Wenn Schüler darüber nachdenken, ein Austauschjahr zu machen, dann ist die USA als Zielland ganz vorne mit dabei. Wenn man die große, lange Reise dann antritt, ist es fast unmöglich, komplett frei von Vorurteilen in der neuen Heimat anzukommen.

Was kommt einem zum Beispiel in den Sinn, wenn man an Amerika denkt? Bilder von Hollywood, Promis und schönen Landschaften? Aber natürlich auch von den Leuten selbst. Wie oft hört man denn, dass man in Amerika nur Fast Food isst. Dass Amerikaner dick sind. Stimmt das alles, was man im Internet liest, im Fernsehen sieht oder anderweitig hört?

Auch ich war in dieser Position. Nach der zehnten Klasse auf dem Gymnasium verbrachte ich zehn Monate in den USA, 2012-2013, lebte dort bei einer Gastfamilie und besuchte die örtliche High School. Welchen Vorurteilen ich begegnet bin und welche von ihnen vielleicht doch einen Fünkchen Wahrheit in sich tragen, das erzähl ich euch jetzt.

Das Essen in der High School Kantine – eher „fast“ als healthy

An der Washougal High School, in der gleichnamigen Kleinstadt im Staat Washington, war der Großteil der Schüler ganz normal proportioniert. Bis auf die Cheerleader, die mit einer bühnenreifen Figur aufschlagen konnten. Und dann waren da natürlich noch die muskulösen, durchtrainierten Footballspieler. Von überflüssigem Körperfett war da keine Spur. Es gab aber noch einige andere sportliche Sachen zu bieten. Tennis, Fußball, Softball, Baseball, Golf, Reiten. Genügend Auswahl, um fit zu bleiben. Ich entschied mich für Tennis im Frühjahr. Jeden Tag von 15 bis 17 Uhr Training. Mindestens zweimal in der Woche ein Wettkampf gegen eine andere Schule, sowohl „daheim“ als auch auswärts. Bei so viel sportlicher Ertüchtigung machte auch die Pizza in der Schule nichts mehr aus.

Das, zugegebenermaßen, bestätigte eines der Vorurteile. Die Kantine in der Schule war alles andere als gesund. Es gab zwar stets Salat oder Sandwiches, aber das, was wegging wie warme Semmeln, waren Pizza und Burger. Bei meiner Gastfamilie hingegen hatten wir sehr viele gesunde Sachen. Es war immer Obst vorhanden und zu jedem Essen gab es Gemüse oder Salat. In Kombination mit Sport, eine ideale Waffe gegen überflüssige Pfunde. Natürlich mag das in jeder Familie anders sein. Aber dasselbe gilt ja wohl auch hier in Deutschland, oder?

Nun zum Thema Schulweg. Der ganze Parkplatz ist voll mit den Autos von Schülern. In vielen Staaten darf man schon ab 16 Jahren mit dem Auto fahren. Das nutzen die Schüler natürlich aus. Viele von ihnen besitzen sogar schon ein eigenes Auto in der High School. Ist ja auch viel cooler, als mit dem ollen, gelben Bus zu fahren.

Bequemer Abholservice für die Schüler – nur ein paar Schritte bis zum Bus.

Wobei das für mich eins der Highlights war. Ich fühlte mich wie Forrest Gump, wenn er den Bus betritt, um seinen ersten Schultag anzutreten. Ganz genau so müsst ihr euch den Bus vorstellen. Von außen quietschgelb mit dem jeweiligen Schuldistrikt darauf und innen lederbraune Sitze. Und eigentlich sogar sehr bequem. Der Bus hielt an jeder Straßenecke, egal ob er gerade erst einen oder 100 Meter gefahren war. Es gab keine zentrale Bushaltestelle, sondern der Bus holte die Schüler sozusagen an der Haustür ab. Ich gebe zu, hier wird das Vorurteil bestätigt, dass die Amerikaner nicht viel zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren. Aber wir können ja nicht alles verlangen.

Kommen wir zum Patriotismus. Ein großes Thema. Nicht nur an jedem Haus in Amerika hängt mindestens eine Flagge, auch in der Schule, in jedem Klassenzimmer prangt die „Star-Spangled-Banner“. Und vormittags pünktlich um zehn, nach den allgemeinen News zu aktuellen Themen in der Schule, wurde das Treuegelöbnis aufgesagt: „I pledge allegiance to the flag of the United States and to the republic for which it stands: one nation, indivisible with liberty and justice for all.” Dafür standen alle Schüler auf, wandten sich der Flagge im Klassenzimmer zu und legten die Hand aufs Herz. Selbst für Nicht-Amerikaner wie mich fühlte sich dieser Moment einfach unglaublich an. Wo die Liebe zum Vaterland noch besonders hervorstach, war bei wichtigen Wettkämpfen. Meistens fand sich eine Schülerin oder ein Schüler mit Ausnahmestimme, die dann die Nationalhymne zum Besten gaben. Gänsehaut pur.

Die Liebe zum Vaterland ist überall sehr stark ausgeprägt.

Nach ein paar Wochen in der Schule, konnte ich schon eine lustige Sammlung an außergewöhnlichen Fragen vorweisen, in Bezug auf Deutschland. Eine blieb mir ganz besonders in Erinnerung: „Sprichst du deutsch in Deutschland?“ Zuerst dachte ich, dass sei ein Witz. Dann wurde mir ziemlich schnell klar, dass der Schulkamerad es ernst meinte. Mit der Antwort, dass ich chinesisch sprechen würde, rechnete er dann aber wohl nicht.

Dies lässt ein weiteres Vorurteil aufkommen. Das Bildungsniveau von amerikanischen Schulen ist niedriger als das in Deutschland. Ich rede hier jetzt von der High School verglichen mit dem Gymnasium. Denn wie ihr wahrscheinlich schon gehört habt, hat Amerika einige Elite-Unis, auf die es stolz sein kann. Harvard oder Yale, um die Bekanntesten zu nennen. Aber was die High School betrifft, kann ich bestätigen, dass das Niveau ein niedrigeres ist, als auf dem Gymnasium und vielleicht auch als das auf der Realschule. Zumindest fiel es den meisten Austauschschülern leicht, ohne großen Lernaufwand gute Noten zu schreiben.

Die Schule in meinem Austauschort – Washougal High School.

Das liegt daran, dass es die Differenzierung in drei unterschiedliche weiterführende Schulen, nicht gibt. Nach der Grundschule, die wie bei uns bis zur vierten Klasse reicht, geht jeder auf die Middle School, von der fünften bis zur achten Klasse. Danach kommt die High School, neunte bis zwölfte Klasse. Wo man hier in Deutschland entscheiden muss, auf welche der drei weiterführenden Schulen man gehen will, kann oder möchte, gibt es in den USA nur diese eine Schule zur Auswahl. Ich sehe in diesem System eher Vorteile als Nachteile. Keine Diskriminierungen. Es gibt genügend Kurse für jeden Anspruch. Keiner muss Angst haben, im Unterricht nicht mitzukommen.

Natürlich sind das nicht alle Klischees, denen ich begegnet bin. Aber wohl einige der Größeren. Trotzdem war dieses Jahr eines der besten in meinem Leben. Ich finde auch, dass es wichtig ist, offen mit eventuellen Vorurteilen umzugehen. Man sollte einfach versuchen, sich vollständig auf die neue Kultur einzulassen und eigene Erfahrungen zu machen.

Vielleicht denkt ihr das nächste Mal daran, wenn ihr in den Urlaub fahrt oder fliegt. Oder wenn ihr vielleicht doch noch ein Auslandsjahr plant. Macht euch einfach ein eigenes Bild von dem Land und den Menschen.

In diesem Sinne: Take care and enjoy your life!

Von Nathalie Asthoff

Categories: Allgemein, Kultur, Reisen

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