Verlobungsring_by_Marc Boberach_pixelio.de

Ring: Marc Boberach, pixelio.de

Als junges Mädchen, damals 14 Jahre alt, besuchte ich zum ersten Mal meinen Freund, mit dem ich offiziell seit einigen Wochen zusammen war, zu Hause. Vorher wurde mir glaubhaft und mehrmals am Telefon versichert, dass er an diesem Tag definitiv sturmfrei hätte. Also Zeit für entspanntes Quat-schen und Film schauen. Kein Stress. Alles easy.
Natürlich hatte die Sache einen Haken und der folgte auch prompt auf mein Klingeln. Verdammt, ich hatte seine Mutter erst einmal gesehen. Ganz kurz. In der Schule, weil sie zur Sprechstunde wollte. Jetzt stand sie wieder vor mir. Yeah, super! Ich stand da in meinem viel zu großen, schwarzen „Night-wish“ Pullover und war natürlich ungeschminkt. Zu meinem damaligen Gesichtsausdruck sage ich jetzt lieber gar nichts. Glücklicherweise (wenn man das so nennen konnte), beendete sie dann das peinliche Schweigen:
„Hey, how are you? … Nice Pullover.“ Auffordernd streckte sie mir auch noch ihre Hand entgegen.
Mehr als ein angestrengtes: „Ja“, brachte ich erstmal nicht heraus. Auch brauchte ich einige Sekunden ehe ich ihre Begrüßung erwiderte. Dennoch blieb mir auch nicht verborgen, dass sie das „Nice Pullo-ver“ wohl eher ironisch gemeint hatte. Ich wusste ja, dass sie von dem Musikgeschmack meines Freundes „definetly not amused“ war, aber scheinbar passte ihr meiner wohl auch nicht.
Drinnen traf ich dann auf den Vater meines Freundes, der im Gegensatz zu seiner Frau wirklich ange-tan von meinem Pulli war. Schließlich kam auch endlich mal mein Freund die Treppe hinunter. Für diese Rettungsaktion hätte man sich wohl kaum mehr Zeit lassen können.
Als wir dann endlich alleine in seinem Zimmer waren, mit offener Tür, versteht sich, fragte ich dann doch ein bisschen vorwurfsvoll: „Ich dachte deine Eltern sind nicht da?!“ „Das dachte ich auch“, sagte er entschuldigend und musste sein Lachen unterdrücken.
Tja und so habe ich damals meine zukünftigen Schwiegereltern kennengelernt. Dass seine Mutter an-fangs dachte, ich würde nicht mal ein Wort Englisch können, geschweige denn verstehen, was sie sagt, ist wohl unnötig zu erwähnen. Für meinen heutigen Verlobten war die Situation sehr amüsant (für mich war sie oberpeinlich), allerdings ist Rache bekanntlich süß!

Er hatte also das Vergnügen meine deutschen Verwandten kennenzulernen, die alle ihre eigene Meinung zu unserer jetzt bevorstehenden Hochzeit haben:

Die ältere Generation besteht aus meinen Großeltern. Diese Menschen haben Kummer, Leid und Krieg wirklich erlebt und nicht nur im Geschichtsbuch davon gelesen. Und obwohl man diesen Leuten wirklich Respekt dafür zollen sollte, kommt man nicht drum herum sie für ihre veralteten Ansichtswei-sen zu kritisieren. Hier finden sich vor allem bei den Männern, insbesondere meinem Opa, ein ausge-prägter Pascha-Instinkt und auch noch Teile der Ideologie des dritten Reichs. Bei meiner Oma hinge-gen kann man schon froh sein, wenn sie überhaupt eine eigene Meinung hat und einen nicht mit Schokolade überfüttern möchte.
Die jüngere Generation sind meine die Eltern. Kaum zu glauben, aber wahr. Auch sie waren einmal jung. Nur leider haben sie das meiste aus dieser Zeit schon wieder vergessen oder tief in ihren Gehir-nen vergraben. Dies hat die üblichen Zitate wie „Überleg dir gut, was du tust!“ oder „Ich zahle nicht für diese Scheidung!“ zur Folge.
Die ganz junge Generation setzt sich dann aus den jungen Erwachsenen (inklusive meiner Cousinen Geschwister und mir), Teenagern und Kindern zusammen. Spontanität. Weltoffenheit. Gelassenheit. Mehr braucht man dazu eigentlich nicht sagen.

Fazit:Mein Opa gewöhnt sich nur langsam an den Gedanken, dass ich jetzt schon heiraten werde. Und dann auch noch jemanden mit afro-amerikanischem Hintergrund. Liegt aber vielleicht auch daran, dass er denkt meine Generation sei komplett verkorkst. Eine meiner Cousinen bekommt jetzt das zweite Kind, ohne Trauschein und mit einem Mann, der Zeugen Jehovas in seiner Familie hat. Eine andere bekennt sich öffentlich zu ihrer Bisexualität. Konträr dazu findet meine Oma wirklich alles toll, was ich mache, das war aber schon immer so.
Meine Eltern sehen das Ganze eher skeptisch und denken, wir würden in dem Alter noch gar nicht wissen, was richtig und was falsch sei. Komisch, dass wir beide bereits „steil auf die 30“ zugehen.
Meine Cousinen und Geschwister sehen das Ganze eher locker und entspannt. Sie pflegen ja auch selbst einen lockeren Lebensstil. Meine Schwester hat sich auch bereits, nach eigenen Angaben, ein Brautjungfernkleid ausgesucht. Ihr Zwillingsbruder schüttelt nur den Kopf und erklärt sie schon für komplett benebelt.

Lange konnte ich meinen Triumpf aber nicht genießen, denn mir stand ein Zusammentreffen mit der amerikanischen Verwandtschaft seinerseits bevor:

Der Naziverachter Onkel Harry war früher beim Militär und ist auch selbst sehr stolz darauf. Patrioti-scher geht es wirklich nicht mehr, auch nicht für Amerikaner. Achtung: Kriegsgeschichten inklusive! „Und ja überhaupt: Alle Deutschen sind doch Nazis oder?!“, zumindest laut Onkel Harry, aus Phoenix, in Arizona.
Meine überchristliche Schwiegermutter ist das aller-aller-aller-gläubigste Familienmitglied überhaupt. Kirchenbesuche sind ein Muss! Genauso wie heiraten vor dem Kinderkriegen und so weiter! Rauchen und trinken sind Sünden und entweihen den Körper! Und die Tür bleibt offen, wenn wir zu zweit in sei-nem Zimmer sind!
Patrioten sind alle Amerikaner und Personen mit amerikanischen Ursprungs jeder Altersklasse. Be-sonders auffällig: Unabhängig vom Wohnort wird die US-Präsidentschaftswahl verfolgt. Man fährt sogar extra zur amerikanischen Botschaft, um dort mit zu wählen. Ebenso besonders bekannt: Das Finale der amerikanischen Football-Session, genannt „Super Bowl“, wird sogar unabhängig von der Ortsuhrzeit verfolgt. Den Tag darauf wird sich freigenommen oder die Zähne zusammengebissen, egal wie viel und ob man überhaupt geschlafen hat.
Junge Amerikaner oder Halb-Amerikaner (inklusive meinem Verlobten, seiner Cousins und Cousinen und Geschwister) sind ungefähr so eingestellt wie ihre deutschen Alterskollegen. Wenig bis kein Rassismus, Friedensgedanken und Weltoffenheit prägen hier das Gedankengut.

Fazit:Onkel Harry hat definitiv nichts gegen die Hochzeit, aber er muss dann an einem Tisch platziert werden, der sich über Militärgeschichten und amerikanische Weisheiten freut.
Meine zukünftige Schwiegermutter freut sich so sehr, dass sogar ihr Mann (mein zukünftiger Schwiegervater) sie schon darauf hingewiesen hat, wieder etwas runter zu kommen: „Jetzt lass doch mal die armen Kinder in Ruhe!“
Der jüngere Bruder meines Verlobten geht das Thema sehr entspannt an. Überhaupt geht er immer alles sehr entspannt an. Seine ältere Schwester hatte folgende Worte für uns übrig: „Mein kleiner Bruder heiratet vor mir… auch nicht schlecht“.

Und das kann passieren wenn mein Verlobter und ich unsere Familien aufeinander loslassen:
Die Probleme der älteren Generationen gehen schon mit den Hautfarben los. Ist dann halt nur etwas problematisch, wenn ein Teil der amerikanischen Verwandtschaft afro-amerikanischen Ursprungs ist und der deutsche Teil sich etwas auf seine meerblauen Augen einbildet. Verschiedene Ideologien und Sichtweisen der Weltkriege kommen dann noch erschwerend hinzu.

Die Männer der jüngeren Generation kommen schon besser miteinander klar. Allerdings ist der ame-rikanische Volkssport nun mal American Football und hat so überhaupt gar nichts mit dem deutschen Fußball zu tun. Trotzdem wird ein gemeinsamer Besuch der Cartbahn nicht ausgeschlossen.
Bei dem weiblichen Teil ist das soweit ganz ähnlich, hier sind aber Themen wie Mode, Schmuck oder Haushalt beliebter. Außer man nehme das Worst-Case-Szenario: deutsche, selbstbewusste, rauchen-de Ehefrau trifft auf überchristliche, ebenfalls selbstüberzeugte, amerikanische Ehefrau.
Hier ein kleiner Dialog zur Situationserklärung:
Amerikanische Ehefrau: „Rauchen ist eine Sünde und entweiht den Körper!“
Deutsche Ehefrau: „Tut es eh nicht, ich rauche schon fast mein halbes Leben!“
Amerikanische Ehefrau: „That’s bullshit!“
Deutsche Ehefrau: „Das muss ich mir nicht sagen lassen!“

Die Betroffenen sind in diesem Fall wir und müssen hilflos zusehen wie sich dieser Teil unserer Fa-milien wortwörtlich auseinander nimmt.

Währenddessen lassen sich die ganz jungen Generationen davon nicht stören. Eine Partie „Mario Kart“, auf dem Nintendo ist ja auch viel interessanter. Immerhin ist das ja ein Familientreffen. Und man hat ja schließlich sonst nie so viele willige Personen, die mit einem spielen wollen.

Schlussendlich:
Da wir es irgendwie (mich wundert manchmal wirklich selbst wie) schaffen diesen Clash of Cultures überleben und er uns bis jetzt nicht auseinandergebracht hat, sehen wir einer crazy stupid future entgegen.

Bride-and-Groom_by_JMG_pixelio.de

Bride and Groom: JMG, pixelio.de

F.W.

Categories: Allgemein, Lifestyle

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