Im Gespräch mit dem Zeitzeugen Max Mannheimer

Ein kleines Häuschen am Standrand von München. Dem Betrachter fällt es nicht wirklich auf. Vor der Haustüre ein paar bunte Blumen, die das schöne Sommerwetter an diesem Julitag unterstreichen. Die Gardinen in der Küche sind ordentlich zugezogen, man erkennt von außen nicht viel. Doch in diesem schmucken Heim wohnt ein Mann, der die deutsche Geschichte hautnah miterleben musste.

Eine ältere Dame öffnet die Haustüre. Es dauert kurz bis jemand die Klinke von innen drückt. Eine freundliche Begrüßung folgt und schon im nächsten Moment steht er vor Einem: Max Mannheimer. Der 92-jährige hat uns heute zu sich nach Hause eingeladen. Wir wollen reden.

„Der erste Eindruck waren die über 3.900 verlauste Häftlinge, die ich sah! Ich dachte mir aber auch: hier kann man überleben. Das Lager war im Gegensatz zu Ausschwitz kein Vernichtungslager. Man befahl uns gleich nach der Ankunft uns am Appelplatz niederzulassen. Wir waren alle erschöpft nach diesen langen Transporten!Interview mit Max Mannheimer_Bild
Max Mannheimer sitzt in seinem schwarzen Sessel im Wohnzimmer. Seine Hände hat er über den Knien gefaltet und benutzt sie nur sehr zurückhaltend, unterstreicht damit aber seine ersten Schilderungen. Der 23-jährige Jude Max Mannheimer wird am 01. Februar 1943 in das Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau transportiert. Seine Eltern und seine Schwester Käthe werden bei der „Selektion“ als arbeitsunfähig aussortiert und noch am selben Tag vergast. Seine andere Schwester und sein Bruder Erich werden wenig später ebenfalls von den Nationalsozialisten ermordet. Nur sein Bruder Edgar und Max selbst überleben Ausschwitz-Birkenau und werden nach einiger Zeit im KZ Warschau, schließlich in das Arbeitslager in Dachau transportiert. Sie sind die einzigen Überlebenden der Familie Mannheimer.

„In der Früh mussten alle zeitig aufstehen, es folgte der Morgenappell auf dem Appellplatz. Die Leichen der Gefangenen, die in der Nacht gestorben sind, mussten auch mit aus unseren Baracken zum Morgenappell gebracht werden. Hier wurden wir dann gezählt. Nach einer Stunde etwa hieß es: „Arbeitskommando formieren!“ Ein paar Häftlinge mussten dann Marschmusik spielen und so marschierten wir Richtung Tor und warteten auf den Befehl: „Mützen ab! Augen rechts!“

Als Gefangener im Konzentrationslager in Dachau verrichtete Max Mannheimer körperlich sehr anstrengende Arbeit, die ihm von den SS-Aufsehern zugeteilt wurden. An das „Kommando Kanalisationsbau“ erinnert sich Max Mannheimer noch ganz genau.

„Bevor wir begonnen hatten zu arbeiten bekam ich ein Gespräch zwischen einem kriminellen Häftling (neben Juden wurden auch „normale“ Strafgefangene ins Arbeitslager gebracht) und meinem Nachbarn aus Polen mit. Er fragte ihn, warum er so schlecht marschieren konnte. Mein Nachbar begründete es mit Magengeschwüren und Krämpfen. Der kriminelle Häftling bot ihm an, nachher zum Geräteschuppen zu kommen, er hätte dort ein heilendes Mittel. Eine Stunde später war jeder mit der Arbeit beschäftigt, als ich Schreie aus dem Geräteschuppen hörte. Der Schaufelstil des kriminellen Häftlings war sein heilendes Mittel. Er hat meinen Nachbarn einfach erschlagen.“

Die Sonne scheint in das Wohnzimmer. Es ist heiß draußen, dennoch läuft es mir kalt den Rücken herunter bei diesen Erzählungen.

„Ich hatte immer nur Angst. Wir Häftlinge hatten nur einen Löffel und eine Schüssel. Es ist sehr schwer sich gegen Maschinengewehre oder Pistolen zu wehren. Es gab ja Aufstände im Lager, aber ich machte dort nicht mit. Ich hatte immer nur Angst!“

Er gibt oft Interviews. Max Mannheimer ist geübt darin, seine Erlebnisse zu erzählen. Häufig wird er von Schulen eingeladen und spricht vor vielen jungen Zuschauern, die ihm gespannt zuhören.
„Eine schwache Demokratie ist besser als eine starke Diktatur“, das wohl bekannteste Zitat meines Gesprächpartners. Ich denke kurz über die Bedeutung seines Zitates nach, konzentriere mich aber wieder sofort auf sein Schlusswort.

„Eine Kollegin von dir, vom Fernsehen, hat zu mir gesagt: Herr Mannheimer, sagen Sie zwei Begriffe, die Ihnen ganz wichtig sind. Ich habe ihr geantwortet: Freiheit und Humanität. Das sind die Ziele, die wir anstreben müssen!“
Das komplette Interview mit Max Mannheimer ist Teil der Videodokumentation
„Wenn die Christbäume fallen“. Die Reportage findet ihr unter: www.wir-sind-gegen-rechts.de

Lukas Schenk

Categories: Allgemein

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