Der ganz normale Wahnsinn im Leben einer Patchworkfamilie

Familien mit mehr als vier Kindern, das pure Chaos zu Hause oder Eltern, die sich nicht einig werden, wer zum Elternsprechtag geht. All das sind vielleicht Vorstellungen die man hat, wenn man an Patchworkfamilien denkt. Der Unterschied zu einer „normalen“ Familie ist dabei  meistens genauso groß wie die Anzahl der Halb-, Stief- und leiblichen Geschwister, doch was ist heutzutage schon noch „normal“?

„Wie viele Geschwister hast du eigentlich?“ Ich überlege. Eigentlich keine schwere Frage. Jeder würde einfach antworten, aber wenn man zuerst abwägen muss, ob man nur seine leiblichen, die Halbgeschwister oder sogar die Stiefgeschwister mitzählen soll, kann die Antwort schon einmal etwas Zeit beanspruchen …

Mittlerweile geht fast jede zweite Ehe in Deutschland innerhalb der ersten sieben Jahre in die Brüche, viele unter dem Motto: „Hauptsache den Kindern geht’s gut!“. Egal ob Patchwork, Regenbogen oder Alleinerziehende, Alternativen zum gängigen Familienbild gibt es heutzutage reichlich. Obwohl die Zahl dieser in den letzten Jahren rasant gestiegen ist, gelten sie immer noch als etwas besonderes, als etwas, das nicht „normal“ ist. Unter einer Patchwork- oder Stieffamilie versteht man eine Familie, bei der entweder der mütterliche Part oder der väterliche Part durch eine andere Person ersetzt wird. Mittlerweile leben zwischen sieben und 13 Prozent aller Kinder in Deutschland in einer solchen Familie. Regenbogenfamilien, also Familien  mit gleichgeschlechtlichen Eltern oder Alleinerziehende, sind ebenfalls keine Seltenheit mehr, was aber keinesfalls bedeuten soll, dass sie bei vielen in das gängige Familienbild passen, was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann. Da kann es schon mal vorkommen, dass man erklären muss warum man jetzt plötzlich zwei Papas zum Sommerfest der Schule mitbringt.

Stiefmonster?

„Du bist nicht meine Mama!!“ Die meisten unter uns werden mit dem Wort „Stief-“ etwas unfreundliches, negatives in Verbindung bringen. Das hängt zum einen sicherlich mit dem durch z.B. Filme oder Bücher verbreiteten Ruf der oben genannten Personengruppe zusammen. Wer denkt bei dem Begriff nicht zuerst an die böse Stiefmutter in Märchen wie Schneewittchen oder Cinderella. Zum anderen kommt der Begriff „Stief“ aus dem Germanischen und bedeutet so viel wie „beraubt“. Früher entstanden die sogenannten Stieffamilien nur durch den Tod eines Elternteils, das wegen der finanziellen und sozialen Not häufig schnell durch ein neues Familienmitglied ersetzt werden musste. Heute ist der Tod eines Elternteils eher selten der Grund, trotzdem ist die Assoziation mit etwas negativem immer noch vorhanden. Auch ich hatte zu Beginn meine Zweifel, ob meine neue Stiefmutter das Klischee erfüllt und Aschenputtels böser Stiefmutter Konkurrenz macht, allerdings hat sich gezeigt, dass es auch positive Seiten haben kann weibliche Verstärkung in einem Männerhaushalt zu haben.

Mama- oder Papawochenende?

„Sagmal Lena wo bist du dieses Wochenende eigentlich?“ Viele Scheidungskinder sollten das kennen. Immer zwischen Mama und Papa zu pendeln bringt häufig mehr Schwierigkeiten mit sich, als man vermuten würde. Wo verbringe ich meinen Geburtstag? Wo feiere ich Weihnachten? Alles Fragen, die sich „normale“ Kinder nicht stellen müssen. Ich selber würde meine Situation trotzdem noch als komfortabel bezeichnen, da ich zehn Minuten von Haustür zu Haustür brauche.

Bei anderen Kindern sieht die Sache schon etwas komplizierter aus. Wenn ein Elternteil umzieht, kann es schnell passieren, dass man nicht mal so eben zwischen Mama und Papa wechseln kann. Im Extremfall kann das bedeuten, dass aus zehn Minuten Strecke sechs Stunden Fahrt werden und man seinen Vater oder seine Mutter nur noch alle vier Wochen oder sogar noch seltener sieht. Ein „normaler“ Familienalltag ist da selten möglich.

Egal wie weit entfernt beide Elternteile wohnen, nach einer Zeit gewöhnt man sich an den neuen Alltag und die neue Familie, die sowohl Vorteile als auch Nachteile mit sich bringt. Zweimal Weihnachten und Geburtstag feiern klingt zunächst toll, zu entscheiden wo man die meiste Zeit leben will, eher nicht so prickelnd. Oftmals wird den Kindern diese Entscheidung von den Eltern abgenommen, da entweder ein Elternteil Vollzeit arbeitet und deshalb nicht die nötige Zeit hat oder aber wegzieht, was zur Folge hätte das gewohnte Umfeld und seine Freunde verlassen zu müssen. Egal wie diese Entscheidung ausfällt oder wer sie trifft, anfangs ist die Situation schwer und alles andere als „normal“, ganz gleich wie weit Mama und Papa entfernt wohnen oder wie oft man sie sieht.

Ich kann aber sagen, dass es für mich nach neun Jahren völlig normal ist zwei Zimmer, vier Omas und drei Stiefgeschwister, mit denen ich nebenbei gesagt absolut nichts negatives verbinde, zu haben. Natürlich ist es einfacher mit Mama und Papa unter einem Dach zu leben, aber einfach heißt nicht immer gut.

Geschwisterliebe oder Muttergefühle?

„Sagen Sie, wie alt ist die Kleine denn?“ Ein junges Mädchen mit Kinderwagen steht an der Ampel. Da stellt sich vielen zurecht die Frage: Ist es die Mutter, die Schwester oder doch die Babysitterin? Natürlich könnte man einfach fragen, doch wozu die Mühe wenn die Antwort für die meisten sowieso schon feststeht. Man könnte meinen, dass der meist große Altersunterschied der Kinder ein riesengroßer Nachteil von Patchwork Familien ist, weil es zu Verwechslungen wie diesen und damit verbundenen Missverständnissen kommen kann. Außerdem ist es eine Kunst, den Lebensstil einer 18-Jährigen mit dem eines acht Monate alten Babys zu vereinbaren. Natürlich wäre es angenehmer auszuschlafen anstatt Samstags von einer kreischenden und springenden Zweijährigen geweckt zu werden. Doch genauso wie an die neue Wohnsituation gewöhnt man sich auch an neue Geschwister und es lässt sich auch hier wieder darüber streiten, ob es „normal“ ist, wenn die eigenen Eltern noch einmal Kinder bekommen, während andere in ihrem Alter schon Großeltern werden. In meinem Fall würde ich das aber keinesfalls als Nachteil bezeichnen. So oder so, manche werden mit 18 Mutter, andere Schwester und diese Situation wird mit der Zeit Normalität, sodass man selbst den kreischenden Wecker samstags nicht mehr missen möchte.

Auf die Frage nach meinen Geschwistern antworte ich immer mit sieben. Meistens folgt darauf ein geschocktes Gesicht und die Frage, wie es ist, mit sieben Geschwistern unter einem Dach zu leben. Zugegeben, wir sind gut zwischen Mama und Papa aufgeteilt und deshalb nie mehr als fünf Kinder auf einem Haufen. Trotzdem ist es schon witzig dass jeder immer fragt, wie das funktioniert, weil ich auf diese Frage ehrlich gesagt keine Antwort habe. Für mich ist es einfach Familie, meine, schrecklich „normale“ Familie.

Anna Lena Eberl

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