Angst vor dem Trainer, Tränen im Training, verletzt weiterturnen oder ein ruppiger Ton sind neben dem enormen Leistungsdruck bei Leistungsturnerinnen Normalität. Und das alles nur, weil die Trainer unbedingt die Goldmedaille bei dem nächsten internationalen Wettkampf nach Hause bringen wollen. Meist auf Kosten der körperlichen und seelischen Gesundheit der Turnerinnen.

Als Breitensportlerin war es früher für mich immer sehr frustrierend, wenn 5 Jahre jüngere Turnerinnen besser waren als ich. Jahrelang habe ich mir daher gewünscht, ich hätte früher angefangen oder mindestens dreimal die Woche trainiert. Einfach, dass ich mehr Zeit in das Hobby gesteckt hätte, das mir in kürzester Zeit so ans Herz gewachsen ist. Dabei habe ich meistens nur die guten Seiten des Leistungsturnens gesehen und die dunklen Seiten, die ich zum Teil aus den anderen Gruppen meines Vereines kannte, verdrängt. Wie oft habe ich die Kinder in der Leistungsgruppe weinen gesehen? Wie oft wurden die Kinder von den Trainern fertig gemacht, weil sie Übungen nicht perfekt geturnt hatten? Wie oft wurden Kinder, die sich am Balken leicht verletzt hatten, wieder auf den Balken geschickt, damit sie ja keine Angst vor dem Element bekommen?
Die Antwort ist: „viel zu oft“ und das, obwohl der Verein nur ein normaler Sportverein ist. Angst, insbesondere Angst vor den Trainern, wird im Leistungsturnen häufig als Trainingsmethode eingesetzt.

 

Turnen statt leben
Wer im Leistungsturnen erfolgreich werden will, kann kaum ein Leben außerhalb des Trainings haben. Nicht nur, weil das Training die meiste Zeit in Anspruch nimmt, sondern auch aus Angst, etwas vom Trainer verbotenes zu machen. Mit 6 Jahren trainieren Turnerinnen schon 2 – 3 Mal die Woche für eineinhalb bis zwei Stunden. Im Alter von 10 kommt es nicht selten vor 20 Stunden in der Woche zu trainieren, die Profis trainieren oft mehr als 30 Stunden die Woche. Dazu kommen meist noch lange Anfahrten zur Turnhalle, sofern die Turnerinnen nicht in einem Sportinternat leben, ganz zu schweigen von den langen Fahrtwegen zu den Wettkämpfen. Dazwischen bleibt nicht mehr viel Freizeit für die Jugendlichen, welche sie aber auch nicht frei gestalten können. Partys und Alkohol sind für sie sowieso verboten, aber auch Tätigkeiten, bei denen ein Verletzungsrisiko besteht, sind vom Trainer untersagt. Werden die Turnerinnen bei solchen Tätigkeiten erwischt, kommt es oft neben einer Strafpredigt vom Trainer auch zu Trainingsausschluss oder anderen Strafen.

jünger, schneller, besser
Von Turnerinnen wird in immer jüngerem Alter immer mehr abverlangt. Das Startalter bei internationalen Wettkämpfen liegt zwar eigentlich bei 16 Jahren, was viele schon als zu jung einstufen, allerdings gibt es seit 2019 auch eine Junioren Weltmeisterschaft mit einem Startalter von 13 Jahren, wodurch sich die Situation noch mehr zuspitzt. Das intensive Training in so jungem Alter führt zur körperlichen Unterentwicklung, das Wachstum verzögert sich und auch die Pubertät beginnt bei Leistungsturnerinnen später. Dazu kommt noch der psychische Druck, immer schwerere Übungen so perfekt wie möglich zu turnen. Da Turnen unter anderem bei den Olympischen Spielen eine der beliebtesten Sportarten ist, ist der Ehrgeiz der Trainer ziemlich groß, Turnerinnen mit Übungen mit immer höheren Schwierigkeitsgraden vorzubringen, um die Medaillen und somit das Geld einzubringen. Dies geht meist auf Kosten der körperlichen und psychischen Gesundheit der Turnerinnen.

Von Gewichtskontrolle bis Essstörrungen
Dass sich Leistungssport auf das komplette Leben, angefangen mit einer ausgewogenen Ernährung auswirkt, ist den meisten noch bekannt. Was mich allerdings stark schockiert hat, ist die Tatsache, dass die Turnerinnen wöchentlich auf die Waage müssen und schon bei der kleinsten Gewichtszunahmen nicht nur mit einem riesen Donnerwetter des Trainers zu rechnen haben, sondern zusätzlich auch mit Maßnahmen wie Ausdauertraining oder Joggen, um das zu hohe Gewicht so schnell wie möglich wieder los zu werden. Gelingt ihnen dies nicht, kommen auch mal Maßnahmen wie Trainingsverbote zum Einsatz. Zusätzlich zu der Angst vor dem regelmäßigen Wiegen und der Gefahr „zu dick“ zu sein, kontrollieren die Trainer auch die oft die Taschen nach Essen. Die ewigen Kontrollen und die damit verbundene Angst führen bei vielen Turnerinnen zu Essstörungen wie Magersucht.

Psychoterror
Von dem Trainer Beleidigungen wie „dicke Kuh“ oder „kein Wunder, dass Du die Übung mit deinem Gewichtnicht schaffst“ zu hören ist schon fast Normalität im Leistungsturnen. Durch Anschreien, Beleidigungen, Demütigung, Einschüchterung und Druck kontrollieren die Trainer die Jugendlichen. Sie bringen die Turnerinnen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. Aufgrund des Drucks kann es durchaus vorkommen, dass Turnerinnen trotz Verletzung weiterturnen, weil Trainer diese als Einbildung oder Ausreden abtun. Um die Schmerzen der Turnerinnen zu lindern, verabreichen sie zum Teil verschreibungspflichtige Medikamente, damit sie weiter turnen können. Die Turnerinnen machen dies meist unter Angst, aber ohne sich zu beschweren mit. Dabei dominiert die Sorge ihre Karriere zu riskieren oder den Zorn des Trainers auf sich zu ziehen. Im Vordergrund steht für die Turnerinnen, es den Trainern recht zu machen, um in einem guten Licht zu erscheinen.

 

Die Angst vor dem Trainer, die Einschüchterungen, Demütigungen und Beleidigungen, kombiniert mit dem körperlich anspruchsvollen Training hinterlassen bleibende Spuren bei den Turnerinnen. Die meisten Turnerinnen müssen nach Abschluss ihrer Karriere erstmal in Therapie, um die ganzen Ereignisse verarbeiten zu können.
Ich finde es sehr traurig, dass Medaillen wichtiger sind als das Wohl der Turnerinnen. Es ist erschreckend, dass besonders strenge Trainingsmaßnahmen und viel Druck mit dem einzigen Ziel, die nächste Goldmedaille bei einem internationalen Wettbewerb zu gewinnen, für viele Trainer vertretbar sind.

Im Nachhinein bin ich doch ganz froh, im Breitensport gelandet zu sein. Obwohl der Deutsche Turnbund im Vergleich zu anderen Ländern gut gegen diese Trainingsmethoden vorgeht, wenden viele Trainer sie immer noch an. Mein größter Respekt gilt den Turnerinnen, die diese Trainingsmethoden und Drills viel zu oft mitmachen und immer noch mit Spaß und Leidenschaft turnen.

 

Sibylle Bauer

 

 

Quellen

Misshandlungen im deutschen Turnen: Sie wollte kein Roboter mehr sein – und bekam die Strafe – Sport – Tagesspiegel

Turnen: Spitzenturnerinnen erheben schwere Vorwürfe gegen Gabriele Frehse | MDR.DE

Sportschau: Turnen – Training unter Angst | ARD-Mediathek (ardmediathek.de)

Netflix-Doku: Athleth A

Categories: Allgemein, Sport

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