Jeder kennt sie aus Hörensagen, typischen Hollywood-Komödien oder auch aus Märchen, wie Cinderella oder Schneewittchen: die schreckliche, unausstehliche Stiefmutter. Sie hatte leider noch nie einen guten Ruf und verkörpert meist das Böse, als Störerin der zuvor heilen Familienharmonie. Obwohl Patchworkfamilien heutzutage wirklich keine Ausnahme mehr sind, sondern hingegen Normalität, hält sich dieses Image dennoch wacker. Als Scheidungskind konnte ich hierzu meine eigenen Erfahrungen machen.

DAS IST NICHT MEINE MAMA!“, völlig entrüstet greife ich nach der Wiener, in der Hand des beschämten Fleischeierfachverkäufers. Seine Pausbacken färben sich innerhalb weniger Sekunden purpurrot und auch sein hektisches Fuchteln lässt erahnen, wie peinlich ihm diese Situation zu sein scheint. Wie konnte er es nur wagen, diese mir beinah noch fremde Frau, als meine Mama zu betiteln. Brodelnd vor Wut beiße ich von meinem Würstchen ab und trete den Rückzug an. Wie verlockend es doch wäre, sich einfach vor dieser Frau im Labyrinth der Supermarktgänge zu verstecken. Zwischen Käsetheke, Obstabteilung und all den Kühltruhen würde Eva garantiert an der Suche nach mir verzweifeln. E-V-A…drei kleine Buchstaben, eine unschuldige, alleinstehende Silbe. Wer hätte gedacht, dass einmal genau diese 3 Buchstaben und diese einzelne Silbe mein Leben so auf den Kopf stellen würde.

Aber jetzt erst einmal wieder alles auf Anfang. Ein verliebtes Ehepaar küsst sich innig und wälzt sich kichernd und jauchzend in den Laken. Endorphine liegen in der Luft und man kann es beinahe knistern hören. So oder hoffentlich in etwa so, sah es wohl bei meiner Zeugung aus. 394.200 Minuten oder einfach gesagt 9 Monate später, an einem verregneten Novembermorgen um 8:15 Uhr, war es dann nach über 13 Stunden endlich soweit. Der schier endlos wirkende Teufelskreis, aus Fläschchen geben, mitten in der Nacht aufstehen und Windeln wechseln, war ein zweites Mal geboren. Dachten meine Eltern gerade noch sie wären mit Kind Nummer Eins aus dem Gröbsten heraus, mussten sie doch schneller, als ihnen lieb war feststellen, dass es auch beim zweiten Kind keineswegs leichter wird und der Gestank von vollen Windeln, für alles außer gemütliche Stunden zu Zweit sorgt.

Und wie das Leben eben nun einmal spielt, lassen sich Ehepaare scheiden und lernen früher oder später neue Lebensabschnittsgefährten kennen und lieben. Daraufhin werden wohl oder übel sogenannte Patchwork-Familien ins Leben gerufen. Früher kannte man den Begriff Patchwork vermutlich nur von Schneiderinnen, welche damit in der Regel einen aus bunten Flicken zusammengesetzten Stoff meinen und keine zusammengewürfelte Familie, wie meine. Doch heutzutage trifft man höchstwahrscheinlich häufiger auf Patchwork-Kinder, als auf gutbürgerliche Bilderbuchfamilien mit Patchwork-Teppich im Vorgarten.

Dystopie

Folglich war ich durch Hörensagen und Horrorgeschichten aus meinem direkten Umfeld, sicher zu wissen, was nun Schreckliches auf mich zukommen würde. Krampfige Wochenendausflüge, bei denen leibliche Mutter und Stiefmutter, um die Aufmerksamkeit der Kinder buhlen, endlose Diskussionen der Eltern über Unterhalt, Besuchszeiten und grundsätzliche Erziehungsfragen, die Eingewöhnung in ein neues, kleineres Zuhause und die Sorge sich letztendlich für einen Elternteil „entscheiden“ zu müssen.

Ihr könnt mir also glauben, dass die Nervosität vor einem ersten Date, dem ersten Kuss oder sogar der Abiturprüfung, nichts im Vergleich zu der Panik vor dem gefürchteten Zusammentreffen mit der neuen Stiefmutter ist. In meiner blühenden kindlichen Phantasie malte ich mir vorweg das Schlimmste aus. Von einer bösen, buckligen Hexe mit Warze auf der Nasenspitze, bis hin zu einer schrecklich gehässigen Stiefmutter, wie Lady Tremaine aus dem Märchen Cinderella. 

 

Da mein Papa jedoch eher zu der Sorte Mann „schau ma a mal, dann wird des scho“ zählt und verblüffend optimistisch an die Sache ging, schubste er uns im wahrsten Sinne des Wortes, einfach ins kalte Wasser und besuchte mit uns das ortsansässige Hallenbad.

Das erste Zusammentreffen mit Lady Tremaine

Nun war also unweigerlich der Moment gekommen. Zwischen Kindergekreische und dem Geschimpfe des Bademeisters, trafen wir das erste Mal auf Eva. Ihr erwartet jetzt sicher die Beschreibung eines spektakulären und fürchterlichen Aufeinandertreffens, doch das kann ich euch Gott sei dank nicht bieten. Sie entsprach keineswegs meinen schlimmen Befürchtungen und versuchte weder mich hinterrücks zu ertränken, noch war sie boshaft oder gar herrisch, wie im Märchen. Natürlich traf man da auf eine völlig Fremde, zu der man bisher keinerlei Beziehung verspürte und die man sich in der eigenen kindlichen Vorstellung tatsächlich, als schleimiges Familien-fressendes Monster ausgemalt hatte, jedoch wusste sie durch ihre lockere und herzliche Art mir die scheinbar unberechtigte Angst zu nehmen. Noch mehr sogar, sie war unerwartet lustig und der Tag verging wie im Fluge.

Genug für alle da

Trotz des erfolgreichen ersten Kennenlernens, blieb vorerst ein bitterer Beigeschmack. Die Sorge darüber, dass meine leibliche Mutter, sich durch das gelungene Treffen bedroht oder gar in ihrer Rolle, als unsere Mutter hintergangen fühlen könnte, lies mir keine Ruhe. Ich wollte ihr keineswegs das Gefühl geben, verdrängt zu werden oder, dass sie jemals eine Andere ersetzen könnte. Gleichzeitig wollte ich der neuen Partnerin meines Vaters eine reale Chance geben, sich mir anzunähern und ein Teil unserer Familie zu werden. Vermutlich bin ich mir dieses Gefühlskonfliktes heute erst wirklich bewusst, was definitiv von Vorteil für mich war. Denn die Unbedarftheit eines Kindes trägt häufig schneller zu einer Lösung bei, als langwierige Diskussionen. So kam ich am besagten Tag, nach dem Schwimmen, zu meiner Mama nach Hause und fiel ihr, überschwänglicher denn je, um den Hals und lies sie nicht mehr los. Ich denke sie wusste diese liebevolle Geste richtig einzuordnen und fortan gab es für mich keinen Grund mehr zur Sorge.

Die Moral von der Geschichte

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich häufig im Leben zu sehr vor Veränderungen fürchtet und im Vorhinein das Schlimmste erwartet. Doch glücklicherweise, ist meine Patchwork-Familie das beste Beispiel dafür, dass aus einem scheinbar schleimigen Familien-fressenden Monster, tatsächlich ein echtes Familienmitglied werden kann. Natürlich gibt es hin und wieder auch bei uns Konflikte und es war ein langer Weg, aber dennoch halten wir immer zusammen. Betitelt heute irgendjemand fälschlicher Weise meine Stiefmutter im Supermarkt oder wo auch immer, als meine Mama, ist das für mich längst kein Grund mehr den halben Laden zusammen zubrüllen und dem überforderten Mitarbeiter an der Theke die Wiener förmlich aus der Hand zu reißen, denn ich bin stolz auf meine einzigartige Familie und froh darüber, dass damals mein Leben auf den Kopf gestellt wurde.

Katharina Stiefel

Categories: Allgemein, Familie, Liebe

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