Das Phänomen „Mingle“ zieht seit geraumer Zeit seine Kreise durch die heutige Jugend. „Mingle“, ein Neologismus aus den englischen Worten „mixed“ und „single“ beschreibt die Lebens- und Liebessituation vieler junger Menschen. Rund 16 Millionen Single-Haushalte gibt es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland. Ein ungeklärter Beziehungsstatus, nichts Halbes, nichts Ganzes, oder doch irgendwie etwas Halbes?

 
Wahrscheinlich hat sich schon ziemlich jeder eimal in seinem Leben in einer solchen Situation wiedergefunden. Man lernt sich kennen, findet sich sympathisch, es knistert. Der Zauber des Anfangs, es fängt irgendwie an zu kribbeln, bis dann der erste Kuss erfolgt. Dieser Moment, der zwar das Interesse des Gegenübers bestätigt jedoch längst nicht mehr der Moment, der eine feste Bindung besiegelt. „Mal sehen, wie es weitergeht.“, lautet die Devise: „Mal sehen, ob sich etwas entwickelt.“

 

Pixelio Bild

Zunächst lässt man sich auf die Situation ein, man genießt den Moment, man verschwendet keinen Gedanken daran, wie es weitergeht. Zunächst. So schnell, wie sich dann „etwas entwickelt“, kann man teilweise gar nicht kucken. Man trifft sich, wieder und wieder. Zum Essen, zum Ausgehen, zum Sport. Oder eben einfach so, weil man sich sehen möchte. So schnell kann es gehen, von schüchternen Blicken und zaghaften Berührungen, zu stundenlangen Unterhaltungen, Unternehmungen, zusammen lachen und Geheimnisse austauschen. Bis man zusammen nach Hause geht, auf dem Sofa gemeinsam Abendserien im Schlafanzug anschaut, zusammen isst, lacht, zusammen schlafen geht und wieder zusammen aufwacht. Man ist jetzt – zusammen? In einer Beziehung? Oder wo steht manjetzt? So gerne man dieses unangenehme Gespräch über das Definieren seiner Beziehung vor sich her schieben möchte – irgendwann kommt man nicht mehr drum rum. Dann, die Frage aller Fragen: „Sind wir jetzt zusammen?“

 

MDc1ODBDRTctNTJDOC00OTM3LUIzMzgtRTc5MTNFNEIwNDU3QGZyaXR6LmJveA;jsessionid=8C19DB9ABB419CA2304B13C3B8029391-n1Warum?
Der schmerzliche Moment ist gekommen. Nach wochen- eventuell schon monatelanger quasi Beziehung steht man vor dem Aus. „Ich kann gerade keine Beziehung führen.“, „Ich möchte mich im Moment nicht binden“. Was zunächst wie ein schlechter Scherz klingt, ist leider bitterer Ernst. Die Welt bleibt für einen Moment stehen. Die folgenden Wochen sind geplagt von einer Frage: „Warum?“.

 
So sehr man sich auch den Kopf darüber zerbrechen mag, den genauen Grund wird man wahrscheinlich sowieso nie erfahren. Lag es an einem selbst, sind nicht genügend Gefühle entstanden, oder hat man sich einfach nur ein besonders bindungsgestörtes Exemplar ausgesucht. Aber worin liegt der Grundstein dieser „Ich möchte lieber frei sein Mentalität“? Vor 30 Jahren, als unsere Eltern so alt waren wie wir, war das doch auch noch nicht so,
oder?

 
Alles dreht sich nur noch um sich selbst, man ist nichtmehr nur der Mittelpunkt seines eigenen Lebens, nein bestenfalls dreht sich gleich die ganze Welt um sich selbst. In dieser Konstellation ist kaum ein Platz für eine zweite Person zu finden. Schon von Kindesbeinen an ist die ganze Umwelt nur auf einen Selbst ausgerichtet. Die Tonalität der Erziehung heut zu Tage: „Du bist etwas Besonderes. Mach was aus dir“. Sowieso wird man nur zu dem Besten erzogen, mit allem was weniger als perfekt ist, muss man sich nicht zufrieden geben. Der altherkömmlichen Plan „eine Ehe führen, Kinder kriegen…“ muss längst nicht mehr eingehalten werden. An erster Stelle steht meist der Job oder ein Hobby, man hat „keine Zeit mehr für eine Beziehung“.

 
Unsere Eltern haben uns beigebracht, dass wir alles sein können, was wir wollen. Also wollen wir einfach perfekt sein. Wo wir im Job, auf Reisen oder in sonstigen Lebenslagen zu viel mehr Risiko bereit sind, trauen wir uns nicht uns vollkommen auf eine Person einzulassen. Sie könnte ja die Pläne durcheinander bringen und unser perfektes Leben damit gefährden. Heutzutage besteht das Leben eben nur aus Selbstverwirklichung, man befindet sich im ständigen Prozess der Selbstoptimierung und wenn der Partner da nicht mitziehen kann, muss er eben weg. Es könnte ja immer noch jemand besseren geben, der die eigenen Ansprüche besser erfüllt.Wenn mann sich offiziell zu einer Person bekennt, besteht die Gefahr, bessere Möglichkeiten auszuschließen. Man hat ja sowieso genügend andere Möglichkeiten durch Tinder und Co. Alleinsein muss man nicht mehr, das ist mittlerweile eine eigene Entscheidung.

 
Eine Beziehung gleicht in den meisten Fällen längst nicht mehr dem Sinnbild der vergangenen Generationen von Fürsorge, Geborgenheit und Zweisamkeit. Zunehmend herrscht Kapitalismus auf dem Partnermarkt. Eine Beziehung zu führen ist mehr und mehr zu einer wirtschaftlichen Entscheidung geworden. Man wägt positive und negative Seiten ab und was zu viel Aufwand ist, muss eben abgeschafft werden.

 
Ist es nun zu viel verlangt, wenn man Klarheit erfahren möchten ? Gibt man zu viel von sich Preis, wenn man zu seinen Gefühlen steht? So schön die Selbstverwirklichung im Leben des Mingle auch sein mag, so sehr bietet es auch seine Tücken. Die ständige emotionale Unerreichbarkeit, die Ungebundenheit, die Unverbindlichkeit bringen am Ende des Tages auch nicht das so erhoffte Glück und die Selbstverwirklichung. Irgendwann muss selbst der eingefleischteste Mingle einsehen, dass man den Weg durch dieses Leben nicht alleine bestreiten muss. Dann ist es wichtig, den Mut zum Bekenntnis aufzubringen. Füreinander, gegeneinander oder zumindest dazu, sich nicht bekennen zu wollen.

 

T.Z.

Categories: Allgemein, Lifestyle

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