Kleine Klassen, speziell ausgebildete Lehrkräfte und individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers: So hätte es jeder gerne! Aber es sind Angebote speziell für jene, die aufgrund eines Defizits in einem Bereich nicht mit den Leistungsanforderungen der heutigen Zeit mithalten können. Auch wenn der Start schwierig ist, so ist man nicht auf Teufel komm raus in dem System der Förderschulen gefangen. Wieso sie hilfreich sind, welche Wechsel wann möglich sind und wie es weitergeht, auch wenn man nicht auf eine Regelschule wechselt.

„Alle Menschen brauchen irgendwann bei irgendetwas Hilfe und einige halt zu Schulbeginn“, Amira, Absolventin der Seerosenschule und gegenwärtig auf der Adolf-Kolping-Berufsschule.

Mit dieser Aussage meinte Amira im Interview nicht nur die Schüler, sondern auch bereits leicht verzweifelte Eltern.

Auf der Suche nach der besten Betreuung und Förderung für ihr Kind schauen sich viele Eltern Kindergärten, Grundschulen und danach weiterführende Schulen an. Dabei müssen sie sich immer mehr in das Bayerische Schulsystem einfinden. All diese Schulen sind auf eine bestimmte Zielgruppe von Schülern zugeschnitten. Doch gibt es auch Schüler, die aufgrund eines Defizites (oder mehrerer) auf diesen Schulen nicht zurechtkommen. Sie haben „Förderbedarf“. Das kann offensichtliche Ursachen haben, z.B. körperliche Behinderungen. Es können jedoch auch schlicht Schwierigkeiten zu Beginn der Schule sein, wenn man z.B. die Diagnose Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) oder Dyskalkulie (dasselbe in Mathe) oder auch beides zugleich bekommt, gepaart mit Lernschwierigkeiten.

Um genau diese Schüler aufzufangen, gibt es Förderschulen. In Bayern sind drei Arten zu unterscheiden: Die Förderzentren (früher: Volkschulen zur sonderpädagogischen Förderung) sowie Realschulen und Berufsschulen zur sonderpädagogischen Förderung. Diese Schulen gibt es mit den Schwerpunkten: Hören, Sehen, Lernen, Sprache, geistige Entwicklung, emotionale und soziale Entwicklung, körperliche und motorische Entwicklung sowie vereinzelt weiteren Schwerpunkten. Oft sind in den Schulen auch mehrere Schwerpunkte zusammengefasst. Diese sind öffentliche Schulen des Staates und somit für die Eltern kostenfrei.

Der Schulalltag

Der Unterricht erfolgt nach fünf Förderstufen in Adaption an die Lehrpläne der Grund- und Mittelschule. Interessant und ein wichtiger Punkt ist es, dass man jederzeit auf eine Regelschule wechseln kann, wenn kein Förderbedarf mehr vorhanden ist.

Die erste Förderstufe ist die Förderung der vier bis sechsjährigen in der Vorschule, auch SVE (Schulvorbereitende Einrichtung) genannt. Es besteht keine Pflicht, danach in einer Förderschule eingeschult zu werden. Es wird besonders auf die Sprache, das soziale Verhalten und kognitive Fähigkeiten geachtet und gegebenenfalls trainiert und gefördert. Wird man nun in einer Förderschule eingeschult, beginnt der Schulalltag, wie man ihn kennt, nur mit einigen Besonderheiten; im Folgenden oft am Beispiel der Seerosenschule, dem sonderpädagogischem Förderzentrum in Poing, veranschaulicht.

Die Förderzentren bieten eine Schullaufbahn von der ersten bis zur neunten Klasse an, die in den Förderstufen zwei bis fünf erfolgt. Stufe zwei erfolgt in den ersten drei Schuljahren, die den ersten beiden Klassenstufen der Grundschule entsprechen. Hier werden Stärken und Schwächen der Kinder diagnostiziert und speziell darauf reagiert. Zum Beispiel bekommt jedes Kind unabhängig von seinen Klassenkameraden nur so viele und nur so schwierige Hausaufgaben gestellt, wie es seinem jeweiligen Können entspricht. So kann es gezielt gefördert, jedoch nicht überfordert werden. Dass jedes Kind in einer anderen Geschwindigkeit lernt, wird hier hervorragend berücksichtigt. Eine große Hilfe ist die geringe Klassenstärke, in der Seerosenschule von bis zu 14 Schülern. Auch die Aufteilung einiger Fächer in Leistungsstufen ist hilfreich. Auf Nachfrage bei Amira, ob es da nicht zu Mobbing kommt, erwidert sie: „Nein. Denn so lernen alle, […] dass sie in einem Bereich mehr Hilfe brauchen als in anderen Fächern[…]. Außerdem sind alle da, weil sie irgendwo schwächeln, so ist es schwierig jemanden zu mobben, wenn man es postwendend mit gleicher Münze zurückgezahlt bekommt.“. Auch Melanie Göhler, Mutter zweier Förderschulkinder, lobt das Engagement der Lehrer: „Die soziale Erziehung ist super, gepaart mit der individuellen Förderung gibt es keine Machtkämpfe […].“.

In den Klassen drei und vier (dritte Stufe) wird in Adaption an den Grundschullehrplan unterrichtet. Ziel ist es, alle Schüler, denen es möglich ist, am Ende der vierten Klasse einen Wechsel auf eine Regelschule zu ermöglichen. Ist es dafür noch zu früh, geht dies auch noch nach der fünften und sechsten Klasse (vierte Stufe).

Berufsvorbereitung der besonderen Art

Mittlerweile haben die Klassen eine ganz neue Zusammensetzung, denn während viele Schüler abgehen, kommen auch neue dazu, die z.B. auf der Grund- oder Mittelschule nicht klar kamen. Von der siebten bis zu neunten Klasse ist ein Wechsel nur noch selten. Nun sind wir in der fünften Stufe. Jetzt ist klar, dass die Teenager nicht mehr auf andere Schularten wechseln und somit ist der Raum gegeben, sie intensiv auf das kommende Berufsleben vorzubereiten. Dazu gibt es das Fach BLO (Berufs- und Lebensorientierung). Zum Beispiel werden Versicherungen durchgenommen, Wissenswertes zu Steuern und was erwartet wird, wenn man in einem Arbeitsverhältnis ist. Den praktischen Teil gestaltet jede Förderschule je nach Bedarf und Förderschwerpunkt selbst. In Poing findet der Teil in Schülerübungsfirmen (SÜF) 4 Stunden die Woche statt, teilweise auch schon in der sechsten Klasse. „Es sind acht „Firmen“, die Chefs sind Lehrer, und man muss sich alle halbe Jahre auf zwei bewerben – das bedeutet, eine Bewerbung zu schreiben und ein Bewerbungsgespräch zu führen. Dazu kommen sieben Praktika und zwei Fahrten zum Training an andere Orte.“ Amira zählte all das auf und schloss mit den Worten: „Wenn man drin steckt ist es ein wenig nervig, doch all das [zusammen hat] mir dann meinen Ausbildungsplatz beschert.“.

Abschlüsse

… an Förderschulen sind von der Schulart abhängig. An allen kann der Förderschulabschluss erworben werden. An der Seerosenschule ebenso der Mittelschulabschluss, wenn man dafür ein Jahr statt an den Schülerübungsfirmen am Hauptschulkurs teilnimmt. Nach einem erfolgreichen Abschluss stehen einem die Türen zu den meisten handwerklichen Berufen offen. Meist sind die absolvierten Praktika da wichtig. Denn ein Förderabschluss klingt erstmal nicht besonders, auch, wenn er von den Neuntklässlern viel gefordert hat. Die meisten können durch ein Probepraktikum überzeugen. Sollte es dennoch nicht klappen, gibt es Berufsschulen zur sonderpädagogischen Förderung, die auch berufsvorbereitende Jahre (BVJ) in den verschiedensten Fachrichtungen anbieten.

Auch wenn all diese Angebote für die Schüler sind, es ist auch eine riesige Entlastung für die Eltern. „Mit meiner ersten bin ich pro Woche noch zur Nachhilfe und bin zu Hause das Gelernte nochmal mit ihr durchgegangen. Das hat auch noch Nerven gekostet, war jedoch um einiges besser, als wenn sie auf der Grundschule geblieben wäre.“, erzählt Melanie Göhler. „Jetzt hat sie ihr Fachabitur gemacht und das wäre ohne die Förderschule nicht möglich gewesen.“

Es sind die besten Schulen,

  • weil man lernt, wie man mit der Schwäche, die man hat, umgehen kann,
  • weil Schüler so gefördert werden, dass Schwächen im Idealfall unbedeutend werden,
  • weil jederzeit die Möglichkeit gegeben ist, an Regelschulen zu wechseln,
  • weil durch die kleinen Klassen ein sozialer Raum entsteht, an dem „man sich zuhause“ fühlt.

All das kann Amira bestätigen, ebenso Melanie, die sich als Elternteil gut aufgehoben und informiert fühlte und vor allem verstanden und ernst genommen.

 

Julia Göhler 02.04.2017

Interview mit Melanie Göhler

Interview mit Amira

Quellen:

https://www.km.bayern.de/schueler/schularten/foerderschule.html Staatliche Informationsseite, 16.03.2017

http://www.sfz-ahs.de/ahs/Forderstufen.html Auflistung und überschaubar dargestellte Förderstufen, 16-21.03.2017

http://www.gesetze-bayern.de/Content/Document/BayEUG-41?AspxAutoDetectCookieSupport=1 Bayerisches Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG) Artikel 41 Absatz  1, 16.03.207

https://www.akb-muenchen.de/ Adolf-Kolping Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung, 18.03.2017

http://www.schulberatung.bayern.de/schulberatung/index.asp Seite der staatlichen Schulberatungsstelle, 16.03.2017

http://2.seerosenschule.de/pages/fuer-eltern/diagnose–und-foerderklassen.php Seite der Seerosenschule, 16-21.03.2017

http://www.sdw-schwaben.de/sdw-konzept.html SDW Seite zur Erleuterung der letzten drei Förderschuljahre, 16-12.03.2017

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