„Kosovo? Ist da nicht immer noch Krieg?“ oder „Kosovaren sind doch alle kriminell!“, sowas bekomme ich jedes Mal zu hören, wenn ich Bekannten erzähle, dass mein Freund Kosovare ist. Wenn sie dann noch hören, dass ich sogar schon mit ihm in seiner Heimat war, kommt dann meistens noch sowas dazu wie: „Hast du keine Angst, von Menschenhändlern verschleppt zu werden?!“
Woher die Leute so ein schlechtes Bild vom Kosovo haben ist mir klar. Die Medien zeigen immer wieder gerne Bilder von zerbombten Dörfern, hungernden Kindern, Landminenopfern und bewaffneten Menschenhändler-Banden. Als dann Anfang des Jahres eine große Welle von kosovarischen Flüchtlingen für Aufsehen sorgte, war das mal wieder die perfekte Gelegenheit, aus den Archiven ein paar besonders grausige Bilder auszugraben.
Diese einseitige Berichterstattung regt mich schon lange auf. Man kann es nicht schön reden, der Kosovo ist ein Land mit Problemen und zwar nicht gerade wenigen. Wer darüber lesen möchte, muss nur „Kosovo“ bei Google eingeben.
Aber es ist auch ein Land mit einem unglaublich reichen kulturellen Erbe, Landschaften wie aus dem Bilderbuch und vor allem aufgeschlossenen und herzlichen Menschen. Als ich mit meinem Freund dort war, habe ich diese schöne Seite des Kosovo kennen und schätzen gelernt und deshalb beschlossen, meine Erfahrungen zu einer Art „Gegendarstellung“ zu verarbeiten, die genauso einseitig ist wie die Medienberichte, nur eben positiv.

Zuerst muss mal klargestellt werden, dass im Kosovo nichts mehr vom Krieg zu spüren ist. Die Infrastruktur ist fast vollständig wieder aufgebaut. Sie entspricht zwar nicht gerade deutschen Standards, ist aber eben auch nicht vorsteinzeitlich. Es gibt überall Strom, fließendes Wasser, Telefon und sogar Internet. In großen Städten wie der Hauptstadt Prishtina findet man Museen, Universitäten, viele kleine Cafés und ganz viele Möglichkeiten zum Shoppen. Man könnte also tatsächlich von zivilisationsartigen Zuständen sprechen.
Außerdem ist das Land gründlich entmint worden. Landminen gibt es höchstens noch in den abgelegensten Bergregionen.
Soldaten oder bewaffnete Mafiosi habe ich keine gesehen, dafür aber an jeder Straßenecke Polizisten. Die waren überraschend freundlich und gerne bereit, Fragen nach dem Weg oder dem besten Restaurant in der Gegend zu beantworten.
Generell ist die Sicherheitslage sehr gut, zumindest habe ich als „Touristin“ das so wahrgenommen. Auch das Auswärtige Amt (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/Nodes/KosovoSicherheit_node.html) schreibt mit Ausnahme der Gebiete an der serbischen Grenze, sei die Lage grundsätzlich ruhig und stabil.  Es ist bestimmt nicht unsicherer als in deutschen Großstädten wie Berlin oder Frankfurt.

Ein Highlight im Kosovo war für mich das leckere Essen.
Die kosovarische Küche ist eine bunte  Mischung aus mediterranen, türkisch/orientalischen und Balkan-Einflüssen. Es wird viel Gemüse und Salat gegessen, aber auch gerne stark gewürzte Fleischgerichte und Pasteten. Spezialitäten wie Bürek, Pide oder Bakllava kennen viele vielleicht auch vom Dönerladen um die Ecke. Aber frisch gekocht nach Hausrezept schmeckt es definitiv besser als bei besagtem Dönerladen.  Und zu jedem – wirklich JEDEM – Essen gibt es Weißbrot und Joghurt.
Dazu sind die Preise einfach unschlagbar! Selbst in den besten Restaurants der Stadt können zwei Leute für 20 Euro gut essen.

Abendessen
Typisches albanisches Abendessen für die ganze Familie

Ebenso günstig sind die Eintrittspreise für die vielen Museen in Pristina, nämlich umsonst. Dafür kann man zum Beispiel im Kosovo-Museum viele Ausstellungsstücke zur Geschichte des Landes sehen. Die Führer hat man dann ganz für sich allein, denn die Kosovaren selbst gehen nicht so gerne in Museen. Dementsprechend begeistert waren dann auch die Ausstellungsleiter, als ich mich für ihr Museum interessiert habe. Sie haben darauf bestanden mich mit „backstage“ in ihre archäologische Werkstatt zu nehmen und mich hinterher mit Katalogen und Infomaterial überschüttet.
Ein Stück außerhalb der Stadt liegen die Ruinen der antiken römischen Stadt Ulpiana. Hobby-Archäologen – wie ich – können dort auf fast 2000 Jahren alten Gängen laufen und selbst ein bisschen nach interessanten Fundstücken buddeln. Zumindest hat mich niemand davon abgehalten, wir waren die einzigen Besucher weit und breit.
Touristisch am meisten zu bieten hat für mich die kleine Stadt Prizren. Hier spürt man noch einen starken osmanischen Einfluss. Die alte Steinbrücke, wunderschöne Moscheen und uralte Steinhäuser verleihen Prizren ein fast schon orientalisches Flair. Einen tollen Ausblick darauf hat man von Festung aus, die auf einem Hügel über Stadt thront.
Auch für Naturfreunde hat der Kosovo einiges zu bieten. Meer und Strand gibt es zwar nicht, dafür aber unberührte, fast menschenleere Landschaften. Besonders schön sind die albanischen Alpen im Süden des Landes. Im Sommer kann man dort auf dem Fernwanderweg „Peaks of the Balkan“ durch pittoreske Landschaften bis nach Montenegro und Albanien wandern und im Winter auf fast leeren Pisten Ski fahren. Nicht das ich das getan hätte. Wandern und Skifahren gehört beides nicht zu meinen Stärken.

Prizren
Aussicht auf Prizren vom Festungshügel aus

Am beeindruckendsten sind die Menschen im Kosovo. Obwohl die meisten am Existenzminimum leben, strahlen sie noch mehr Lebensfreude als Robert Geiss. Alle Menschen, die ich kennengelernt habe, waren sehr aufgeschlossen  und interessiert gegenüber Fremden. Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit gehören zu den Grundwerten der kosovarischen Kultur und werden auch dementsprechend praktiziert. Die Familie von meinem Freund hat mich zum Beispiel, obwohl sie mich ja gar nicht kannten, sofort wie ein Familienmitglied behandelt.
Als Großstadt-Kind war ich von ihrem abgelegenen (da führt nicht mal eine richtige Straße hin…) „Haus“, Marke Eigenbau, zugegebenermaßen erst mal leicht entsetzt, besonders da die Toilette außen angebaut ist und der Baustil eher an einen Stall erinnert. Aber mit ihrer Gastfreundschaft haben die Brüder, Schwägerinnen, Neffen und Nichten – ja, die wohnen alle in einem Haus mit 3 Zimmern – die, sagen wir mal „ungewohnte“ Unterbringung mehr als kompensiert. So guten „Service“ habe ich noch in keinem Hotel erlebt.
Auch in Pristina und den anderen Orten, die wir besucht haben, sind mir fast nur nette Menschen begegnet. Die meisten jüngeren Menschen sprechen sehr gut Englisch und viele ältere sogar Deutsch, weil sie schon in Deutschland gelebt haben oder Familie hier haben.
Und selbst wenn sie nur albanisch sprechen, haben sich alle immer Mühe gegeben, sich trotzdem mit mir zu verständigen und das obwohl mein albanischer Wortschatz sich auf „Hallo“ und Tschüss“ beschränkt. Das hat zwar nicht immer geklappt, aber zum Glück konnte mein Freund ja auch für mich übersetzen.
Die älteren Kosovaren halten oft noch an alten Traditionen fest, einige tragen sogar traditionelle Kleidung. Die Jüngeren sind dagegen sehr westlich eingestellt. Dieses Nebeneinander von kulturellem Erbe und moderner Lebensweise ist sehr spannend.
Die vielen Vorurteile über die Kosovo-Albaner (alles Kriminelle, laufen nur mit Messer in der Tasche rum, klauen, dealen, sind faul…) kann ich jedenfalls nicht bestätigen.

Ich könnte noch über viele weitere überraschend schöne Seiten des Kosovo schreiben, aber meine Gegendarstellung war ja nur als kleiner Denkanstoß gedacht. Wer gerne noch mehr erfahren möchte, der kann das unteranderem hier tun: Be in Kosovo (http://beinkosovo.com/) und auf der Website der Deutschen Botschaft Prishtina. (http://www.pristina.diplo.de/Vertretung/pristina/de/Startseite.html). Vielleicht muss ich ja dann die eingangs genannten Sprüche bald nicht mehr ganz so häufig hören.

Charleen Vogel

 

„Albanian cuisine on the Sofra“  (http://en.wikipedia.org/wiki/Albanian_cuisine#/media/File:Sof%C3%ABr_tropojane.jpg) von Ardit.Memia ist lizensiert unter CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode)

Categories: Allgemein, Kultur, Reisen

6 Responses so far.


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