Er arbeitete bis zur Erschöpfung, musste hungern, ihm wurde jeglicher Kontakt zu seiner Familie verboten und am Ende versagten, aufgrund des Stresses, sogar seine Nieren: im Dezember 2009 reichte der damals 25-jährige Han Geng deshalb gegen sein Plattenlabel SM Entertainment Klage ein und schockierte mit seinen Erlebnissen die Fangemeinde. Doch was steckt hinter dieser tragischen Geschichte?

Als größte Boyband der Welt rief SM Entertainment im Februar 2005 die damals 12-köpfige Band „Super Junior“ ins Leben – Hang Geng war eines der Gründungsmitglieder. In den folgenden fünf Jahren eroberten sie die Herzen Asiens, bis Han Geng das Plattenlabel plötzlich vor Gericht zerrte und die bis dahin tickende Zeitbombe zum Explodieren brachte.

„I received a payment of 4000 yuan (~540€) my first year. I gathered money like it was life or death […].”, so der gebürtige Chinese. Später erzählt er „I felt really stifled, and just shut myself to the whole world. […] [I thought], ‚what if I committed suicide?‘”. Wie sich herausstellte fiel Han Geng den sogenannten „Sklaven-Verträgen“ zum Opfer, mit welchen viele junge Musiker zu jener Zeit in Südkorea zu kämpfen hatten.

Jedoch wurde SM Entertainment bereits wenige Monate zuvor mit ähnliche Anschuldigungen an den Pranger gestellt: im Juli 2009 reichten drei der fünf Mitglieder der dort ebenfalls unter Vertrag stehenden Band TVXQ eine Beschwerde gegen ihr Plattenlabel beim Landesgericht in Seoul ein. Grund hierfür waren die kontroversen Vertragsbedingungen, mit welchen sie jahrelang leben mussten. So bekamen sie lediglich 0,4%-1% der Gewinne durch CD Verkäufe, mit einem maximalen Anteil von 10 Millionen Won (~8.100€) und wurden für 13 Jahre an das Plattenlabel gebunden ohne die Möglichkeit auf einen Rücktritt. In dieser Zeit waren sie einem stets stressigen Zeitplan ausgesetzt, mit Auftritten und Terminen, welche sie nicht einmal ablehnen konnten und durften.

Sowohl Han Geng als auch die drei ehemaligen TVXQ Mitglieder bekamen während der rechtlichen Streitigkeiten große Unterstützung von seitens ihrer Fangemeinden und konnten anschließend erfolgreich ohne SM Entertainment durchstarten.

Aufgrund der nachfolgenden medialen Aufmerksamkeit hat sich die Situation für junge Musiker in Südkorea in den letzten Jahren bereits gebessert. Anders sieht die Situation jedoch für ihre weiblichen japanischen Kolleginnen aus.

Der Traum vom Berühmt sein?

Im Februar 2013 kursierten Bilder von einem Mädchen mit kahlgeschorenem Kopf um die Welt, welche sich tränenüberströmt bei der Öffentlichkeit für ihr „rücksichtsloses Verhalten“ entschuldigte. Bei dem Mädchen handelte es sich um die damals 20-jährige Minami Minegishi, Mitglied der japanischen Idol-Gruppe „AKB48“. Ein paar Tage zuvor wurde sie dabei beobachtet, wie sie an jenem Morgen das Haus eines anderen koreanischen Sängers verließ.

Was für den einen Normalität ist, wurde für Minegishi schnell zum Albtraum: ihr Management entfernte sie aus der Stammbesetzung und veröffentlichte ihr Video mit der Entschuldigung auf dem offiziellen YouTube-Channel der Band. Zuvor rasierte sie sich jedoch die Haare ab, was in Japan als Zeichen für Reue gilt. Der Grund: sie verstieß mit ihrem Verhalten gegen vertragliche Bedingungen, die es den sogenannten Idolen untersagen in der Öffentlichkeit jegliche Art von Beziehung einzugehen.

In einem Gespräch mit der amerikanischen Seite Cracked.com erklärte Ricky Wilson, Manager der Idol-Gruppe Necronomidol, dies wie folgt: „Everyone knows idols are human beings and have human relationships. But as long as that fact is under wraps, everyone can operate […] and keep the fantasy alive — the fantasy that they have a chance with the girl. But if there are undeniable facts out there showing that the idol IS in a relationship, then [it] doesn’t work anymore.” In der westlichen Welt sorgte dieses Erlebnis für Entsetzen, nicht zuletzt weil es gegen die Menschenrechte verstößt. Ein Einzelfall war und ist Minegishi jedoch trotzdem nicht – alle Idol-Gruppen sind an eine solche Bedingung gebunden.

Die Frage danach, weshalb sich junge und talentierte Menschen an solche Verträge binden lassen und nicht dagegen vorgehen, ist einfach zu beantworten: Loyalität!

Andere Länder, andere Sitten

Es ist kein Geheimnis, dass Loyalität in Japan als hohes Gut gehandelt wird: bereits im 17. Jahrhundert lebten die Samurai nach dem „Weg des Kriegers“ – einem Ehrenkodex der es den Männern verbot nicht einmal im Angesicht des Todes vor einer Schlacht zu fliehen und damit ihren Herren zu hintergehen. Tat er es doch, galt er als Verräter. Dieses Verhalten zieht sich als einer der Eckpfeiler ihrer Kultur bis heute in das moderne Japan und erklärt, weshalb Minegishi trotz der Demütigung nicht dagegen vorging sondern vielmehr die folgenden Monate nutzte ihr „Fehlverhalten“ bei ihrem Plattenlabel wieder gut zu machen.

Auch in Südkorea steht für einen Musiker die Loyalität gegenüber seinem Plattenlabel an erster Stelle. Anders als in der westlichen Welt sind Plattenlabel dort nicht nur eine Gelegenheit, sondern viel mehr eine Marke und stehen für Zugehörigkeit und familiäre Bindung. Dies rührt nicht von irgendwo: die Ausbildung und der Lebensunterhalt ihrer Schützlinge kostet die Plattenlabel jährlich mehrere 100.000€. Im Gegenzug erwarten sie hierfür unangefochtene Loyalität und diese bekommen sie – die Treue zu ihrem Plattenlabel steht über dem eigenen Glück.

Gleiches Szenario, anderes Ende

Anders sieht es in Deutschland aus: Im Jahr 2003 wurde die Beziehung von Marc Terenzi, Mitglied der amerikanischen Band „Natural“ und der deutschen Sängerin Sarah Connor öffentlich bekannt. Der Manager der Band, Lou Pearlman, verbot den Bandmitgliedern zuvor, in der Öffentlichkeit eine feste Freundin zu haben und forderte Terenzi deshalb auf, Natural zu verlassen. Daraufhin zerbrach die Band, da der Aufforderung nicht nur er nachkam.

Woran liegt dieses gegensätzliche Verhalten also? Sind es etwa lediglich kulturelle Unterschiede oder werden junge und aufstrebende Künstler systematisch von ihren Plattenlabeln ausgenommen?

Auch die vertraglichen Bedingungen sind für westliche Musiker anders geregelt: in Deutschland beispielsweise erhalten Künstler in der Regel zwischen 4-10% der Einnahmen, laut Rechtsanwalt Philipp Beck liegt der Anteil bei Bands mit einem Übernahmevertrag oftmals sogar jenseits der 20%. Gebunden sind die angehenden Musiker zunächst je nach Plattenlabel für wenige Monate bis zu 3 Jahre, selten werden sofort 5 Jahre angesetzt.

Während sich also das Verhalten der asiatischen Künstler durch die Eckpfeiler ihrer Kultur erklären lässt, so spielt bei den Plattenlabeln mit Sicherheit Egoismus und Gier eine große Rolle. Hier werden der Erfolg und die Unerfahrenheit der jungen Menschen schamlos zum eigenen Vorteil genutzt – die Last jedoch, die dürfen ihre Schützlinge auf dem Rücken tragen. Oder wie der römische Philosoph und Dichter Lukrez einst schrieb: „Was des einen Nahrung ist, ist des anderen bitteres Gift.“

Manuela Kagel

Quellen:

  1. vgl. Unbekannter Autor: Whiteness in KPop and the problem of “Chad Future”. Online unter http://shit-kpopfans-say.tumblr.com/post/96035683304/whiteness-in-kpop-and-the-problem-of-chad [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 19:53 Uhr]
  2. vgl. Jesse Lent: Han Geng Admits Career Woes Caused Him To Have Suicidal Thoughts While He Was In Super Junior. Online unter http://www.kpopstarz.com/articles/43604/20131002/han-geng-super-junior-hankyung.htm [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 19:59 Uhr]
  3. vgl. Pakman: Then and Now: Hangeng vs. Kris. Online unter http://www.allkpop.com/article/2014/08/op-ed-then-and-now-hangeng-vs-kris [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:00 Uhr]
  4. vgl. alim17: Hangeng reveals his reasons for leaving Super Junior. Online unter http://www.allkpop.com/article/2013/09/hangeng-left-super-junior-because-of [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:02 Uhr]
  5. vgl. Jesse Lent: Han Geng Admits Career Woes Caused Him To Have Suicidal Thoughts While He Was In Super Junior. Online unter http://www.kpopstarz.com/articles/43604/20131002/han-geng-super-junior-hankyung.htm [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 19:59 Uhr]
  6. vgl. Pakman: Then and Now: Hangeng vs. Kris. Online unter http://www.allkpop.com/article/2014/08/op-ed-then-and-now-hangeng-vs-kris [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:00 Uhr]
  7. vgl. Unbekannter Autor: Is TVXQ Headed for Breakup? Online unter https://web.archive.org/web/20100105210213/http:/world.kbs.co.kr/english/entertainment/enter_chart_detail.htm?No=10167 [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:05 Uhr]
  8. vgl. Sarah: TVXQ Timeline. Online unter: https://tvxqlawsuit.wordpress.com/tvxq-timeline/ [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:07 Uhr]
  9. vgl. Pakman: Then and Now: Hangeng vs. Kris. Online unter http://www.allkpop.com/article/2014/08/op-ed-then-and-now-hangeng-vs-kris [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:00 Uhr]
  10. vgl. Sarah: TVXQ Timeline. Online unter: https://tvxqlawsuit.wordpress.com/tvxq-timeline/ [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:07 Uhr]
  11. vgl. Cezary Jan Strusiewicz: 6 Insane Realities Of Life As A Japanese Pop Star. Online unter http://www.cracked.com/personal-experiences-1946-6-insane-realities-life-as-japanese-pop-star.html [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:13 Uhr]
  12. vgl. Ian Martin: AKB48 member’s ‘penance’ shows flaws in idol culture. Online unter http://www.japantimes.co.jp/culture/2013/02/01/music/akb48-members-penance-shows-flaws-in-idol-culture/#.WNApEKLfiHv [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:16 Uhr]
  13. vgl. Hifumi Okunuki: AKB48: Unionize and take back your lost love lives. Online unter http://www.japantimes.co.jp/community/2013/01/22/how-tos/akb48-unionize-and-take-back-your-lost-love-lives/#.WNApF6LfiHt [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:17 Uhr]
  14. vgl. Cezary Jan Strusiewicz: 6 Insane Realities Of Life As A Japanese Pop Star. Online unter http://www.cracked.com/personal-experiences-1946-6-insane-realities-life-as-japanese-pop-star.html [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:13 Uhr]
  15. vgl. Unbekannter Autor: Der Weg des Kriegers. Online unter http://www.welt-der-samurai.de/bushido.html [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:19 Uhr]
  16. vgl. Christine Choi: What are some major differences between the K-pop industry and the American pop industry? Online unter https://www.quora.com/What-are-some-major-differences-between-the-K-pop-industry-and-the-American-pop-industry [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:22 Uhr]
  17. vgl. Lucy Williamson: The dark side of South Korean pop music. Online unter http://www.bbc.com/news/world-asia-pacific-13760064 [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:29 Uhr]
  18. vgl. Unbekannter Autor: Sarah Connor und Marc Terenzi – So unterschiedlich sind ihre Leben. Online unter http://www.focus.de/kultur/vermischtes/sarah-connor-und-marc-terenzi-so-unterschiedlich-sind-ihre-leben_id_6513651.html [Letzter Zugriff: 20.03.2017, 20:32 Uhr]
  19. vgl. Carlos San Segundo: Musikbusiness: Was Musiker so an einer CD verdienen. Online unter http://www.delamar.de/musikbusiness/musikbiz-was-musiker-so-an-einer-cd-verdienen-1926/ [Letzter Zugriff: 21.03.2017, 19:13 Uhr]
  20. vgl. Philipp Beck: Bandübernahmevertrag. Online unter https://www.beck-law.eu/lexikon/banduebernahmevertrag/ [Letzter Zugriff: 21.03.2017, 19:14 Uhr]
  21. vgl. Künstlerexklusivvertrag. Online unter www.vut.de/fileadmin/user_upload/intern/images/KnowHow/Recht/M_Wissen_Recht_doc_K%C3%9CNSTLEREXKLUSIVERTRAG_VUT_2016__Muster_mit_Kommentaren__deutsch.docx [Letzter Zugriff: 21.03.2017, 19:20 Uhr]
  22. vgl. Philipp Beck: Bandübernahmevertrag. Online unter https://www.beck-law.eu/lexikon/banduebernahmevertrag/ [Letzter Zugriff: 21.03.2017, 19:14 Uhr]
  23. vgl. Sarah Janar: Criminal Minds Zitate – Staffel 1. Online unter https://www.wattpad.com/80707034-criminal-minds-zitate-staffel-1/page/2 [Letzter Zugriff: 21.03.2017, 19:23 Uhr]

 

Abbildungen:

Abb. 1: Arina Prinsiska: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hangeng.JPG?uselang=de [Letzter Zugriff: 21.03.2017, 21:44 Uhr]

Abb. 2: The Young Turks: J-pop Idol’s Teary Apology for Dating. Online unter https://www.youtube.com/watch?v=oP_g3LYUQOw [Letzter Zugriff: 02.04.2017, 12:09 Uhr]

Categories: Allgemein, Musik

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