BRENTWOOD, CA - FEBRUARY 24: Nate Sanders displays the collection of Oscar statuettes that his auction company will sell online to the highest bidder on February 24, 2012 in Brentwood, California. (Photo by Toby Canham/Getty Images)

BRENTWOOD, CA – FEBRUARY 24: Nate Sanders displays the collection of Oscar statuettes that his auction company will sell online to the highest bidder on February 24, 2012 in Brentwood, California. (Photo by Toby Canham/Getty Images)

Sicher haben Sie Filme dieses Jahr gesehen. Und man kann nur hoffen, sie haben Ihnen gefallen und Sie hatten obendrein einen angenehmen Kinobesuch, oder eine gute Zeit zu Hause.
Nun tagen jährlich die Oscars unter der Prämisse, den jeweils besten Film des Jahres auszuzeichnen.
Und vermutlich wird Ihre Reaktion auf die Sieger folgendermaßen aussehen:
„Was? Wieso der? Hab‘ ich nie gehört. Lief der überhaupt im Kino?“

Wenn Sie sich Groß-Hollywood aber wie eine interne Firma vorstellen, die sich der Prestige halber selbst Preise zusteckt und weiter diesem Artikel folgen, wird alles auf einmal Sinn für Sie ergeben. Wenn Sie nicht bereits selbst zur Erkenntnis gelangten, dass mit den jährlichen Oscars Hollywood lediglich seine firmeninternen Sternchen auszeichnet. Die Mitarbeiter, die über jahrelange Arbeit am meisten Geld einbrachten, den alteingesessenen Chefs einfach mal super sympathisch sind, oder kurz bevor sie in Rente geschickt werden, noch ein letztes Mal Mitarbeiter des Jahres werden dürfen.

An die 6000 Leute aus der Industrie bilden die so genannten „Academy Awards“ – das Komitee, welches nach einer Nominierung von Filmen zur Oscar-Verleihung die Gewinner wählt. Trotz der knapp 450 neuen Gesichter, die man über die letzten Jahre in diese Sitze holte, sind an die 94% weiß, 76% männlich und das Durchschnittsalter aller Wahlberechtigten liegt bei 63 Jahren.
Zur Oscar-Verleihung 2016 schürte dies einen Aufruf, der über Twitter seinen eigenen Hashtag erhielt #OscarsSoWhite.
Trotz der komplett rein weißen Nominierungen zur achtundachtzigsten Verleihung, wurde Chris Rock als Moderator der Show eingeladen, der es sich nicht nehmen ließ derbe Kritik auf die Anwesenden einregnen zu lassen.
Aber dieses Thema ist kaum neu und so wie die Oscars funktionieren und wie sie Filme auswählen und gewinnen lassen, fußte schon immer auf diesem Fakt, dass es sich bei den Oscars um die „Old White People Choice Awards“ handelt. Von Leuten instruiert, die noch aus den früheren Theaterschulen stammen – die Regisseure, Produzenten und Schauspieler in Hollywood sind.
Kein Komitee aus Kritikern, keine unabhängige Erhebung an Meinungen – eine bereits vorhersehbare Inszenierung.
Wenn Filme wie Annie Hall Best Picture gewinnen und nicht Krieg der Sterne, wenn Filme wie Goodfellas gegen Dances with Wolves verlieren, weil den Wählern allzu brachiale Thematiken nicht gut bekommen und es Klasse vermissen lässt – dann dürfte das keinen mehr überraschen.

http://www.latimes.com/entertainment/movies/moviesnow/la-et-mn-diversity-oscar-academy-members-20131221-story.html#ixzz2uqvZKl10

Die Oscars ließen durch ihre festgefahrene Methodik also schon immer Weitblick im Filmzeitgeist vermissen.
Garantiert gewinnen in der Regel immer folgende Filme:
Oscars_2_Thomas_HanakDas Biopic – am besten mit Bezug auf kontemporäre Themen, oder das Hollywoodsystem selbst (Robert Downey Jr. in Chaplin)
Die Transformation – grausiges Makeup auf schöne Menschen (Charlize Theron in Monster)
Der ernste Comedian – für lustgie Rollen bekannte Schauspieler machen auf ernstes Drama
(Bill Murray in Lost in Translation)
Der Inspirierer – Privilegierter Weißer hilft armen Dritte-Welt Menschen
(Sandra Bullock in Blind Side)
Der Behinderte – Get retarded! (Dustin Hoffman in Rain Man und Tom Hanks in Forest Gump)
Die Homosexuellen – Populär mit den Oscars, weil die entsprechende Zielgruppe Homosexualität immer noch nicht verstanden hat (BrokeBack Mountain, Milk, Boys don’t Cry)

http://www.cracked.com/article_17608_6-cheap-acting-tricks-that-fool-critics-every-time.html

Den schon damals fehlenden Weitblick der Oscars, kann man in Retrospektive natürlich auch in die heutige Zeit übertragen. Es ist nicht schwer, alte Oscar-Gewinner zu rezitieren, die damals niemand sah und von denen heute noch nicht einmal wer jemals von gehört hat.
Wie beispielsweise Indiana Jones: Jäger des Verlorenen Schatzes als Best Picture gegen Chariots of Fire verlor. Gegen wen? Genau.
Einige mögen argumentieren, es gehe um die Güte der Kunst, und nicht um die Popularität, aber man möchte argumentieren, dass Kunst dazu dient, die Kultur zu beeinflussen. Ob Chariots of Fire, oder Indiana Jones dies getan hat, braucht man kaum zu erklären.

Doch den größten Brecher landete 1998 Shakespeare in Love. Auch bekannt als der Film, nach dessen Auszeichnung niemand mehr die Oscars ernst nehmen konnte. Dieser trat an gegen Saving Privat Ryan – ein Film, der Veteranen sich in ihren Kinositzen nass machen ließ, weil
er dermaßen realistisch seine Thematik umgesetzt hatte und eine Revolution der Kriegsfilme-Mache war.
Es wurde zu diesem Zeitpunkt öffentlich gemacht, dass Miramax eine 16 Millionen Dollar Werbekampagne für alle Academy Mitglieder fuhr (etwas mehr als 2000 Dollar
auf jeden einzelnen Wahlberechtigten), um für Shakespeare zu werben.
Dies soll wohlgemerkt nicht den Schluss ziehen, dass Oscar-Wähler bestechlich seien. Viel mehr soll es den Schluss ziehen, dass ein signifikanter Teil der Wahlberechtigten nur einen Bruchteil dessen gesehen hat, was es überhaupt zur Auswahl gibt.
Und oftmals erzielen somit -vor allem in Kategorien, die der typischen Oscarzielgruppe egal sind (Animierter Film)- die kommerziell erfolgreichsten und durch Werbung und „Word of Mouth“ bekanntesten Filme viele Stimmen bei den Oscars.
Der Hollywood Reporter führte eine Umfrage unter allen Oscar-Votern, die sie an die Hand bekamen, mit dem Ergebnis, nur 6 Prozent aller Wahlberechtigten hatten überhaupt alle zur Wahl relevanten Filme gesehen.

http://www.hollywoodreporter.com/news/oscar-voters-poll-6-percent-775104

Zur Politik der Oscars ist es auch wichtig zu erwähnen, welchen Kriterien die Filme unterliegen, um überhaupt in die Wahl aufgenommen zu werden.
Dass ein Film über 40 Minuten laufen muss, um das Prädikat „Feature Film“ zu erhalten und nicht in die „Short“ Kategorie übernommen wird, ist dabei sogar erstaunlich großzügig. Gerade einmal die Länge einer TV-Folge muss ein Film haben, um zumindest theoretisch für Best Picture nominiert werden zu können.
Ganz anders und weniger großzügig zeigt man sich bei den Außlands-Oscars „Best Foreign Language Film“.
Uninformierte Zuschauer möchten dem Glauben unterliegen, Hollywood sähe sich in der Welt da draußen um – und unter der Prämisse, die jeweils besten Filme zu küren, würde man weitläufige Suchen betreiben, um auch das wirklich beste international zu finden.
An dieser Stelle gehört erneut betont – es handelt sich um eine Veranstaltung, die nicht zwingend Filme auszeichnet, sondern gehalten wird, damit eine Industrie sich selbst auszeichnen kann.
Folglich dürfen nur ausländische Filme nominiert werden, die von einem Hollywood-Studio lizenziert und publiziert wurden und in einem größeren Kino Los Angeles‘ über sieben aufeinander folgende Tage liefen.

http://www.oscars.org/sites/oscars/files/88aa_rules.pdf

Schließlich verzetteln sich die Oscars immer wieder in einem unübersichtlichen Staudamm an Gefälligkeiten, die über die Jahre verteilt werden müssen.
Das Aushängeschild hierfür ist Al Pacino. 1974 trat dieses Schwergewicht in der Kategorie „Best Actor“ mit Der Pate II im Rücken an. Nun sind die Oscar-Statuen über die jahrelange Tradition der Academy Awards nicht mehr das, was sie einmal waren.
Ja, es steht „Best Actor“ drauf, aber letztlich sind die Auszeichnungen zu lebenszeitlichen Würdigungen mutiert, und ob man in den Augen der Academy Awards nun „dran“ ist, diese Würdigung zu erhalten. Folgerichtig erhielt der Schauspieler Art Carney für den Film Harry und Tonto den Preis für besten Schauspieler.
Al Pacino wurde in einem Spiel ausgestochen, in dem es nie um Leistung gegangen war. Art Carney war einfach „dran“ endlich aus Rücksicht und Kulanz diesen „Life-Time-Achivement“-Oscar zu erhalten.
Dies bedeutete nun jedoch, dass man Al Pacino einen Oscar schuldig war und man warten musste, bis auch nur ein halbwegs qualitativ ordentlicher Film von ihm folgte. Dies sollte 1992 dann endlich Der Duft der Frauen sein.
Dieser Sieg stach jedoch wiederum Denzel Washington aus, der eigentlich den Oscar verdient hätte für Malcom X. Somit musste man auch hier Washington auf eine lange Warteliste setzen, bis man ihm 2001 für Training Day den Oscar geben konnte.
In diesem Zusammenhang zeigten die Academys 2001 auch, wie limitiert und steril die Rollen staffiert sein müssen, um gewinnen zu können. Julia Roberts, die Hollywood viel Geld eingebracht hatte, war dieses Jahr als beste Schauspielerin „dran“, obwohl man meinen möchte, die betagte Ellen Burstyn (bekannt aus Der Exorzist) in Requiem for a Dream wäre an der Reihe gewesen.
Aber in Darren Arronofskys Drogentragödie geht es nunmal um eklige Menschen, die eklige Dinge tun – und nicht um strahlende Helden.
Eines unter vielen Kriterien, das Gewinner ein- und ausschließt.

Leonardo DiCaprio – ewig verschmäht und über Jahre zum heiß antizipierten Internet-Meme gemacht, erhielt nun 2016 endlich seinen Platz an der Wand für die besten Mitarbeiter der Firma Hollywood. Und wer könnte da nicht sagen, neben all der Buhlerei und Intrigen, diese Geschichte hätte nicht ein gutes Ende.

Thomas Hanak
Categories: Allgemein, Lifestyle

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