Erschrocken mache ich die Augen auf: „Grüß Gott, die Fahrscheine bitte!“. Vor mir sehe ich verschwommen zwei Gestalten, die offensichtlich erwarten, dass ich ihnen mein U-Bahn Ticket zeige. Ich greife in meine Tasche und finde keine Fahrkarte. Was ich ebenfalls nicht finde bei dem Griff in die Taschen ist mein iPhone. Fuck, die letzten vier Long Islands waren eindeutig zu viel.

Das zweite Mal an diesem Tag wache ich durch ein Klopfen an meiner Tür auf. Es ist 4 Uhr nachmittags und ich liege in meinem Bett, als mein Zimmernachbar wissen will ob ich noch Milch habe.
Ich stehe auf, schalte den Laptop an und melde ohne viel Hoffnung mein iPhone beim Fundbüro als Verloren.

Das erste Problem tut sich einige Stunden später auf, als ich mich wieder schlafen legen will. Am nächsten Tag ist Montag und ich muss um 7 Uhr aufstehen. Ich besitze keinen Wecker, mein iPhone war mein Wecker. Man sollte erwarten, dass es unter den tausenden Funktionen eines Laptops auch eine Weckfunktion gibt. Gibt es aber nicht. Auf YouTube finde ich ein Tutorial, wie man sich einen Wecker selber programmieren kann. Dazu muss man einen Code kopieren, der wie ein Countdown funktioniert, wobei die Länge in Sekunden eingetragen werden muss. Bis 7 Uhr morgens sind es noch sechseinhalb Stunden, was 23 400 Sekunden entspricht. Ich tippe die Zahl in den Code ein, klicke auf Enter und lege mich schlafen.

Auf dem Weg zur U-Bahn fehlt mir die Musik, ohne Eminem im Ohr verdoppelt sich der Weg gefühlt. Die Zeit in der Bahn nutzte ich meistens, um meine WhatsApp Nachrichten zu beantworten oder Facebook zu checken. Jetzt stehe ich im Waggon und schaue Leute an. Leute, die auf ihr Smartphone schauen.

 

Julian von Ammon Gruppe

Ohne Handy fällt mir auf, wie oft andere auf ihr Smartphone schauen

Halb neun, Berufsschule: Während ich früher im Unterricht oftmals im Internet surfte oder meine Nachmittagsplanung mit Freunden abstimmte, fällt auch das jetzt weg.

Bald hat mein Banknachbar die Nummern von meinen engsten Freunden und meiner Freundin eingespeichert, damit ich über sein Handy mit ihnen kommunizieren kann.

Drei Tage danach bin ich auf dem Weg zur Uni. Ein paar Minuten zu spät treffe ich im Vorlesungsraum ein und habe mich schon fast hingesetzt, bis ich bemerke – Halt, das sind gar nicht meine Kommilitonen und der Prof kommt mir nicht bekannt vor. Dabei habe ich vorher noch extra am Laptop den Ort nachgeschaut. Wenn es kurzfristig zu Raumänderungen kommt, dann wird das – wer hätte es gedacht – per SMS kommuniziert und in der App angezeigt – am Smartphone. Nachdem mir ein Angestellter der Uni weitergeholfen hat, fahre ich nun also durch die halbe Stadt zu dem anderen Standort.

 

Nach ungefähr einem Monat kaufe ich mir in einem Handyladen am Hauptbahnhof ein altes Nokia. Damit ist mir nun zumindest eine Basiskommunikation mittels Telefonieren und SMS möglich – ich hatte komplett vergessen, wie lange man braucht eine SMS mit T9 zu verfassen.

Nach den ersten zwei bis drei Wochen des kalten Entzugs gewöhne ich mich langsam an das Offline-Leben. Während ich anfangs hauptsächlich die Nachteile und Probleme ohne Smartphone wahrgenommen habe, werden mir nun mehr und mehr die Vorteile bewusst. Ich merke, dass ich tatsächlich die Welt ein bisschen anders wahrnehme.

Man unterhält sich anders mit Menschen, wenn man nicht ständig ein vibrierendes Smartphone in der Tasche hat.

Man erlebt Dinge anders, wenn man nicht ständig den Gedanken im Hinterkopf hat, dass das erlebte festgehalten und per Social Media geteilt werden muss.

Und man ist anders anwesend, wenn man mit einer Gruppe unterwegs ist und nicht gleichzeitig auf WhatsApp am Schauen ist, was für andere Optionen es für den Abend gibt.

Julian von Ammon Smartphone

Oftmals liegt das Handy neben den Lernmaterialien

Ebenso fällt das reflexartige Greifen nach dem Smartphone weg. Kaum ist man an einem Ort, an dem man gerade nichts zu tun hat, wird aus der Erwartung nach Neuigkeiten das Handy gezückt. Auch wenn es gar nichts neues gibt. Aufgrund dessen wird dann zum zehnten Mal die Facebook Timeline durchgescrollt, wobei fast die Hälfte des Contents aus Werbung besteht.
Das bezieht sich auch auf das Lernen. Anstatt konzentriert den Stoff durchzuarbeiten nutzt man jede WhatsApp Nachricht dankbar als Chance, um sich kurzzeitig abzulenken. Dass man danach komplett den Faden verloren hat und extrem ineffizient arbeitet, ist einem meistens nicht bewusst.

Dieses Gefühl, ständig online sein zu müssen, fällt ohne Smartphone weg.
Nach drei Monaten ohne Smartphone, besitze ich mittlerweile wieder ein iPhone. Mein Nutzungsverhalten im Vergleich zu meiner vorherigen „Smartphone-Zeit“ hat sich jedoch verändert. Ich versuche nun aktiv auf das reflexartige Zücken des Smartphones zu verzichten. Außerdem habe ich mein Handy nun öfters mal für längere Zeit im Flugmodus, wenn ich ohne Unterbrechung arbeiten will und checke nur in bestimmten Intervallen meine Nachrichten.

Gleichzeitig erleichtert einem ein Smartphone den Alltag, wie zum Beispiel die Kommunikation mit Freunden, die Navigation zu einer unbekannten Adresse über Google Maps oder die Suche nach Informationen. Und ich kann wieder Eminem auf dem Weg zur U-Bahn hören.
Die moderne Technik bietet großartige Möglichkeiten. Bei der Nutzung ist es wichtig, die Funktionen nur dafür zu verwenden, wofür man sie wirklich braucht und es nicht zulässt, dass die reale Welt von der Online-Welt verdrängt wird.
Dies kann jeder durch sein Nutzungsverhalten für sich persönlich bestimmen. So schmerzhaft der Verlust des iPhones am Anfang war, so viel hat er mir in Bezug auf mein Nutzungsverhalten gelehrt.

Categories: Allgemein, Lifestyle, Medien

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