ein Contemporary Roman einfacher, da die Geschichte in der Welt stattfindet, die wir kennen. Wenn ich eine Fantasy Geschichte in einer anderen Welt schreibe, habe ich einige Ideen, wie die Welt aussieht, aber viele der Details kommen erst, während ich meinen ersten Entwurf schreibe. Ich kenne immer mein Ende; ich kann nicht schreiben, ohne dass ich weiß, wie es endet. Dies hilft mir, die Entwicklung der Charaktere zu bestimmen sowie den Anfang der Geschichte.

Rachael Allen: Ich recherchiere im Normalfall eine Menge, bevor ich starte. Für ›A Taxonomy of Love‹ bedeutete das, viele Dokumentationen über Kinder mit Tourette Syndrom zu schauen, Artikel und Blogbeiträge und wissenschaftliche Forschungsarbeiten zu lesen und Tourette Aktivisten zu kontaktieren. Ich habe außerdem meinem Ehemann ungefähr eine Million Fragen gestellt, wie es war, ein High School Wrestler zu sein.
Ich habe viel darüber nachgedacht, wie Spencer und Hope und ihre Freunde und Familie sein würden. All dies geschieht in meinem Kopf und dann schreibe ich die erste Szene und alles ist anders. Normalerweise höre ich Musik, die sich für die bestimmte Geschichte oder Szene richtig anfühlt. Was das Plotten angeht, habe ich normalerweise eine Idee davon, was am Ende passieren wird, aber ich muss meinen Weg dahin erst schreiben. Gefühlt hat das jemand anderes schonmal gesagt, aber es ist so, als ob man einen Weg mit einer Taschenlampe entlang läuft. Ich skizziere sehr detailreich ein paar Kapitel im Voraus, damit ich weiß, was passieren wird, aber ich kenne nicht von vornherein alle Details der Geschichte. Außerdem wende ich eine Kombination aus den Methoden 7 Point Plot System und Save the Cat Beat Sheet an, beide sind sehr empfehlenswert! (Plotten ist schwer für mich. Da brauche ich jede Hilfe, die ich bekommen kann.)

2. Schreibst du deine Romane chronologisch, also Kapitel nach Kapitel? Oder startest du zum Beispiel mit dem Ende oder bestimmten Szenen, die du im Kopf hast?

Anna Day: Normalerweise schreibe ich chronologisch, aber ich habe eine Grundregel: Ich höre niemals auf zu schreiben. Wenn ich also keine Lust habe, eine Szene zu schreiben oder wenn ich in einer Szene feststecke, dann mache ich weiter und schreibe eine andere Szene außer der Reihe. Oder wenn ich ein wirklich starkes Bild oder eine Inspiration für eine Szene habe, kann es passieren, dass ich dies lieber direkt aufschreiben möchte, anstatt darauf zu warten, bis es chronologisch in der Geschichte vorkommt. Bei dem Buch, das ich gerade schreibe, war ich so entmutigt, dass ich den mittleren Part zum Großteil übersprungen und das Ende zuerst geschrieben habe. Das wiederum hat mich aufgemuntert, denn das Ende war gut, und das gab mir das Selbstvertrauen und die Motivation wieder zurückzuspringen und die mittleren Parts, mit denen ich mich so schwer getan habe, zu schreiben.

Shanna Hughes: Alle meine Geschichten sind chronologisch geschrieben. Ich kann nicht in der falschen Reihenfolge schreiben, da ich mir genau überlege, welche Szenen ich schreibe – alle brauchen einen Sinn und müssen die Geschichte voranbringen; wenn das nicht der Fall ist, dann gehören die Szenen nicht in mein Buch. Wenn ich zeitlich springen würde, hätte ich das Gefühl, dass ich bestimmte ›emotionale Dominos‹ für meine Charaktere übersehen würde, je nachdem, was passiert ist.

Rachael Allen: Ich schreibe eigentlich immer chronologisch. Sogar bei einer Geschichte wie ›17 First Kisses‹, mein erstes Buch, das zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her springt, musste ich zuerst alle Kapitel in der Vergangenheit schreiben, bevor ich die Kapitel in der Gegenwart schreiben konnte. Und ich habe alle Kapitel des jüngeren Spencers vor den späteren geschrieben. Ich habe das Gefühl, dass ich zuerst die gesamte Geschichte eines Charakters kennen muss, bevor ich weiß, was sie in der Gegenwart tun werden.

3. Wie lange brauchst du in etwa, bis du den ersten Entwurf deines neuen Romans fertig geschrieben hast? Was ist dein Ziel für den ersten Entwurf und wie viel verändert sich meist noch bis zur finalen Fassung?

Anna Day: Ich schreibe nur jedes zweite Wochenende wegen der Kinderbetreuung. Daher sieht es so aus, als ob es ewig dauern würde, bis ich einen ersten Entwurf geschrieben habe. Wenn man aber die Tage zählt, an denen ich überhaupt geschrieben habe, sind es gar nicht mal so viele. Vermutlich so 30 Tage, auch wenn diese auf viele Monate verteilt sind. Ich beabsichtige in meinem ersten Entwurf, ›die Form‹ meines Romans zu bekommen. Eine schlüssige Geschichte, die Sinn macht, aber die vermutlich ziemlich schlecht geschrieben ist und jede Menge Handlungslücken enthält. Der letzte Roman, den ich geschrieben habe, hat sich stark vom ersten Entwurf bis zu den finalen Änderungen verändert. Große Teile habe ich nochmal neu geschrieben, verschiedene Charaktere haben gelebt und sind gestorben – zum Schluss war es ein komplett anderes Buch. Ich glaube, ich habe die ersten und die letzten Kapitel bestimmt hundert Mal neu geschrieben. Es war meine Lektorin, die mir sagen musste »Das ist genug, es ist fertig«.

Shanna Hughes: Das ist von Buch zu Buch unterschiedlich. Die kürzeste Zeit, die ich für einen ersten Entwurf gebraucht habe, waren acht Wochen und an der Geschichte, die ich gerade schreibe, arbeite ich seit 2,5 Jahren. Ich bin sehr pingelig, was meine ersten Entwürfe angeht – während ich nicht auf Rechtschreibung oder Grammatik achte, möchte ich, dass meine Geschichte funktioniert, und ich kann sehr lange an Szenen herumbasteln, wenn sie sich nicht richtig anfühlen. Auf der anderen Seite sind meine ersten Entwürfe dadurch relativ sauber. Trotzdem lösche ich dann noch Szenen und füge andere hinzu, wenn ich die Geschichte überarbeite, aber das Grundgerüst der Geschichte ist immer bereits in meinem ersten Entwurf enthalten. So muss ich nie die ganze Geschichte reparieren, wenn ich sie überarbeite.

Rachael Allen: Ich glaube, im Normalfall brauche ich etwa acht Monate um einen ersten Entwurf eines Buchs zu schreiben. ›A Taxonomy of Love‹ hat allerdings Jahre gedauert. Mit dem Buch hatte ich definitiv die größten Schwierigkeiten (vielleicht auch weil ich gerade ein Baby bekommen hatte und Schlafmangel echt kein Witz ist?) und ich hatte echt Glück, dass ich mit meiner Lektorin Susan Hawk arbeiten konnte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich es ohne sie bis zum Ende geschafft hätte. (Randnotiz: Ich schicke die Worte ›The End‹ am Ende eines fertigen Manuskripts nicht an meine Agentin oder meine Lektorin, aber ich schreibe die Worte trotzdem und lösche sie dann wieder, weil es sich einfach zu gut anfühlt.)
Ich denke, einer der Gründe warum ich so lange brauche, um Bücher zu schreiben, ist, weil ich hohe Erwartungen (vermutlich zu hohe) an einen ersten Entwurf habe – und weil ich einen merkwürdigen Prozess habe. Ich schreibe, schreibe, schreibe – und dann stecke ich fest. Daher gehe ich dann zurück zum Anfang und überarbeite alles, bis ich wieder an dem Punkt bin, an dem ich nicht weiterkam. Normalerweise weiß ich dann, was meine Charaktere eigentlich tun sollten. Allerdings tue ich dies OFT, sodass ich am Ende, wenn ich einen ersten Entwurf beende, einen super polierten Anfang habe, einen Mittelteil, der okay ist, und ein Ende, das komplett durcheinander ist.

4. Schreibst du am liebsten am Laptop oder handschriftlich? Und gibt es einen Ort, an dem du am liebsten schreibst?

Anna Day: Laptop! Ich schreibe fast nie von Hand; es kann sein, dass ich mir Notizen auf Papier mache oder Karten zeichne oder eine Zeitachse entwickle (diese enden dann meistens an meiner Wand!), aber das richtige Schreiben passiert immer am Laptop. Ich schreibe meist zu Hause an meinem Schreibtisch oder auf meinem Sofa. Ich kann alle langweiligen Jobs zeitgleich machen: die Kinder waschen und die Hausarbeit machen, Rechnungen bezahlen usw… Das Leben hört leider nicht auf für‘s Schreiben!

Shanna Hughes: Meistens schreibe ich zu Hause, wo ich eine ergonomische Tastatur habe, um meine armen Arme zu schonen. Ich bin zu ungeduldig, um ganze Geschichten in einem Notizbuch zu schreiben – aber ich habe immer eines bei mir, denn Plotten tue ich meist handschriftlich, und Notizbücher sind sehr praktisch in unerwarteten Momenten der Inspiration. Auch wenn ich meist alleine schreibe, mag ich es dennoch, mich mit anderen Autoren hin und wieder zu treffen. Schreiben ist sehr einsam und es ist immer gut jemanden zu haben, der einen anspornt. Autoren können wirklich sehr gut prokrastinieren!

Rachael Allen: Meist schreibe ich am Laptop, aber ich mag es auch zu einem Notizbuch zu wechseln, wenn ich feststecke. Der beste Ort zum Schreiben ist mit Freunden, egal ob zusammen zurückgezogen oder während Wortkriegen im Internet. Ich mag es außerdem, im Flugzeug zu schreiben, weil man da vom Internet abgeschnitten ist, und weil es dort die richtige Menge an Hintergrundgeräuschen gibt. Oh! Und dieser Dessert-Laden in der Nähe meines Zuhauses, der den fantastischen Bubble Tee macht. Also, ich schätze, ich habe viele Lieblingsorte :).

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Klar wird: Ein Geheimrezept gibt es nicht. Auch wenn die Antworten der drei Autorinnen lediglich einen winzigen Einblick in unterschiedliche Schreibprozesse verschiedener Autoren/innen gibt, so wird dennoch deutlich, dass jede/r seinen eigenen Weg geht. Für manche ist der erste Entwurf eines neuen Romans lediglich das Grundgerüst, für andere muss dieser bereits alle wichtigen Handlungen und Charakterentwicklungen enthalten. Die einen überspringen Szenen, wenn sie feststecken, und schreiben das Ende vor dem Mittelteil, andere gehen dann zunächst einmal wieder zurück zum Anfang, bevor es chronologisch weitergehen kann.
Schreiben ist ein Handwerk, bei dem es kein Richtig oder Falsch gibt. Es gibt viele Methoden, um ein Buch zu schreiben und man kann Vieles erlernen. Susan Dennard, Autorin von ›Das Zeichen der Wahrheit‹, hat auf ihrer Homepage zahlreiche Tipps und Tricks zusammengestellt und für angehende oder bereits veröffentlichte Autoren publiziert. Egal ob Anfänger oder Profi, es lohnt sich dort vorbeizuschauen.

Massive thanks to Rachael Allen, Anna Day and Shanna Hughes for answering these questions!

Kim Lüneburg

Categories: Allgemein, Literatur

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