„Niemand darf wegen […] seiner […] Herkunft […] benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (Art. 3 Abs. 3 Grundgesetz)
Diese Worte sind ein wichtiger Teil unseres Grundgesetzes Auf den ersten Blick würde keiner anzweifeln, dass dieses Gesetz in Deutschland, einem der reichsten und fortschrittlichsten Ländern der Welt, erfüllt wird. Doch wie sieht es wirklich aus an deutschen Schulen? Können sie gewährleisten, dass jedes Kind die gleichen Chancen mit auf seinen Lebensweg bekommt?

Fast jedem von uns ist dieser Gleichheitsgrundsatz bekannt. Er umfasst nicht nur das Geschlecht oder die Abstammung einer Person, sondern erstreckt sich mit dem Wort „Herkunft“ auch auf die soziale Herkunft eines Menschen. Es soll gewährleistet werden, dass keine positive oder negative Unterscheidung aufgrund des persönlichen Hintergrunds getroffen wird. Doch während der Recherche für diesen Artikel gerate ich immer mehr ins Zweifeln, ob dies auch die Realität der deutschen Gesellschaft wiederspiegelt.

Der eigene Blick auf die Dinge
Als ich anfing, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, fiel mir auf, dass ich absolut nichts an persönlicher Erfahrung dazu einbringen kann.
Meine Eltern sind beide (Fach-) Akademiker, aufgewachsen bin ich in einem idyllischen Haus auf dem Land, Urlaube am Meer sowie Ausflüge ins Museum etc. gehörten für mich dazu, genauso wie Klavierstunden, Reitunterricht und bei Bedarf auch Nachhilfestunden…
Kurz gesagt: Eine Bilderbuchkindheit, mir hat es an nichts gefehlt. Das Kinder bildungsfernerer Schichten mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hatten, als dem Lampenfieber vor einem bevorstehenden Klaviervorspiel kam mir damals auch einfach nicht in den Sinn – ich besuchte ab der 5. Klasse ein privates katholisches Mädchengymnasium. Mit der „anderen Schicht“ kam ich so gut wie nie in Berührung, der Anteil an Migrantenkindern oder Kindern, deren Eltern auf Hartz IV angewiesen sind, belief sich auf fast Null Prozent.
Wahrscheinlich hätte ich auch munter weiter in dieser Wohlstands-Blase gelebt, wäre ich den vorgezeichneten Weg weitergegangen: Ein Jahr im Ausland in einer sozialen Organisation arbeiten, um „sich selbst zu finden“ und nebenbei durch die ehrenamtliche Tätigkeit das Gewissen erleichtern. Ehrenamtlich wäre natürlich kein Problem gewesen, denn wie hieß es so schön an meiner Schule: Papa zahlt.
Danach ein Studium in München, schickes WG-Zimmer (von den Eltern finanziert) und natürlich nur umgeben von ähnlich gut situierten Menschen.

Erste Berührungspunkte
Doch stattdessen entschied ich mich für eine Ausbildung, womit ich mich als absoluter Einzelfall in meiner Abschlussklasse wiederfand. Ich wollte finanziell unabhängig sein, daher liegt meine Wohnung in einem Viertel, das man gemeinhin auch als „Ghettoviertel“ bezeichnen könnte. Ich hatte und habe keinerlei Probleme dort, doch als ich das erste Mal in der Straßenbahn saß und mir auffiel, dass keine Familie um mich herum mit Ihren Kindern Deutsch spricht, begann ich über das Thema „Chancengleichheit“ nachzudenken. Wie viel schwerer werden sich diese Kinder wohl auf ihrem zukünftigen Lebensweg tun?

Die aktuelle Situation in Deutschland
Doch was kann das Bildungssystem konkret tun, um dieser Ungleichheit entgegenzuwirken?
Wenn man sich einige Statistiken zu dem Thema ansieht, wird einem schnell klar: Die Politik tut entschieden zu wenig. Ein Beispiel ist der sogenannte „Bildungstrichter“: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren 77, von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker Familien schaffen es nur 23 auf eine Hochschule.
In einer Studie wurde herausgefunden, dass Migrantenkinder oder Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten sich weitaus schwerer tun, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen als Kinder aus höheren Schichten. Somit bekommen Kinder aus gut situierten Elternhäusern im Schnitt 2,63 mal eher eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus niedrigeren Schichten. Dies wird noch durch das Phänomen verstärkt, dass Akademiker-Eltern oft regelrecht davon besessen sind, ihr Kind aufs Gymnasium zu schicken, wohingegen sich Eltern aus der Arbeiter-Schicht meistens an die Empfehlung des Lehrers halten.
Besucht ein Kind dann die fünfte Klasse einer sogenannten „Brennpunktschule“, ist sein Schicksal – so traurig es sich auch anhören mag – oftmals schon besiegelt.
Deutschland ist in Sachen Schulen ein Zweiklassenland, denn vor allem in Großstädten tritt das Phänomen der Ghettoisierung in den letzten Jahren immer häufiger auf. Die verschiedenen Schichten mischen sich nicht mehr, Kinder mit Migrationshintergrund bleiben oft unter sich.
Die materielle Armut der Schüler, die solche Problemschulen besuchen, geht meistens Hand in Hand mit kultureller Armut.
Die Lehrer und Pädagogen haben mit vielerlei Problemen zu kämpfen, angefangen von Gewalt und Aggressivität, über absolute Lernverweigerung, bis hin zu ernsthaften psychischen Problemen der Kinder.
Da stellt sich einem doch die offensichtliche Frage: Warum wurde so viele Jahre seitens der Politik nichts unternommen?
Je näher ich mich mit dem Thema beschäftige, desto mehr beschleicht mich das Gefühl, die Eliten dieses Landes sehen in diesen Kindern nicht mehr als eine Gruppe von Bildungsverlierern. Sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Strukturen ihres Elternhauses gefangen bleiben, weder Steuern zahlen noch wählen gehen – Warum dann also in sie investieren?

 

Versagen seitens der Politik
Als ich mich während der Recherche zu meinem Artikel mit einer Bekannten unterhielt, die bald ihr Lehramtsstudium abschließen wird, sagt sie mir ganz klar, worin ihrer Meinung nach das Kernproblem besteht: Die mangelnde soziale und finanzielle Anerkennung von Grund- und Mittelschullehrern. Diese verdienen ein Drittel weniger als Ihre Kollegen an den Realschulen oder Gymnasien, obwohl sie weitaus mehr pädagogische Arbeit leisten müssen. Und das alles, nur um dann mit einem bemitleidenswerten Blick angeschaut zu werden – Oh der Arme, hat es nur bis zum Mittelschullehrer geschafft und muss sich nun mit Flüchtlingsklassen herumschlagen?
Verständlich, dass viele, wenn es nur irgendwie geht, versuchen an eine Realschule oder einem Gymnasium Fuß zu fassen. Aus rein karrieretechnischer Sicht ist dies natürlich sinnvoll.
Doch wer kümmert sich dann um die abgehängten Kinder und Jugendlichen unseres Landes?
Oft werden an den Grund- und Mittelschulen Quereinsteiger eingestellt. Das können entweder Gymnasiallehrer sein, die mangels guter Noten im Studium es nicht an ein Gymnasium geschafft haben. Frei nach dem Motto: Hauptsache verbeamtet, auch mit einem Examen von 3,0. Wie motiviert diese Lehrer dann an Ihre Aufgabe herangehen werden, kann man sich nun selbst denken.
Oder sie kommen aus einem völlig anderen Bereich, und werden, ausgestattet mit einem Minimum an pädagogischer Ausbildung, auf eine Klasse mit 30 Kindern losgelassen, von denen 12 einen speziellen Förderbedarf benötigen.
Langsam festigt sich in mir das Bild, das die Politik von dieser Schicht haben muss: Sie ist es schlicht und ergreifend nicht wert, Kapital in sie zu stecken. Sie ist es gewohnt, dass niemand an sie glaubt. Warum dann an sich selbst glauben?
Eine Abwärtsspirale, die darin endet, dass viele sich einfach selbst aufgeben.
Wie war das noch einmal mit dem von der Politik ach so beklagten Fachkräftemangel?

Gibt es Lösungen?
Der wichtigste Punkt wäre aus meiner Sicht: Kleinere Klassen, mehr Pädagogen, mehr Dolmetscher. Eine Klasse von 20 Kindern bräuchte zwei Lehrer und mindestens einen Sonderpädagogen, der die Stunden mitbetreut.
Denn oft sind die Lehrer einfach zu sehr damit beschäftigt, die Kinder auf Ihren Plätzen zu halten und Keilereien unter den Schülern zu schlichten. Unterricht steht dann hinten an.
Doch dann kommt das allseits beliebte Argument: Und wer soll das alles zahlen?
Es wäre doch eine gute Idee, das Kindergeld einkommensabhängig zu verteilen: Warum bekommt eine Familie mit einem Einkommen von 100.000 Euro im Jahr genauso viel Kindergeld wie eine Familie mit einem Einkommen von 30.000 Euro im Jahr?
Es gäbe sicherlich viele Möglichkeiten, mehr Geld in Bildung zu investieren, doch leider geschieht das im Moment noch nicht.
Daher ist es meines Erachtens zuerst oberste Priorität, das Bewusstsein der Gesellschaft für die Thematik Chancengleichheit zu stärken. Denn auch wenn es viele Menschen im Moment nicht betrifft, irgendwann wird das Auseinanderdriften der Gesellschaft auch für die höheren Schichten zum Problem werden.
Und nur dann, wenn wirklich jeder, egal ob arm oder reich, mit oder ohne Migrationshintergrund, männlich oder weiblich, die gleichen Chancen auf optimale Förderung durch unser Bildungssystem erhält, ist der Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes in unserem Land vollends erfüllt.
Doch bis dahin wird es sicher noch ein weiter Weg.

Ellen Köhler

Quellen:

https://www.zeit.de/2018/10/schule-brennpunkt-lehrer-paedagogik-migrationshintergrund

https://de.wikipedia.org/wiki/Chancengleichheit

https://www.zeit.de/2017/42/arbeiterkinder-chancengleichheit-universitaet-minderheit

https://www.huffingtonpost.de/entry/brennpunktschulen-politik-scheitert-klassenkampf_de_5a5ce2e8e4b03c418968027f

https://www.studentenwerke.de/de/content/mehr-chancengleichhei

https://www.focus.de/digital/internet/oft-habe-ich-traenen-in-den-augen-lehrerin-einer-brennpunktschule-schreibt-brief_id_7261422.html

https://www.google.com/search?q=education+zitat&rlz=1C2VFKB_enDE757DE757&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwiXj4_B7IzbAhVmC8AKHbKtCywQ_AUoAXoECAEQAw&biw=1920&bih=974#imgrc=_fDWta_QfkD71M:

Categories: Allgemein, Bildung, Kultur, Politik

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