Die Nacht brach herein und das fahle Licht des Mondes drang durch das kleine Mauerloch in mein Verließ. Wochenlang bekam ich nur Wasser und Brot. 3 Torturen stand ich durch.
Voller Qualen und Schmerzen lag ich am Boden und flehte um Gnade. Betete zu meinem Gott. Doch niemand half mir.
Wofür dieses Leid und diese unerträglichen Qualen?
Nie hatte ich irgendeinem Menschen etwas Böses wollen, nie habe ich jemanden betrogen oder gar einen Schaden zugefügt.
Ich lebte mein Leben. So trostlos und arm es auch war, lernte ich es zu schätzen, wenige Dinge zu besitzen und dennoch damit zufrieden zu sein.
Nun sitze ich hier einsam und verlassen, verleumdet als Hexe, eine Schande für die Menschheit, das Böse, ein Teufelswerk.
Ich weiß, sie werden mich bald holen, mich auf den Scheiterhaufen verbrennen und es noch mit vielen weiteren Frauen tun…

 Fel Dipoltin Andreas Brückners Kerners Weib ist 16. Wochen gefangen gelegen Kerners Weib verbrandt 3 Tortur ausgestanden und geleugnet, ob das worden. 4. mahl die Wahrheit bekannt

Annales Curiae Coburgensis, 16. Jh; Stadtarchiv Coburg; Transkription: Den 13. Marty Sambstag wurde mit feuer verbrandt, Fel Dipoltin Andreas Brückners Kerners Weib ist 16. Wochen gefangen gelegen 3 Tortur ausgestanden und geleugnet, ob das 4. mahl die Wahrheit bekannt

13. März 1612. Felicitas Brückner, geborene Dipolt, Ehefrau des Andreas Brückner, vom Beruf Kerner, war 16 Wochen gefangen gelegen, stand 3 Torturen aus und leugnete den Bund mit dem Teufel. Erst beim 4. Mal hatte sie die „Wahrheit“ bekannt und wurde mit Feuer verbrannt.
Die „Wahrheit“ bekannt, nach unerträglichen Schmerzen, halb tot, gab sie sich ihrem Urteil hin, weil sie nun wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte zu widersprechen.

Ein Heer der Totengeister, nachtfahrende Gestalten, die Vorstellungen von Zauberern sowie den Glauben an volksmagische Praktiken gab es zu allen Zeiten und in fast allen Kulturen – vielerorts gibt es sie noch heute.
Magie und Zauberei, so glaubte man, gab es schon in der Antike. Die Menschen versuchten sich mit Wahrsagen, Erntesegen und Heilzauber den Alltag zu erleichtern. Von Wetter- und Krankheitszauber fühlten sie sich jedoch bedroht.
Der Glaube an die Existenz von Hexen und ihre Verfolgungen begann bereits am Ende des Mittelalters und entfaltete sich in der Frühen Neuzeit. Dieser Glaube war wohl ebenso real wie der Glaube an Gott und den Teufel.

Hexenjagt im Raum Rodach und die Hexenprozessordung von Herzog Johann Casimir; Verlag: Rodacher Rückert-Kreis, 1995

Im 17. Jahrhundert erlebte die Hexenverfolgung in Europa ihre Hochzeit.
Menschen hatten große Angst vor Hexen, also mussten sie mit den grausamsten Foltermethoden beseitigt werden.
In vielen Archiven gibt es noch Folterprotokolle, Geständnisse, Urteile, Testamente, Gnadenzettel, Briefe, aber auch Anklageschriften.
Diese Anklageschriften und Urteile liefen immer nach dem gleichen Schema ab: Oben steht der Name des Beschuldigten, links davon das Datum und darunter wird die Anklage und die Bestrafung beschrieben, zum Beispiel Berta T., zwei Stunden auf den Bock gesetzt, hat nichts gefruchtet. Zwölfmal aufgezogen, fleht Christus den Herren an, sie nicht zu verlassen, immer noch nicht geständig. Wird immer schwächer und schwächer, stirbt schließlich im Kerker.

Anzeigen, sogenannte Besagungen, kommen meist aus der Bevölkerung, aus Angst vor dem Bösen, dem Aberglauben, aber auch aus Missgunst und Neid.
Aus der Literatur weiß man, dass Kräuterkundige, rothaarige Frauen, Heilerinnen und Hebammen häufig Opfer des Hexenwahns wurden.

Hexenverfolgungen findet man hauptsächlich zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, in den USA gab es noch im 19. Jahrhundert Hexenverbrennungen.
Laut Wikipedia soll es 40.000 bis 60.000 Opfer gegeben haben. Fast die Hälfte der vermeintlichen Hexen wurden im Gebiet des heutigen Deutschland verbrannt.
Die Inquisition verfolgte vor allem Ketzer, also abtrünnige Christen, um sie zum rechten Glauben zurückzuführen.
Als Ketzer galt, wer die Existenz von Hexen leugnete. Die Verfahren wegen Hexerei wurden kaum verhandelt.
Der althergebrachte Zauberglaube wird wieder belebt und man behauptet, dass Hexentaten mit Hilfe des Teufels tatsächlich ausgeführt werden können.
Magische Praktiken werden beschrieben, wie der Pakt mit dem Teufel, Schadenszauber, wie das Wettermachen und den Flug der Hexen durch die Luft. Später rückte der Glaube an Wettermacher und an Schadenszauber in die Nähe von Gotteslästerung, weil man damit die Allmacht Gottes anzweifelte.

Hexen und Ketzer wurden zu Sündenböcken in der Gesellschaft.
Es gab Übergriffe an Hexen in der Schweiz, dann auch in Deutschland und anderenorts. Die Katholische Kirche sieht Handlungsbedarf und schickt Inquisitoren, die gezielt Hexenverfolgungen durchführen sollten.
Alle Verdächtigen wurden zunächst in ein Gefängnis gebracht.
Unschuldig wurden sie eingesperrt. Unschuldig wurden sie gemartert. Unschuldig mussten sie sterben.
Schon damals gab es Regeln und Strafgesetzbücher, die die Prozedur, die Führung und die Anwendung der Folter aufs Genaueste festschrieben.
Im gesamten Reich galt ein verbindliches Recht, an das sich jedoch einige Regionen nicht hielten.
Die Hexenverfolger erklärten den Umgang mit dem Teufel zum Ausnahmeverbrechen und damit war fast alles erlaubt. Deshalb wird mehr als nur dreimal gefoltert und noch dazu mit besonderer Härte.

Hexenjagt im Raum Rodach und die Hexenprozessordung von Herzog Johann Casimir; Verlag: Rodacher Rückert-Kreis, 1995

Ein Folterwerkzeug waren die Daumenschrauben, wobei die Daumen gebrochen wurden.
Danach wurden die Hände auf den Rücken gebunden und an ihnen in die Höhe gezogen, an die Füße Lasten gehängt, sie mit Wasser beschüttet und lies diese bei niedrigen Temperaturen anfrieren. Auf und ab immer und immer wieder.
Zunächst die Beinschrauben, zwischen Wade und Schienbein geklemmt, die Beine frei in der Schwebe hängend, zusammengequetscht und dabei der Schmerz mittels Öfteren Lüftens und wieder zusammenschrauben gesteigert.
Hat man den Bund mit dem Teufel immer noch nicht bekannt, so hat man den Angeklagten nach den üblichen 3 mal Foltern, wie laut Gesetz festgelegt nicht gehen lassen, sondern hat ihn mit dem Grund ein Ausnahmeverbrechen begangen zu haben, weiter gefoltert.

Hexenjagt im Raum Rodach und die Hexenprozessordung von Herzog Johann Casimir; Verlag: Rodacher Rückert-Kreis, 1995

Eine beliebte Foltermetode war auch der Bock. Der entkleidete Inquisit wurde auf einem spitzen, hölzernen Bock, sitzend an Händen und Füßen geknebelt. Auf den gekrümmten Rücken bekam er mit einer ledernen, mit spitzen Knotenversehenen Peitsche so viele Hiebe bis er bekannte.
Viele wurden qualvoll auf der Streckbank gefoltert, bis alle Knochen ausgerenkt und alle Sehnen gerissen waren.
Ein weiteres bekanntes Folterwerk war die Eiserne Jungfrau. Sie gehörte zu den brutalsten Foltermethoden die je erfunden wurden. Man wurde in einem engen, dunklen Menschenähnlichen Körper eingesperrt, aufgespießt, zerstochen und starb einen langsamen Tod.

Auch das Auspeitschen mit einer Peitsche, die mit spitzen Knoten versehen war, war usus. Wenn die „Hexe“ auch noch auf der Streckbank oder mit der Eisernen
Jungfrau gefoltert wurde, hat sie alles gestanden, wie das Treffen mit dem Teufel und die Teilnahme am Hexensabbat. In dieser Situation hat die Angeklagte jeden Namen an die Inquisitoren verraten.
Es ist nicht verwunderlich, dass dieses Thema auch in der Literatur verarbeitet wurde, da ja Literatur die Widerspiegelung der Objektiven Realität mit künstlerischen Mitteln bedeutet.
Wir finden die Androhung des Feuertods in Volksmärchen, wie z.B. in dem Märchen „Die sieben Raben“. Über Foltermethoden der Inquisition kann man in Diderots Roman „Die Nonne“ lesen. Doch eines der aussagekräftigsten Werke über die Hexenverfolgung selbst ist Arthur Millers Drama „Die Hexen von Salem“. Von ihm stammt auch die Mahnung, dass ein Volk sich Sündenböcke sucht, wenn die Gesellschaft nicht funktioniert.
Dieses Wissen sollte Mahnung in unserer heutigen Zeit sein, wenn wir beobachten, wie schnell Menschen wieder Sündenböcke suchen, um ihre Wut und ihren Hass auszudrücken.
Es ist nichts einfacher, als Nationalismus und Hass Andersdenkenden gegenüber zu schüren.

Laura Hamberger

Categories: Allgemein

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