Meine Erfahrungen im Rollstuhl. Das Thema interessiert dich nicht? Aber wie würdest Du reagieren, wenn Du ab heute im Rollstuhl sitzen müssest?

Bildquelle: AbsolutVision auf www.unsplash.com

Hi, ich bin Dani und ich komme aus der Nähe von München. Ich bin 19 Jahre alt, also wahrscheinlich in Deinem Alter. Ich würde Dir gerne erzählen, wie meine ersten Erfahrungen im Rollstuhl waren. Besser gesagt – der erste Tag im Rollstuhl. Dich interessiert das Thema nicht? Das hat es mich am Anfang auch nicht. Aber was hättest Du getan? Keine Ahnung? Vielleicht hörst Du Dir ja doch lieber an, was ich zu erzählen habe.

Ich bekam meinen Rollstuhl in München. An diesem Tag war ich mit drei Freundinnen unterwegs, da wir den Tag in München nutzen wollten, vor allem ich, um mich an meinen neuen Begleiter zu gewöhnen. Uns wurde davor nur kurz erklärt, was zu beachten ist, wie der Rollstuhl aufgebaut ist und dann wurden wir auch schon losgeschickt. Super, nicht?

Wir gingen also ..äh.. besser gesagt sie gingen und ich fuhr los. Das erste Problem ließ nicht lange auf sich warten –  die Bordsteinkante, da wir die Straße überqueren mussten. Ich musste mir helfen lassen. Kein Wunder, so ganze ohne Erfahrung. Was mir gleich auffiel, ich bekam Vieles nicht richtig mit und sah auch Dinge anders aus meiner neuen Perspektive. Ich konnte mich auch nicht einfach mal umdrehen, wenn ich etwas nicht verstanden habe das meine Freunde hinter mir sagten.

Da das Wetter nicht gerade das beste war – November in Deutschland eben – wollten wir in Richtung Innenstadt und ein bisschen shoppen, Essen gehen, das Übliche an einem freien Tag mit Freunden. Schnell folgte die nächste Hürde: wie komme ich zur U-Bahn runter? Na klar, mit dem Aufzug. Aber der war, wie nicht anders zu erwarten, auf der anderen Straßenseite. Also erstmal ein paar hundert Meter vor zur Ampel, Straße überqueren und die gleiche Strecke wieder zurück. In der Kälte warten bis der Aufzug kommt und die U-Bahn war natürlich auch schon abgefahren. Also wieder warten. Gut, dann kam die nächste U-Bahn, aber ohne Hilfe ging das Einsteigen nicht. Zum Glück waren meine Freunde dabei. Während der Fahrt erkannte ich den ersten „Vorteil“ – man hat immer einen Sitzplatz.

Um an unser Ziel zu gelangen, mussten wir umsteigen in die S-Bahn. Wieder brauchte ich Hilfe. Unsere Haltestelle kam und wir wollten aussteigen. Plötzlich steckten aber meine Vorderräder zwischen S-Bahn und Bahnsteig fest. Hilfe! Ich hatte solche Panik, die S-Bahn würde gleich losfahren. Die drei Mädels zu schwach mich hochzuheben. Was nun? Zum Glück gibt es doch noch Menschen, die nicht einfach wegsehen, sondern mit anpacken. Danke an den netten Herren. Gut, auf den Schreck dann erstmal eine rauchen. Kennst Du ja vielleicht. Mir fielen einige komische, teils abwertende Blicke der Passanten auf und einige unterhielten sich offensichtlich auch über mich. Ein Rollstuhlfahrer der raucht? Im Sitzen ist es sich halt einfach gemütlicher.

Wir gingen, naja fuhren, wie auch immer: wir waren auf dem Weg zum Essen. Irgendwas das schnell geht: ab zu McDonalds. Der Weg dorthin bestand aus Kopfsteinpflaster. Es gibt eindeutig angenehmeres. Ihr kennt das ja, wenn ihr mit dem Auto unterwegs seid.

Im McDonalds selbst ging es weiter mit den bemitleidenden Blicken, dem Wegsehen und verzweifelt aufgesetzten Lächeln. Dieses Verhalten der Leute, teilweise wahrscheinlich nicht mal mit böser Absicht, gab mir ein schlechtes Gefühl. Als wäre ich anders. Auch die Bestellung war komisch, gerade so über den Tresen schauen und dann lass dir mal das Tablett rüberreichen. Keine Chance – Du brauchst Hilfe. Auch dass ich oft Hilfe brauche, bedrückte mich.

Aber das war es noch nicht mit den Problemen, denn wo setzten wir uns jetzt hin? Es war überfüllt und mit deinem Gefährt stehst Du ja eh nur im Weg rum. Beim Essen fühlst Du Dich dann die ganze Zeit beobachtet – höchst wahrscheinlich wurde ich das auch. Aber sei doch mal ehrlich. Schaust Du nicht auch manchmal und weißt nicht wie Du auf Menschen im Rollstuhl reagieren sollst? Wie wäre es mit ganz normal, da es auch nur Menschen sind.

Irgendwie war mir die Lust auf Shoppen dann vergangen nach all den Blicken und Reaktionen. Außerdem war der Hinweg schon so anstrengend und der Rückweg stand logischerweise noch bevor.

Wir waren dann noch ein bisschen in der Stadt unterwegs, eben nicht shoppen, aber die Schaufenster begutachten. Wie vorhin erwähnt, war es November und es fing an zu regnen. Mir war eh schon so kalt an den Beinen und das trotz dicker Wolldecke. Wir suchten also den Aufzug am Stachus auf und davor konnte man sich zum Glück, zumindest ein bisschen, unterstellen. Bevor wir uns dann wirklich auf den Rückweg machten, musste eine Freundin noch schnell auf Toilette.

Eine Sache die mir nicht aus dem Kopf geht – eine Security-Mitarbeiterin kam auf uns zu und bat uns doch bitte wo anders zu warten, da ich mit meinem Rollstuhl den Weg versperren würde. Wow – danke für nichts. Als würde ich es mit Absicht machen. Durch ein bisschen nachdenken, wäre die liebe Dame doch auch von allein darauf gekommen, dass wir den Aufzug danach nutzen wollen. Und sind wir doch mal ehrlich, wenn jemand gekommen wäre, hätten wir selbstverständlich kurz Platz gemacht. Es fühlte sich so an, als hätte sie gar nicht das Problem, dass es etwas eng war, sondern eher mit meinem Rollstuhl. Aber gut – wie sagt meine Mama immer so schön: „Dumme Menschen gibt es immer und überall“. Recht hat sie.

Da ich jetzt schon echt viel erzählt habe, komme ich nun langsam zum Ende. Eine Sache noch. Im unteren Bereich des Stachus drehte Galileo gerade Interviews. Meine Freunde, wie sie nun mal sind, schieben mich natürlich genau an der Kamera vorbei und fanden es lustig. Mir war das so unendlich unangenehm. Stell Dir vor das wird ausgestrahlt und ganz Deutschland sieht auf einmal, dass Du im Rollstuhl sitzt. Und das ist der Punkt: warum sollte es einem unangenehm sein? Man ist Mensch wie jeder andere. Wie hättest Du Dich gefühlt?  

Der Rückweg ging Durch Hilfe meiner Freunde und auch Passanten dann zum Glück mehr oder weniger leicht. Zurück an unserem Ausgangspunkt angekommen, war ich so froh. Nicht nur, dass ich zurück war. Nein. Ich war froh, die Decke von meinen Beinen zu nehmen und Aufzustehen. Ja, aufstehen. Ich kann verstehen, dass Du Dich auf Deutsch gesagt nun verarscht fühlst. Keine Frage. Aber hätte ich von Anfang an verraten, dass es nur ein Experiment war, dann hättest Du Dir das hier wahrscheinlich erst gar nicht durchgelesen.

Was mein Ziel dahinter war? Die Welt und vor allem Leute im Rollstuhl mit anderen Augen zu sehen, ihnen zu helfen, sie zu respektieren und vielleicht auch ein Stückweit zu verstehen.

Aber nochmal zurück zu Dir – wie würdest Du reagieren, wenn Du ab heute im Rollstuhl sitzen müssest?

von Dani S.

Leave a Reply