Ein kostenloses Interrail-Ticket für junge Europäer zum 18. Geburtstag? Klingt teuer, aufwändig und irgendwie unnötig. Doch der Gedanke hinter dieser leider gescheiterten Idee war, junge Leute für Europa und damit die EU zu begeistern. Ich habe eine solche Europa-Reise unternommen und kann sagen: ich habe viel gesehen und gelernt – und vor allem diesen Kontinent wirklich zu schätzen gelernt.

Simon sitzt auf seinem Sofa in der kleinen Wohnung in Jönköping, fuchtelt mit den Händen und redet sich in Rage: „Ich glaube, es ist in der Menschlichen Natur, Unionen zu bilden!“ Stirnrunzeln und zweifelnde Blicke. „Doch ja, das glaube ich wirklich!“ „Das glaube ich nicht“, hält Asim auf dem Sofa gegenüber dagegen, „Ich glaube eher, es ist in der menschlichen Natur, sich abzuschotten“. Es ist ca. 11 Uhr abends, 23. Juli 2016 in Jönköping, einer Kleinstadt in Schweden, und wir befinden uns buchstäblich zwischen zwei Stühlen. Schwer zu sagen, wie wir dort hingekommen sind. Nicht auf die Sofas in Jönköping, das ist klar: Wir sind mit dem Zug zum Bahnhof gefahren, zu Fuß zu Simon und Asims Wohnung gelaufen und wurden dort freundlich empfangen. Aber wie sich die Diskussion zu solch fundamentalen Themen hin entwickeln konnte, ist nicht ganz so leicht nachzuvollziehen.

Europa 2016/17 – Hin und hergerissen

Im Jahr 2017 (und durchaus auch im Sommer 2016, der Zeitraum, in dem dieser Artikel spielt), vertreten die Menschen in ganz Europa solche grundsätzlich verschiedenen Auffassungen, der Brexit und die Wahl in Frankreich haben das deutlich gezeigt. Da 28 europäische Länder mit der EU eine von Simon präferierte Union bilden, sollte man meinen, dass er mit seiner Aussage Recht hat. Doch der immer stärker aufkommende Populismus zeigt, dass sich der Wind langsam dreht. Die Identifikation mit dem eigenen Herkunftsland überwiegt, was per se nicht schlecht ist. Aber damit die EU wirklich sinnvoll und erfolgreich sein kann, ist es wichtig, dass sich die Menschen auch durch Europa identifizieren.

Gerade junge Menschen haben den Ruf, von der Politik gefrustet oder einfach zu bequem zu sein, um sich damit auseinanderzusetzen. Die Studenten Vincent Herr und Martin Speer hatten deshalb bereits 2014 die Idee, Jugendlichen in ganz Europa zur Vollendung des 18. Lebensjahres ein kostenloses Interrail-Ticket für eine Reise durch Europa zur Verfügung zu stellen. Bis zum September 2016 gewann diese Idee im Europa-Parlament zunehmend an Zuspruch und wurde von da an ernsthaft diskutiert.

Rein in den Zug und los geht`s

Meine Reise durch unseren Kontinent, die mich unter anderem ins erwähnte Jönköping verschlug, findet schon etwa zwei Monate vorher statt. Gemeinsam mit meiner besten Freundin Hannah bereise ich in 30 Tagen 11 Städte in 10 Ländern. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nichts von der Idee von Herr und Speer, wir haben unser Abitur in der Tasche, wollen reisen und kaufen uns das Ticket selber. Zunächst gehen wir ziemlich planlos an die Sache heran, doch vor unserem Aufbruch am 10. Juli haben wir die Reise einigermaßen gut organisiert.

Von unserem Heimatort Murnau aus starten wir in Richtung Paris, wo am selben Abend das EM-Finale (Frankreich gegen Portugal) stattfinden sollte. Dementsprechend hält uns ein Großteil der Leute für komplett bescheuert. Der schreckliche Terroranschlag in Paris liegt acht Monate zurück, Frankreich befindet sich noch immer im Ausnahmezustand und wir fahren zeitgleich zu einer solchen Großveranstaltung wie dem EM-Finale in die Hauptstadt. Doch wir lassen uns nicht einschüchtern von solchen Ängsten, wir selber verspüren sie gar nicht. Wir sind optimistisch, glauben an das Gute im Leben und wollen Spaß haben. An diesem Abend ist die Stadt voller Menschen, die sich um große Public-Viewing-Bildschirme drängen. Wir laufen mit Frankreich-Gesichtsbemalung durch die Straßen, trinken überteuertes Bier und fühlen uns französischer als je zuvor. Als Portugal schlussendlich gewinnt, leiden wir gemeinsam mit den Parisern. Wir erleben eine starke Stadt, deren Bürgern sich gemeinsam freuen. Die trauert, aber nach vorne blickt. Und die Fremden gegenüber freundlich und aufgeschlossen ist.

Unsere nächste Zugfahrt bringt uns in eine weitere politisch hoch aufgeladene Stadt: London, etwa drei Wochen nach dem viel diskutierten und für einige schockierenden Brexit-Votum. Mark, ein kleiner, glatzköpfiger und überaus liebenswerter Engländer, bei dem wir die nächsten drei Tage verbringen, ist frustriert. Er hat für „Stay“ gestimmt. Am meisten ärgert ihn, dass er für Reisen in die EU bald ein Visum brauchen könnte. Mark reist viel herum, in diesem Jahr will er nach Südkorea, das 50. Land, das er besucht. Außerdem hat er natürlich Angst, dass das Pfund an Wert verliert und Reisen für Ihn teurer werden könnte. Die Welt ist für ihn ein offener Ort, wo man nett zueinander ist und sich gegenseitig hilft. Warum will das Land sich jetzt abschotten? Wir sind von London jedenfalls völlig begeistert und malen uns bereits aus, wie wir hier mal leben oder ein Auslandssemester machen werden. Hoffentlich wird das auch nach dem Brexit möglich sein.

 

Das europäische Parlamentsgebäude in Brüssel.

Unsere Reise führt uns über Brüssel (wo wir das Europa-Parlament zwar nicht besichtigen, aber zumindest von außen betrachten) und Amsterdam weiter nach Skandinavien. Von Kopenhagen aus wollen wir weiter nach Oslo, da diese Reise mit dem Zug aber ziemlich lange dauern würde, legen wir einen Zwischenstopp ein in Jönköping, am Südende des Vättern-Sees in Schweden. Dort verbringen wir eine Nacht bei Asim und Simon, zwei alte Freunde, die sich aus Studienzeiten kennen. Asim kommt ursprünglich aus Pakistan, hat in Kanada studiert und ist durch ein Auslandssemester in Schweden gelandet. Simon hat eine eigene App zum Lernen von Sprachen entwickelt, er selber spricht sechs. Beide sind schon viel in der Welt herumgekommen. Ihre Freundin Anna kommt vorbei, sie hat heute Geburtstag. Kurze Zeit später diskutieren wir darüber, ob die Menschen von Natur aus nun eher dazu neigen, sich zusammenzuschließen oder sich gegenseitig anzufeinden. Anna sagt: „Das machen wir immer so, wir sitzen rum, werden betrunken und reden über Politik“. Asim betrachtet die Lage rein wirtschaftlich und hätte beim Brexit für „Leave“ gestimmt. Simon wäre für „Stay“ gewesen, den europäischen Gedanken findet er großartig.

 

Weil wir einige Tage später nach Stockholm wollen, fragt er seine dort wohnhafte Schwester, ob ihre Couch frei für uns ist. Esther nimmt uns ohne zu zögern auf, obwohl ihre Wohnung sehr klein ist und sie kaum Zeit hat in diesen Tagen. In Stockholm ist „Pride Week“: Hunderte bunt bemalte und verkleidete Mitglieder der LGBT-Community ziehen in einer einzigartigen Parade durch die Straßen, spielen Laute Musik und tanzen, ganz Stockholm schaut dabei zu, alle freuen sich gemeinsam. Hier hat man das Gefühl, dass allgemeine Toleranz gegenüber verschiedenen sexuellen Orientierungen kein Wunschdenken sein muss.

Pride-Parade in Stockholm.

Von Stockholm aus müssen wir den Flieger nehmen, weil wir nach Warschau wollen. Und hier werden wir kopfüber und völlig unvorhergesehen in ein Füllbecken des Nationalismus geworfen. Der Tag unserer Ankunft ist nämlich zufällig der 1. August, der Jahrestag des Warschauer Aufstandes gegen die deutsche Besatzung im Jahre 1944. Zunächst wird mit einer Schweigeminute, die sich über die gesamte Stadt erstreckt, an die gefallenen Soldaten erinnert. Als wir anschließend durch die Straßen schlendern, begegnen wir dutzenden Demonstranten. Aber anders als in Stockholm sind sie nicht leicht bekleidet und tanzen und singen, sondern tragen Stiefel, Kappen und Polen-Flaggen. Lauthals grölend skandieren sie polnische Parolen. Wir verspüren dieses Mal nicht das Bedürfnis, uns dazuzugesellen und mitzufeiern.

Warschau am 01. August 2016.

Über Prag und Budapest fahren wir am 08. August wieder nach Hause. Während wir am Budapester Bahnhof auf unseren Zug warten, überlegen wir immer wieder, ob wir den wirklich einsteigen MÜSSEN. Zu gerne wären wir weitergereist. Wir haben viel gesehen in dieser Zeit, aber noch längst nicht alles. Aber vor allem haben wir einiges gelernt: Wir Menschen in Europa sind teilweise sehr verschieden, aber in vielerlei Hinsicht doch irgendwie gleich. Doch die meisten sehen diese Gemeinsamkeiten nicht, da sie kaum Leute aus anderen Ländern kennen und sich nur mit Bürgern ihres eigenen Landes umgeben. Das ist in gewisser Weise auch nur logisch. Dennoch, damit man sich mit der EU auseinandersetzen und im Optimalfall auch identifizieren kann, sollte man den Kontinent und seine Bewohner besser kennen lernen.

Leider wurde der Vorschlag, jedem Europäer zum 18. Geburtstag ein Interrail-Ticket zu schicken, vom Parlament abgelehnt. Das ist schade, denn so würden vielleicht mehr Leute die Möglichkeit nutzen, ihren Kontinent besser kennenzulernen. Vielleicht würden sie auch solche interessanten Diskussionen führen können wie wir in Jönköping. Und danach, so wie Simon, Anna, Asim, Hannah und ich, zusammen feiern und eine Menge Spaß haben.

Von Nelly Keusch

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