Was bedeutet es, innezuhalten? Gedanken darüber, was es heißt, aus der Zeit zu treten, im Moment zu verharren und dem Rauschen der Welt für einen Wimpernschlag bewusst zuzusehen. Und darüber, was das mit einem Museum zu tun hat.


Hauptbahnhof München, Montagmorgen

Ich stehe in der Haupthalle und schaue auf die Uhr: es ist 7:30. Aus einem Wirrwarr unzähliger Gänge ergießt sich eine Flut von Menschen in die große Halle, wo sie zu einer einzigen, unidentifizierbaren Masse verschmelzen. Plötzlich auftauchende Gespräche fließen ungehindert ineinander und verlieren ihre Konturen, Stimmen überschlagen sich und Wortfetzen treiben über die Köpfe der Eilenden hinweg. Der Rest ist ein einziges Rauschen. Zwischen den abgekappten Unterhaltungen Unbekannter, dem Trampeln unzähliger Füße über Fliesen, dem Klappern dutzender Koffer, Taschen und Rollis und dem durchdringenden Rattern von Rolltreppen verlieren sich die Gedanken. Noch 100 Meter, jetzt 50, 25, dann schwappt die Welle an den nächsten Abgang und wird abermals vom Untergrund verschlungen. Und während ich noch wie angewurzelt stehe und in einem sonderbaren Moment der Entfremdung versuche, das soeben Wahrgenommene zu sortieren, drängen langsam die beruhigenden Klänge eines Klaviers an mein Ohr und ziehen mich in ihren Bann.


Szenenwechsel

ICE 1681, auf der Fahrt von Nürnberg Hauptbahnhof nach Augsburg

Wir sitzen uns gegenüber und sagen eine ganze Weile lang gar nichts. Im Hintergrund zieht die Landschaft vorbei wie im Flug, mit jedem Augenblick ein wenig näher an der Heimat, ein wenig näher am gewohnten Bild, das sommerliche Grün zunehmend dominiert vom abendlichen orange-rot des Himmels. Keiner spricht. Die anderen Fahrgäste sind versunken im Zauber eines Buches, oder hören Musik, während ihr Blick nach draußen schweift. Sie ergreift das Wort:

„Du bist ein Träumer. Ich mag das an dir. Aber sag mir, was du dir denn dann darunter vorstellst, innezuhalten?“

Ich versuche, es zu umschreiben: „Stell dir vor, du stehst in einem Raum voller Menschen, die allesamt irgendwohin drängen, stetig vorwärts, stetig weiter, immer auf dem Weg, schnellstmöglich das nächste Ziel zu erreichen, Schritt um Schritt, Takt für Takt. Und du rennst mit. Einfach so, einfach weil. Das hat Routine: Aufstehen, fertig machen, aufbrechen, einsteigen, umsteigen, aussteigen, weiter laufen, mithalten, ankommen, hinsetzen und darauf warten, dass etwas Neues passiert. Und jetzt stell dir vor, du bleibst an irgendeinem Punkt davon einfach stehen, ganz plötzlich, ganz spontan. Weil du für einen kurzen Augenblick nicht mitrennen willst. Und du atmest durch und siehst dich um. Nur für einen kurzen Moment, in dem du dein normales Tun bewusst unterbrichst, verharrst und dich umsiehst. In dem du wahrnimmst, was du gerade machst, wo du bist und was gerade geschieht. Das bedeutet es, innezuhalten.“

Ich bin mir unsicher, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe. Sie schaut mich immer noch nachdenklich an. Dabei scheint mir die Idee so einfach und zugleich ist sie womöglich genau deshalb so schwierig zu erklären. Grübelnd sehe ich wieder zum Fenster hinaus. Die Sonne ist zwischenzeitlich hinterm Horizont verschwunden und am Firmament zeichnet sich klar der Mond ab. Ich atme tief durch und schließe für ein wenig die Augen, das Rattern der Gleise unter uns und den Eindruck des abendlichen Himmels vor dem inneren Auge.


Hauptbahnhof München, Montagmorgen

Ein Pianist stimmt die ersten Klänge von Beethovens „Für Elise“ an. Im Kampf mit dem Lärm des morgendlichen Treibens braucht es eine Weile, bis die Töne zu mir durchdringen. Doch dann rückt die Welt für ein paar Schläge in den Hintergrund und ich konzentriere mich voll und ganz auf die Musik. Unwillkürlich muss ich lächeln. Noch zwei, drei Takte genießen und ich löse mich wieder, tauche wieder ein in den Strom und folge ihm in die Tiefe.


Die Galerie der neuen Meister, Albertinum, Dresden

Das Bild vor mir leuchtet förmlich mit seinen Farben. Da ist Blau, da ist Grün, aber auch Gelb, Braun, und Weiß und mehr. Fasziniert verfolge ich die einzelnen Striche, die Pinselschwünge, stelle mir vor, wie sie einst aufgetragen wurden, langsam, gleichmäßig, dann wieder schneller, fließender, in einem Schwall der Inspiration. Um mich herum eilen Menschen von Gemälde zu Gemälde, die Arme verschränkt, der Blick stets flüchtig. Nur selten verharren sie vor einem Motiv und betrachten es eindringlicher. Teils wirkt es, als wäre es Arbeit, oder zumindest doch nur ein kurzweiliger Zeitvertreib, sich schöne Bilder anzusehen, bevor man weiter hetzt, zum nächsten kulturellen Highlight, das gesehen werden muss, bevor die Museen für den heutigen Tag schließen. Dabei sind sie es doch gerade, die es ermöglichen sollen, die Zeit ein wenig zu vergessen und sich verzaubern zu lassen, zu begeistern und Einblicke in die Vergangenheit zu erhaschen.

In meiner gedanklichen Rekonstruktion werden allmählich Formen sichtbar, Striche, Kurven, Ecken und Kanten. Unweit von mir unterhält sich eine Dame lauthals am Telefon. Es geht um die Planung des heutigen Abends, was sie gerade macht und was „hier so rumhängt“. Die fast andächtige Stille zerrissen, werfen sich die Wachleute bereits vielsagende Blicke zu.

Die Zeit verfliegt. Vor mir hängt immer noch dasselbe Gemälde. Es ist ein Stillleben mit Früchten. Quitten, um genau zu sein. Die Frau ist längst weitergezogen. Ich glaube, überhaupt ist zwischenzeitlich bereits ein gutes Dutzend Menschen an mir vorbeigezogen. Nur wenige blieben stehen, oder nahmen sich ähnlich ausgiebig Zeit für eines der Gemälde. Die meisten wirken gestresst und unruhig, als könnten sie nicht länger als ein paar Sekunden am selben Ort stehen bleiben, oder sich gar hinsetzen und für einen Moment zur Ruhe kommen. Immer in Bewegung, immer auf Trab.

Ich erhebe mich langsam. Gemächlich gehe ich weiter von Raum zu Raum. Immer wieder bleibe ich stehen und betrachte die Ausstellungsstücke. Hier ein atmosphärisches Stadtpanorama, dort eine groteske Darstellung des Krieges, bis hin zur abstrakten Symbolik verschiedener geometrischer Formen. In allen liegt ein Stück Ewigkeit, ein Augenblick, gegriffen aus dem eigentlichen Verlauf der Zeit und gebannt in Öl, Holz oder Metall. Als hätte die Welt für einen Wimpernschlag innegehalten, sich ihrer selbst besonnen und versucht, so gut es geht jedes kleinste Detail wahrzunehmen, bevor sie abermals vom Leben mitgerissen wird und das Hier und Jetzt im Rauschen untergeht.

 

In Gedanken immer noch bei Quitten, Farbenspielen, Kunst und klassischer Musik begebe ich mich in Richtung Ausgang. Draußen scheint die Sonne und Vögel zwitschern. Es wirkt idyllisch. Ich werde bereits erwartet. „Bist du soweit?“ Sie schaut mich fragend an. Autos rattern über das Pflaster, Menschen rufen durch die Straßen und irgendwo läuft Musik und drängt in die Gassen. Ich nicke. Gemeinsam lassen wir die Galerie hinter uns und tauchen wieder ein in das Treiben der Stadt.

 

Autor: Dominik J.

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