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‚‚Dann war es nicht die große Liebe‘, versucht deine Mutter dich am Telefon zu trösten, während sie, wie all die Jahre zuvor, den Abendbrot-Tisch deckt. Für dich jedoch fühlt es sich an als hätte dir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen und du vergisst alles. Raum, Zeit Datum, vielleicht ist es dir sogar egal, ob in deiner WG der Boiler zum hundertsten Mal diesen Winter ausgefallen ist und die Temperaturen arktisch sind. Dieser Moment, dieser eine kleine Moment in dem du den Satzanfang ‚Eigentlich sollte man sowas nicht per WhatsApp machen‘; liest und er sich wie dein Ende anfühlt. Also eigentlich. Vielleicht denkst du dir noch am gleichen Abend, dass deine Mutter Recht hat und alles weniger dramatisch ist. Natürlich ist das ein Ende. Aber nicht deins.

I'LL NEVER LET YOU GOLOVE ≠ PAIN

Jetzt stellen sich natürlich jedes Mal auf neue die gleichen Fragen: Wieso muss das mit der Liebe immer so verzwickt sein? Bin ich etwa selbst Schuld an dieser Katastrophe? Absolut berechtigte Gedanken. Ist es der Technologie zu Schulden zu führen? Sind all diese Apps vielleicht doch zu rasant, zu oberflächlich und schnelllebig? Tinder & Co. versetzen uns in einen pathetischen Zustand der inneren Unruhe. Hat das den Dampfer zum kentern gebracht? Die Tatsache, sich auf einen Menschen festzulegen, scheint unmöglich. Und trotzdem wollen wir doch am Ende des Tages nur das eine: Die große Liebe. Unglück ist es dann natürlich, wenn Dir dein Kartenhaus so unerwartet um die Ohren fliegt.
Dann durchlebt man einiges: Durchheulte Nächte (und Tage (oder beides)), cholerische Wutanfälle, Facebook-Stalkereien, ungesundes Essen (oder gar kein essen) und bestimmt eine Portion Selbstmitleid. Von peinlichen, gin-getränkten Instagram-Posts mal abgesehen. Am Schluss kommt man dann zur Erkenntnis, dass das wohl die große Liebe gewesen sein muss. Wieso, um Gottes Willen, sollte man sich sonst diesen Plagen aussetzen? Das oberste Mantra der Teenies hat nun auch uns ‚Mid-Twenties‘ erreicht: Liebe = Schmerz. Diese Seuche soll nun eine Generation erreicht haben, die sich sowieso nicht binden will? War die letzte Staffel Grey’s Anatomy doch eine zu viel? Oder zumindest der Song während den letzten Szenen, den man sowieso nicht schafft zu shazamen.

The Offspring umschreibt es im Song Self Esteem ganz treffend: the more you suffer, the more it shows you really care, right?’ Erscheint plausibel.

THE GOOD OUTWEIGHS THE BADDIE SPIELREGELN

Im Endeffekt ist die Liebe dann aber doch berechenbar: Entweder ist sie, mehr oder weniger, von Anfang an da. Dann festigt oder verliert sie sich. Zum späteren Zeitpunkt verschwindet sie ganz oder verwandelt sich in etwas neues, ungewöhnliches. Romane, Filme und Serien hämmern uns immer die Hirngespinste in den Kopf, dass die wahre Liebe nur die sein kann, die über Jahre, Jahrzehnte oder die Ewigkeit andauert. Hört sich sinnvoll an, ist aber doch völliger Unsinn. Können wir endlich aufhören, die Liebe in Zeit zu messen wie den nächsten Lauf durch den Park? Die große Liebe ist immer noch die, die sich im hier und jetzt eben wie die große Liebe anfühlt.

Das sind Worte die man aber gar nicht hören mag, wenn man frisch sitzen gelassen wurde. Alles ist einfach ungerecht. Die Liebe kann man sich nicht verdienen oder erarbeiten. Das wird nicht funktionieren. Schaden tut eine gewisse Portion Humor nicht, auch das Aussehen gehört dazu. So brutal es sich anhören mag: Dass du im Moment nicht geliebt wirst ist schlicht und einfach Pech.

 

I WANT IT ALL AND I WANT IT NOW

Jetzt könnte man natürlich auf die bereits erwähnten Dating-Dienstleister oder Teilzeitkuppler aus dem Bekanntenkreis zurückgreifen. Seinen Reiz hat das bestimmt für eine Weile. Dass es stupider Zufall ist, wann dich jemand trifft und liebt, das sagt dir keiner.
Diesem Zufall nicht unbedingt in die Karten spielend ist die Tatsache, dass sich unsere Generation mit immer weniger zufrieden gibt. Wir wollen alles: Ich will mit meinem Partner leidenschaftliche Nächte, tolle Abenteuer und die große Vertrautheit erleben. Intimität und zugleich Privatsphäre. All’ diese Dinge in einer Person zu finden ist eine heikle Angelegenheit. Dann verzetteln wir uns nämlich und die Partnersuche wird zum Hobby. Schon wieder. Dann besteht die Gefahr, dass man sich in das verliebt sein verliebt und sich später wundert wenn es einem tierisch auf den Zeiger geht, wie der andere sich die Zähne putzt. Auf dieser ständigen Hetzjagd nach dem großen Gefühl wirst du irgendwann zum Junkie und verlierst dich selbst. Aber wenn eine Sache all’ diese Emotionen in einem hervorruft, dann muss es doch Liebe sein. Und Liebe bedeutet Kampf, den es sich lohnt zu kämpfen. Denn wer kämpft, der wird irgendwann belohnt. Und plötzlich steht man vor einem Projekt wie nächsten Montag im Büro.

I THINK I’M FINALLY CLEAN

‚You need to love yourself and be yourself one hundred percent before you can actually love someone else’, singt Popstar Cristina Perri. So klischeehaft sich diese Songzeilen auch lesen mögen, falsch sind sie nicht. Komm’ einfach mal runter, ‚get clean‘. Schließlich kann man auch von Liebe abhängig werden. Aber man sollte schon durch den Tag kommen, ohne dass man permanent gelobt wird und bestätigt wird, wie toll man ist. Du bist toll. Glaub das. Manchmal bedarf es einfach ein bisschen Pflege des Selbstwertgefühls. Geh raus, zum Sport, auf Konzerte oder in’s Museum. Denn Menschen, die Spaß haben, verlieben sich leichter. Versprochen.
FABIAN S., 28

Anzahl Beziehungen: 2 – Maximaldauer: 6 Jahre – Wie oft „Ich liebe dich“ gesagt: einmal

FABIANMeine erste Beziehung war gefühlt für immer. Wir lernten uns kennen, während ich am Anfang meiner Ausbildung stand. Damals war ich 18 Jahre jung. nach einiger Zeit zogen wir zusammen und die Beziehung verfestigte und intensivierte sich.
Ich war ich glücklich, gar aufgeregt. Mein damaliger Freund M. war etwas älter als ich und schon gefestigt in seiner Karriere. Nach vier Jahren schlich sich dann aber Zweifel ein: Dieser Mann, für immer? Nie wieder verlieben? Irgendwann wurde es langweilig und wir lebten uns auseinander und teilten die Wohnung eher als Zweckgemeinschaft. Ich lernte damals einen Jungen kennen, der mich komplett berauschte.
Er heißt D.. Wir lernten uns auf einer After-Show-Party kennen. Ich war komplett infiziert von seiner Nähe. Ich brachte es jedoch nicht fertig, meine (sowieso nur noch auf dem Papier existierende) Beziehung zu beenden. Das setzte sowohl mir als auch D. sehr zu. Ich war ein Feigling. Er brachte es irgendwann über’s Herz, den Kontakt nach einem Jahr Versteckspiel abzubrechen.
Nach diesem Verlust und dem damit verbundenen Schmerz verließ ich meinen Freund. D. habe ich nicht wiedergewonnen. Damals war er meine große Liebe und ich bereue, ihm das nie gesagt zu haben. Er lebt in München, ich in Berlin. Wir schreiben uns immer noch an Geburtstagen. Ich hoffe, dass das so bleibt.
ALINA M., 24

Anzahl Beziehungen: 6 – Maximaldauer: 1 Jahr – Wie oft „Ich liebe dich“ gesagt: dreimal

ALINAJede meiner Beziehungen war für immer. Zumindest fühlte es sich am Anfang so an. Mit vielen von ihnen konnte ich mir vorstellen, alt zu werden und eine Familie zu gründen. Meistens war dann aber alles relativ schnell vorbei.
Es ist nicht einfach mit mir zusammen zu sein, zumindest glaube ich das. Ich mag es, wenn Männer mich begehren und um mich kämpfen. ich finde die Anfangszeit so aufregend, alles ist wie in Ekstase. Irgendwann ergreifen sie jedoch die Flucht, meine Eifersuchtsattacken sind legendär und wahrscheinlich in der Masse nur temporär zu ertragen. Manchmal fühle ich mich wie eine Indie-Version von Taylor Swift. Ich mag sie eigentlich nicht besonders. Man könnte mich gut ‚Amok-Dater‘ nennen, meine Freunde haben daran bereits gefallen gefunden.
Es ist auch nicht leicht für sie, nächtliche Tränenausbrüche und ausgedehnte Tauchgänge in Selbstmitleid gibt es öfter als Jahreszeitenwechsel.
Trotzdem weichen sie nicht von meiner Seite. Dafür bin ich dankbar. Zumindest für den Moment habe ich Beziehungen abgeschworen. Ich arbeite hart, um mir im Sommer einen mehrmonatigen Aufenthalt in Asien zu ermöglichen. Der Mensch braucht Ziele.

 
TiM L., 25

Anzahl Beziehungen 2 1/2 – Maximaldauer: 6 Monate – Wie oft „Ich liebe dich“ gesagt: keinmal

TIMIch bin chronisch beziehungsunfähig. Der alleinige Gedanke daran, dass eben eine solche für immer gehen könnte löst in mir panische Angst aus. Anscheinend habe ich Bindungsängste der Extraklasse, es fühlt sich aber nicht so an.
Ich mag viele Sachen: Gutes essen, Musik und angetrunkenen Sex mit Fremden. Ich bin nicht gut darin, Gefühle auszudrücken und den 100 WhatsApp-Nachrichten gerecht zu werden, die viele nach ein oder zwei gemeinsamen Nächten erwarten.
In meinen Augen sollte das nicht unmittelbar eine Verpflichtung sein. Man sollte es machmal einfach dabei belassen, was es ist. Nicht mehr und auch nicht weniger. Das bringt die meisten zu Weißglut und irgendwann sind sie dann weg. Und mit ihnen mein Spaß.
„Zu schmerzhaft“ sei meine Nähe. Ich finde schmerzhafte Liebe jedoch genau so widersinnig wie Monogamie. Ich bin Stammgast bei allen einschlägigen Dating-Apps aber glaube nicht, dass man dort jemanden kennenlernt, für den man tiefere Gefühle entwickeln könnte.
Das passiert anderswo. Wie bei mir letzten Juli im Büro. Vielleicht kehrt dieser jemand meine Ansichten um. Er ist anders als die anderen.

Categories: Allgemein, Lifestyle

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