„Jemand musste Josef K. Verleumdet haben, denn ohne, dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Franz Kafka – Der Prozess

 

Ich war nicht verleumdet worden. Auch verhaftete man mich nicht, denn dazu gab es keinen Anlass. Dennoch fühlte ich mich an jenem Abend ebenso, wie sich Josef K. gefühlt haben musste, als er eines Morgens verhaftet wurde – ohne etwas Böses getan zu haben.

 

Die Angelegenheit ereignete sich im frühen September. Die Abende waren noch recht hell, die Luft trug eine angenehme Wärme und doch färbten sich bereits die ersten Blätter an den Bäumen.

Es war ein lauer Freitagabend, weshalb ich beschloss nach dem Besuch, den ich gemacht hatte, nicht den Bus zur S-Bahn nach Hause zu nehmen, sondern einen kleinen Spaziergang durch den frühherbstlichen Münchner Westen zu machen.

Ich schlenderte also los in Richtung des Bahnhofs, überlegt, was am Wochenende anstand und verlor mich dabei in Gedanken. Ich war nicht mit voller Aufmerksamkeit bei meiner Umgebung, aber das wäre normalerweise auch nicht zwingend notwendig gewesen. Freilich achtete ich darauf, nicht blindlings auf die Straße zu rennen, doch ansonsten war ich ziemlich bei mir selbst. Dies änderte sich allerdings schlagartig, als neben mir mit quietschenden Reifen ein, so schien mir, vollbesetzter Polizeibus hielt aus dem sechs Mann sprangen, zwei davon geradewegs auf mich zu.

Noch bevor ich die Situation einordnen oder zumindest halbwegs überblicken konnte, hatte mich der eine gepackt und an den Bus gepresst. Der andere begann sofort damit, mich abzutasten und meine Taschen auszuleeren. Ein dritter trat hinzu und stellte mir grußlos allerhand Fragen:

 

„Wo kommen wir denn her?“,

„Wohin wollen wir denn?“,

„Haben wir irgendwas dabei, wovon wir wissen sollten? Sags jetzt lieber gleich!“,

„Und wo kommen wir wirklich her?“

 

Ich beantwortete all diese – sowie etliche weitere – Fragen wahrheitsgemäß und unterließ auch jeden Kommentar dahingehend, dass der Beamte mich stets nur mit „wir“ ansprach, anstatt mit „Sie“ oder meinetwegen „Du“. Als wäre ich ein Krimineller und würde zu allem Verdruss auch noch mit ihm unter einer Decke stecken. Die ganze Sache zog sich über beinahe 30 Minuten. In dieser Zeit wurden mir Fragen gestellt, mein Personalausweis wurde kontrolliert, mir wurde gesagt, dass meine „Geschichte“ wo ich herkam und hinwollte doch ziemlich unglaubwürdig klang und ich wurde aufgefordert, meine Taschen auch selbst noch einmal auszuleeren. Anschließend wurden meine Socken abgetastet und nachdem ich meine Schuhe wieder angezogen hatte, befanden die Herrschaften von der Staatsgewalt, dass sie wohl nichts finden würden und beschlossen weiterzufahren.

Völlig perplex von dem gerade Erlebten stand ich noch einige Minuten an der Straße und versuchte meine Gedanken zu Ordnen, bis ein einfacher Streifenwagen neben mir hielt. Aus ihm stiegen wiederum zwei Gesetzeshüter aus, welche gerne meinen Personalausweis gesehen hätten. Noch immer ziemlich geplättet, ob dieser obskuren Situation, zeigte ich den selbigen vor. Diese Kontrolle verlief dann recht schnell. Der Ausweis wurde überprüft und ich ohne weitere Fragen weitergeschickt.

© Timo Klostermeier  PIXELIO

Wenn Polizisten beängstigender sind als Kriminelle

 

Dieses Erlebnis war erschreckend. Dennoch war es keines, das mich völlig fertig gemacht hätte, da ich solche oder ähnliche Situationen davor schon oftmals erlebt hatte. Allerdings stellt sich mir die Frage, ob dies nicht noch wesentlich erschreckender ist, als die Situation an sich.

Ich habe ein typisch „deutsches“ Äußeres. Ich bin relativ groß, blond, blauäugig und sportlich. Wollte ich von „Racial Profiling“ – also davon, dass Menschen, die in eine bestimmte ethnische Gruppe fallen bewusst für Kontrollen ausgewählt werden – sprechen, wenn ich von der Polizei kontrolliert werde, täte ich mir also relativ schwer. Auch bin ich nicht Aktenkundig. Ich besitze ein Führungszeugnis ohne einen einzigen Eintrag. Dennoch kann ich mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte mal zwei Monate am Stück nicht von der Polizei kontrolliert wurde, während ich zu Fuß unterwegs war.

Im Winter ist es immer besser. Der Gedanke, dass viele Beamte einfach keine Lust haben, bei Kälte aus ihrem Wagen auszusteigen liegt natürlich nahe, es kann aber auch völlig andere Gründe haben.

Wird es aber wieder wärmer, so rechne ich fast damit, wieder auf offener Straße angehalten zu werden. Das vertrackte dabei: Vor der Situation, dass mich jemand anhält und Geld von mir verlangt, habe ich eigentlich keine Angst. Sollte das jemand tun, so würde ich mit den meisten wohl selbst fertig werden und wenn nicht, könnte ich immer noch wegrennen oder Hilfe rufen. Dies sind jedoch alles Optionen, die bei der Polizei nicht infrage kommen. Erstens gibt es ja keinen Grund, sich einer Polizeikontrolle zu entziehen – solange man anständig behandelt wird – zweitens wäre ich den meisten Polizisten wahrscheinlich eh physisch unterlegen.

 

Der Quotendeutsche

 

Da ich nur meine eigenen Erfahrungen kenne, steht es mir gar nicht zu Mutmaßungen aufzustellen, wie es anderen Menschen in dieser Sache geht. Dennoch will ich mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich auch noch schwarze Haare hätte. Es mag zwar nach einem dummen Vorurteil klingen, dass Menschen, deren Haut oder Haare dunkler sind, schneller verdächtigt werden, dennoch befindet sich in meinem Bekanntenkreis kein einziger „Blondschopf“, der so oft kontrolliert wird wie ich. Den meisten ist das noch kein einziges mal passiert. Bei vielen meiner Freunden mit Migrationshintergrund verhält es sich aber ähnlich wie bei mir. Dies wirft die Frage auf, warum bestimmte Menschen kontrolliert werden. Gibt es da ein Muster? Werden einfach zufällig Menschen, die sich zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Straße aufhalten überprüft? Oder werden etwa doch hauptsächlich ausländisch aussehende Menschen kontrolliert und ab und zu einmal ein „Quotendeutscher“ eingestreut?

Wahrscheinlich stimmt keine dieser Begründungen und in Wirklichkeit haben manche Menschen einfach nur immenses Pech oder gewisse Polizisten können sie von vornherein nicht leiden.

 

Polizisten schaden anderen Polizisten

 

Dass dies vorkommt ist unbestritten. Es mag daran liegen, dass auch Polizisten mal einen schlechten Tag erwischen, das passiert jedem und und kann verziehen werden. Für denjenigen, den es erwischt, macht das allerdings keinen großen Unterschied. Der Polizist befindet sich dann nämlich in einer Machtposition. Ich selbst habe erlebt, dass ein Polizist, nachdem ich bereits meine Schuhe und Socken ausgezogen sowie meine Hose heruntergelassen hatte, seinem Kollegen zuraunte, ich solle auf jeden Fall noch einmal alle Taschen ausleeren, denn „irgendwas wird er schon dabei haben“.

Grundsätzlich wird man bei diesen Kontrollen von einigen Beamten ziemlich von oben herab und wie ein Verbrecher behandelt. Sätze wie „Irgendwas musst Du ja getan haben, wenn du um diese Zeit noch unterwegs bist.“ oder „Dann hast Du halt nächstes mal was dabei.“ sind keine Seltenheit.

Das ist sehr schade. Es verringert nicht nur das Ansehen der Polizei bei einzelnen Bürgern, es schadet auch der Mehrzahl der Polizisten, die ausgezeichnete Arbeit machen und stets freundlich bleiben, auch wenn sie einmal nicht optimal gelaunt sind.

© Dieter Schütz PIXELIO

 

„Dich hatten wir doch gestern schon“

 

Die meisten Polizisten sind nämlich stets hilfsbereit und freundlich. Einmal war ich an einem späten Nachmittag auf dem Weg zu einem Bekannten. Am Vorabend war ich in eine zufällige Kontrolle geraten und war ebenso wie meine Taschen überprüft worden. Ich ging also meines Weges, als ein ziviles Polizeiauto neben mir hielt. Aus diesem stiegen just die beiden Beamten aus, denen ich Tags zuvor bereits begegnet war und forderten mich auf, meinen Ausweis vorzuzeigen. Als ich dies tat sah mich einer der Beiden genau an fragte dann: „Dich hatten wir doch gestern Abend schon, oder?“ Als ich dies bejahte, gaben mir die Beamten meinen Personalausweis wieder und ließen mich anstandslos weiterziehen.

– Raphael Stratz

Categories: Allgemein

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